Vor ein paar Wochen unterhielt ich mich auf einer von Leuten mittleren Alters besuchten Dinnerparty mit zwei hochgebildeten Frauen, die von der berauschenden Wirkung ihrer Lektüre der „Fifty Shades of Grey“ schwärmten. „Ich kam jeden Abend nach Hause und versank vollständig darin“, erzählte die eine. „Ich las bis tief in die Nacht, bis ich alle drei Bände durchhatte. Seit Anna Karenina hat mich kein Buch mehr so fasziniert.“
Hier ein paar Daten, die am Rande damit zu tun haben dürften: Die Zahl der in den Vereinigten Staaten geborenen Mädchen, die seit 1880 den Vornamen „Amber“ erhielten, stieg im Jahr 1944 plötzlich an, als eine Amerikanerin, Kathleen Winsor, ein äußerst populäres Buch mit dem Titel „Forever Amber“ schrieb, das „Fifty Shades“ dieser Zeit. Bei Wikipedia heißt es dazu: „,Forever Amber‘ erzählt die Geschichte der früh verwaisten Amber St. Clare, die in der englischen Gesellschaft des 17. Jahrhunderts aufsteigt, indem sie mit immer reicheren und bedeutenderen Männern schläft oder sie heiratet, dabei aber stets an ihrer Liebe zu dem einen Mann festhält, den sie nie für sich gewinnen kann. Das Buch wurde in vierzehn amerikanischen Bundesstaaten als ,pornographisch‘ verboten.“
Hier eine Grafik mit der Zahl weiblicher Geburten namens ’Amber’ in den Vereinigten Staaten seit 1880.
Frage 1: Warum begannen 1944 so viele Frauen ihre Töchter nach der Heldin eines Romans zu benennen, der damals als pornographisch galt, und nach einer Frau, die sich durch alle Betten schläft?
Reiz des Direkten
Nun hatte ich angenommen, „Fifty Shades of Grey“ wäre ein Softcore-Roman für Frauen, in dem sich sexuelle Zwischenfälle wie in „Forever Amber“ allenfalls in Andeutungen fänden, aber meine Dinnerparty-Bekanntschaften versicherten mir, das Buch enthalte sehr explizite erotische Szenen.
„Wenn das so ist“, meinte der Ehemann einer der Damen, „wenn explizite erotische Szenen euch gefallen, warum geht ihr dann nicht einfach zu porn*.com? Heute kann man sich im Internet kostenlos Sachen ansehen, da machen Männer und Frauen Dinge miteinander, von denen man sich als Teenager in den fünfziger Jahren nicht vorstellen konnte, dass sie jemals gezeigt würden.“
„Iiih“, meinten die Frauen darauf unisono. (Um dem Laster nicht Vorschub zu leisten, gebe ich den Namen der Site nicht vollständig an.)
Schmutzige Langeweile
Im Interesse einer akkuraten Berichterstattung vertiefte sich Ihr unerschrockener und nicht leicht zu erschütternder Kolumnist sowohl in den ersten Band der Fifty-Shades-Trilogie als auch in die Pornowebsite, um herauszufinden, ob er deren Reiz nachvollziehen kann.
Als Mann lässt Fifty Shades mich weitgehend kalt. Das Buch handelt von der jungen und anfangs jungfräulichen Anastasia Steele (vergleiche Amber St. Clare) und dem perversen, erstaunlich gutaussehenden und reichen Geschäftsmann Christian Grey, die gewissermaßen in einer förmlichen sadomasochistischen Beziehung zueinander stehen. Ich gestehe widerstrebend ein gewisses Interesse an der Frage, wie Christian wohl zu einem Perversen geworden war, aber der Rest ist auf langweilende Weise schmutzig und auch ganz offensichtlich für Frauen bestimmt.
Frage 2: Gibt es da etwas bei den Frauen, das bewirkt, dass so viele von ihnen sich zu diesem Bestseller hingezogen fühlen, in dem es in erster Linie um Bondage und Sadomasochismus geht?
Was nun die Pornowebsite angeht, entdeckte Ihr Kolumnist (in der dritten Person klingt es viel nobler, oder?), dass man dort Videos aus einem breiten Spektrum gut dreißig verschiedener Geschmacksrichtungen auswählen kann, von denen er vielfach gar nicht gewusst hatte, dass es sie überhaupt gibt. Und im Unterschied zu „Fifty Shades“ sind alle Videos kostenlos, oft absolut explizit, in Farbe und mit einem recht bemerkenswerten Ton (gelegentlich getrübt von der Stimme des Regisseurs, der seine zwei oder drei Darsteller in Position bringt).
