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Moderne Kunst : Die Zukunft der Frankfurter Gegenwart

Das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt hatte es eilig, einen Nachfolger für den scheidenden Leiter Udo Kittelmann zu finden. Mit Susanne Gaensheimer hob es eine klassisch ausgebildete Kunsthistorikerin ins Amt, die intellektuelle Diskurse anschaulich machen kann.

          Susanne Gaensheimer wird Leiterin des Frankfurter Museums für Moderne Kunst (MMK): Das ist eine Nachricht, die weit über Frankfurt hinaus Bedeutung hat. Die 1967 geborene Kunsthistorikerin, die bisher die Sammlung für Internationale Gegenwartskunst im Münchner Lenbachhaus und davor den Westfälischen Kunstverein Münster leitete, betritt ein schwieriges Terrain, denn in der bisher reichen Frankfurter Museumslandschaft drohen zur Zeit die Dinge aus dem Lot zu geraten: Erst kündigte Udo Kittelmann, bisher Leiter des MMK, um als Direktor der dortigen Nationalgalerie nach Berlin zu gehen; dann reichte Chus Martínez, die gerade erst die Nachfolge von Nicolaus Schafhausen beim Kunstverein angetreten hatte, ihre Kündigung ein; schließlich wurde bekannt, dass Daniel Birnbaum, Chef der Städelschule und des Portikus, sich ab November von seiner Funktion beurlauben lässt, um sich auf seine Aufgabe als Leiter der 53. Kunstbiennale von Venedig zu konzentrieren, und es ist kein Geheimnis, dass starke Kräfte an ihm zerren, die ihn anderenorts sehen wollen als in Frankfurt.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          All diese Personalien werfen Fragen auf, wie es mit der Gegenwartskunst in Frankfurt weitergehen wird - zumal das von Max Hollein geführte Städel Museum in einem atemberaubenden Tempo expandiert und wie eine kulturpolitischer Allesfresser auf Feldern grast, die als Hoheitsgebiet des MMK galten - zum Beispiel die Sammlung zeitgenössischer Fotografie. Hollein überführte gerade eine Auswahl von rund zweihundert Fotografien aus der Sammlung der DZ-Bank in eine gemeinsam getragene GmbH und damit in den Besitz des Städels. Gleichzeitig wurden für die Sammlung des Städels Arbeiten von Peter Roehr und Thomas Bayrle angekauft, Künstler, die man bisher vor allem am MMK fand.

          Den Groll, den Max Hollein mit dieser von Skeptikern als Museumsimperialismus und Übergang vom Bürger- zum Bankenmuseum empfundenen Expansion auf sich zog, wies er mit dem Argument zurück, der Sammlungsauftrag des Städel schließe Gegenwartskunst explizit mit ein und die Kontrolle werde durch die GmbH nicht aus der Hand gegeben - was zweifellos stimmt. Was aber tun, wenn sich die beiden Sammlungen immer mehr annähern? Ist Platz genug für zwei Häuser, die Ähnliches treiben? Einige gingen so weit vorzuschlagen, Hollein zum Generaldirektor auch des MMK zu machen, um die Gegenwartskunstsammlungen besser koordinieren zu können.

          Zurück zur klassischen Ausbildung

          Dieses Modell ist mit Gaensheimers Ernennung erst einmal vom Tisch, ebenso die Gefahr, das MMK zum Ersatzteillager des Städel-Schirn-Komplexes zu degradieren. Das überstürzte Tempo, mit dem die MMK-Personalie jetzt entschieden wurde, ist dabei auch ein Versuch, die schwelende Diskussion um das MMK und seine - bei genauem Hinsehen - international einmalige Sammlung zu beenden, bevor sie offen ausbricht. Viele hatten sich dabei erhofft, dass Kulturdezernent Felix Semmelroth zur Stärkung und Aufwertung des MMK einen international bekannten Namen holt, der für einen von Hollein verschiedenen Ansatz stünde; die Rede war von Hans Ulrich Obrist, und wie man hört, wäre Francesco Bonami, der vor 2003 die Biennale von Venedig leitete, unter Umständen bereit gewesen, die Aufgabe zu übernehmen, ebenso Christine Macel vom Pariser Centre Pompidou.

          All das spricht keineswegs gegen Gaensheimer, im Gegenteil: Ihre Berufung ist ein Signal, das über Frankfurt hinaus wichtig ist - und das nicht nur, weil mit ihr das Herrenclubprinzip der deutschen Museumslandschaft durchbrochen wird, in der man die Direktorinnen wichtiger Museen an sehr wenigen Fingern abzählen kann. Mit der Entscheidung für Gaensheimer, die über „Sexualität und Destruktion im Werk Bruce Naumans“ promovierte wurde, wird dem Trend zum Museumsmanager und zu kuratorischen Seiteneinsteigern wieder die klassisch ausgebildete Figur des akademischen Kunsthistorikers entgegengestellt, der Entwicklungen der Gegenwart historisch verorten kann. Von Gaensheimer ist eine fundierte Ausstellungsarbeit zu erwarten, die Wissenschaft und Museumsarbeit verbindet und intellektuelle Diskurse in Ausstellungen anschaulich macht.

          Wer die Potentiale nutzt, braucht nichts zu fürchten

          Eine der wichtigsten Aufgaben für Gaensheimer wird es dabei sein, die Schätze der Sammlung zu heben. Sogar unter Kennern der Szene weiß kaum jemand, was sich alles in den Lagern des MMK befindet, und man ist erstaunt, zu sehen, wie präzise Udo Kittelmann Werke ankaufte, die zusammen überzeugende Fährten durch die neuere Kunstgeschichte legen. Allein eine Ausstellung um Künstler wie Cady Noland und Anthony Mc Call herum böte Gelegenheit, die Gegenwartskunst anders zu sehen. Und im Gegensatz zum Städel besitzt das MMK einen reichen Fundus an Installations- und Performancekunst, die sich mit dem utopischen Potenzial neuer Formen auseinandersetzt, mit Kunst als Bühne und als emanzipatorischem Gegenweltentwurf.

          Dass sich diese Spezialität nach außen kaum mitteilte, lag daran, dass aus der Sammlung bestückte thematische Ausstellungen eher selten waren und nachvollziehbare Bestandskataloge nicht existieren. Das muss Gaensheimer ändern. Es ist zu hoffen, dass dabei auch ihr der Stellvertreter Andreas Bee zur Seite steht, der es ebenfalls verdient hätte, zum Direktor berufen zu werden. Und wenn dann sichtbar wird, was das MMK gerade in den letzten Jahren an Schätzen zusammengetragen hat, wird es sich auch nicht mehr vor dem wachsenden Städel fürchten müssen.

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