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F.A.Z.-Kolumne von Emanuel Derman Ruf die Grinsekatze an!

 ·  Die Liebe ist eine heikle Angelegenheit zwischen Gefühl und Vernunft. Vor Trennungsangst ist nur geschützt, wer das Gleichgewicht hält und Unabhängigkeit bewahrt.

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Eines frühen Morgens bestieg ich in Peking die Maschine nach Hongkong. Wenig später setzte sich ein großer, elegant gekleideter Mann von Mitte fünfzig in den Sitz neben mir, das Handy fest ans Ohr gepresst. „Arbeitest du schon?“ fragte er in einem Englisch mit nordeuropäischem Akzent in das Handy. „Ich wollte noch einmal deine Stimme hören, bevor ich abfliege. Ich bin kaum weg und vermisse dich schon.“ Es folgte eine lange Pause. „Und du?“, fragte er. Schweigen. Er beendete das Gespräch und machte es sich in seinem Sitz bequem, verstaute seine Bücher und Magazine in der Sitztasche, während sein Handy auf der Armlehne zwischen uns lag.

In den zehn Minuten bis zum Schließen der Kabinentür rief er mehrmals eine Nummer an, die aber nicht zu antworten schien. Nach vier Klingelzeichen hörte ich jedes Mal ein paar Takte einer meditativen, chinesisch klingenden, in Moll gehaltenen Musik, die ein wenig Ähnlichkeit mit einer Sonate von Philip Glass hatte, und dann meldete sich eine Frau, die Mandarin sprach. Nach dem vierten Versuch hinterließ er eine Voicemail-Nachricht: „Ich warte auf den Take-off. Ich vermisse dich. Schickst du mir eine E-Mail?“ Als dann die Stewardess mit der Aufforderung durch die Gänge lief, alle Mobiltelefone auszuschalten, sah ich, dass er noch eine kurze SMS abschickte.

Wir lehnten uns zurück, dann wandte er sich ein wenig erregt an mich. „Sie halten mich sicher für sonderbar“, sagte er, „weil ich versuche, ein langes Gespräch mit jemandem zu führen, der das im Augenblick offenbar nicht will.“ Ich schüttelte den Kopf. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte ich. „Verzeihen Sie, Sie wirken ein wenig derangiert.“

Geschenke als Liebesgrundlage?

“Ich weiß, meine Probleme sind ganz uninteressant für Sie“, erwiderte er. „Aber ich muss mit jemandem reden. Sie ist dreiunddreißig. Sie ist in einem Hutong-Viertel in Peking aufgewachsen. Ich kenne sie seit sechs Jahren. Ich bin ihr begegnet, als ich für kurze Zeit als Repräsentant einer norddeutschen Firma hier arbeitete, und sie war damals Kassiererin in einer Bank. Wir wurden mehr als Freunde, und ich dachte, wir könnten zusammenleben. Ich kam regelmäßig für eine Woche zu geschäftlichen Terminen nach Peking und verbrachte meine ganze freie Zeit mit ihr. Sie besuchte mich in Europa, und einmal reisten wir gemeinsam durch China.

Ich lieh ihr Geld, sie ging zur Universität, promovierte, fand einen wirklich guten Job in einer Bank, verdiente gutes Geld und lieh sich noch mehr. Wie soll ich sagen? Sie hat sich an ein unabhängiges Leben gewöhnt. Sie hat es nicht leicht - alte Eltern, die ihre Unterstützung brauchen, und die langen Arbeitszeiten in der Finanzbranche.

Aber sie hat ihre eigene Wohnung, und sie liebt ihre Unabhängigkeit. Als ich sie kennenlernte, dachte ich, wir könnten uns gemeinsam niederlassen - wie eine Romanfigur von Graham Greene aus den fünfziger Jahren, wenn Sie wissen, was ich meine. Aber sie liebt ihre Freiheit und das Recht, sich alles zu kaufen, was sie haben möchte. Wenn ich hier in Peking bin, verbringen wir unsere Zeit gemeinsam. Sie besucht mich auch gerne in Deutschland, aber das genügt ihr. Ich wollte mehr.“

Bekenntnisse der Grinsekatze

“Das tut mir leid“, sagte ich. „Aber was wollen Sie machen? Vielleicht brauchen Sie etwas Geduld. Manchmal ändern Menschen sich.“ „Nein“, erwiderte er und lehnte sich zu mir herüber, um leise sprechen zu können. „Ich lerne es nie. Mein ganzes Leben lang leide ich unter Trennungsangst, wie man das nennt. Ich gehöre zu den Leuten, die beim Telefonieren niemals als erste auflegen.