Erotik ist eine Frage des Geschlechts
Frage 3: Porn*.com richtet sich eindeutig an Männer. Warum gibt es für Männer solch eine Vielfalt an erotischen Unterhaltungsangeboten, für Frauen dagegen nur eine einzige?
Frage 4: Was veranlasst so viele Frauen jeglichen Alters, von Teenagern bis hin zu Siebzigjährigen, sich in expliziten Szenen in Großaufnahme vor der Kamera zu präsentieren? Es handelt sich um Amateurfilme, die in Küchen und Wohnzimmern gedreht wurden und auf der Website kostenlos angeschaut werden können. Die Beteiligten können unmöglich viel Geld damit verdienen. Tun sie es für ein paar Dollar, Euro, Kopeken, Sloty, Kronen, Yen? Oder macht es ihnen einfach Spaß? Ich nehme an, dieselbe Frage könnte man auch im Blick auf die beteiligten Männer stellen.
Typisch Mann, typisch Frau
Einmal abgesehen von der Pornographie, haben Männer und Frauen ganz unterschiedliche Stile bei der Suche nach einer Romanze. In der New York Review of Books finden sich seit Jahrzehnten sprachlich sehr elaborierte Kontaktanzeigen. Hier eine nicht untypische Anzeige, die von einem Mann stammt:
Architekt, Mitte 60, 1,80 m, 85 kg, Nichtraucher. Liebt gute Musik, Kino, Katzen, Wortspiele und Kreuzworträtsel. Sucht Dame aus Manhattan für Museumsbesuche, Konzerte und mehr.
Schlicht und direkt. Und hier nun die ebenfalls nicht untypische Anzeige einer Frau:
Anmut, Substanz und genau das richtige Maß an Glanz und gutem Aussehen. Faszinierend, leidenschaftlich, bikulturell - harmonische Mischung aus New York und Indien. Versiert, professionell, hat schon publiziert. Sinnlicher, selbstironischer Charme, ausgeprägte künstlerische Sensibilität. Passionierte Joggerin, begeisterte Köchin, schlanke Figur, gute Tänzerin (Auftritte in Indien und den Vereinigten Staaten), in technischen Dingen (Reparaturen...) manchmal ziemlich ungeschickt. Bekannt für ansteckendes Lächeln, schelmische Verschmitztheit, ein unbekümmertes Wesen, Großzügigkeit. Intellektuell und feminin - liebt es, ein warmes, kraftspendendes Heim zu schaffen; fühlt sich angezogen von den Kunst- und Wissenschaftsseiten der New York Times, von Faulkner, Jhumpa Lahiri, Alvin Ailey, Theater, Yoga. Gesteht gewisse Laster - Schokolade, Wein, mein Flachbildschirmfernsehgerät für DVDs. Möchte gerne mit einem besonderen Mann wieder einmal nach Paris oder in den Grand Canyon. Sucht gebildeten, attraktiven, aufmerksamen Ihn, Mitte 50 bis Mitte 60, in Form, leidenschaftlich, warmherzig, finanziell gesichert, liberal, der über sich selbst hinausblicken kann.
Der letzte Satz - „der über sich selbst hinausblicken kann“ - ist angesichts des vorher Gesagten pure Ironie.
Frage 5: Sehen die Inserentinnen nicht, dass es in ihren Anzeigen eine Art Heisenbergscher Unschärferelation gibt? Je mehr sie sich als reizvoll zu beschreiben versuchen, desto reizloser werden sie.
Ich möchte wetten, dass im Augenblick immer mehr in den Vereinigten Staaten geborene Mädchen den Namen Anastasia erhalten.
Höhere Töchter
Julius Calvelage (julca)
- 27.11.2012, 13:15 Uhr
Frau in der Rolle
Thorsten Krach (sanctum.praeputium)
- 27.11.2012, 13:04 Uhr
Gähn...
Ulrike Metz-Kurschel (Erdi1708)
- 27.11.2012, 11:47 Uhr
Lies Kontaktanzeigen...
Michael Meier (never1)
- 27.11.2012, 10:42 Uhr
seufz
Mark Möschl (Cimpoler)
- 27.11.2012, 09:27 Uhr