Ich wünsche mir, dass Gespräche wie das Grinsen der Grinsekatze enden. Ich möchte, dass sie fast unmerklich ausklingen, ohne dass einer die Verbindung endgültig unterbricht. Ich mag Trennung nicht, und eine Trennung von ihr ist für mich das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann. Ich habe mich an sie gewöhnt.“ Sein Englisch war förmlich, aber ausgezeichnet.

“Sie wissen niemals, was als nächstes geschieht“, sagte ich zu ihm. „Das gehört zu den gnädigen Aspekten des Lebens.“ „Aber nicht in diesem Fall“, erwiderte er. „Sie hasst es, dass ich sie brauche. Und sie hasst es, wenn ich mich dafür entschuldige. Jeder Wunsch, den ich äußere, erfordert eine Entschuldigung. Und jede Entschuldigung ist für sie ein weiteres Ärgernis. Ich rufe sie zu oft an, schicke ihr zu viele Mails. Sie sagt durchaus, dass sie mich liebt. Aber es ist nicht meine Art von Liebe. Ich glaube, Tolstoi hat einmal geschrieben: ,Wo keine Liebe ist, da hilft auch kein Zwang.’“

 Die schwarze Wolke

“Sie müssen vernünftig sein“, sagte ich. „Vielleicht müssen Sie mit der Liebe genauso umgehen wie mit Ihren geschäftlichen Angelegenheiten. Fragen Sie sich, wo Sie stehen, was Sie wollen, und wie Sie es bekommen.“ Das glaubte ich zwar selbst nicht, aber für ihn schien es mir der richtige Rat zu sein. „Das kann ich nicht“, meinte er. „Ich bin impulsiv. Nicht im Geschäftsleben, aber in meinem Gefühlsleben. Wissen Sie was? Ich muss anfangen, sie zu hassen. Das ist die einzige Lösung. Sie hat auch gute Seiten. Aber die muss ich vergessen, damit ich wieder frei werde.“

“Ich denke, Sie sollten die Realitäten erkennen, denen man nicht entkommen kann“, sagte ich. „Es ist besser, die Wahrheit zu erkennen und davon auszugehen, als von dem, was sein könnte.“ Er atmete tief ein und sah mich erstaunt an. „Mein Gott, mir ist gerade etwas klar geworden“, sagte er. „Sie hat ein Leben mit mir und ein Leben ohne mich. Aber ich habe kein Leben ohne sie.“

“Wenn das so ist, zumindest im Augenblick, müssen Sie das akzeptieren und entsprechend handeln“, sagte ich. „Sie sollten sich ebenfalls ein weiteres Leben schaffen, und zwar wohl eher auf lange Sicht.“ Er schüttelte langsam den Kopf, als wollte er seine Sinne klären. „Ich habe einmal ein Buch mit dem Titel ,Die schwarze Wolke’ gelesen“, sagte er bedächtig. „Einen Science-fiction-Roman über eine riesige Wolke, die sich im Weltraum Richtung Sonne bewegt und sich dann um sie legt, sodass kaum noch Licht zur Erde gelangt.

Ich mag Science-fiction eigentlich nicht, aber das war ein gutes Buch. Am Ende erkennen die Menschen auf der Erde, dass die Wolke eine Lebensform mit weit verteilter Intelligenz ist, die hergekommen war, um neue Energie zu tanken. Sie kann die Menschen verstehen und ihre Funkbotschaften entschlüsseln. Die Menschen bitten sie, ihnen den Kältetod auf der Erde zu ersparen. Die Wolke zieht ab, aber vorher bitten die Menschen sie, ihnen die Wahrheit über das Universum zu sagen. Die Wolke verlangt, dass ein Freiwilliger sein Gehirn auf elektronischem Wege direkt mit ihr verbinden lässt. Die Wahrheit über das Universum, was immer sie gewesen sein mag, ist jedoch zu viel für ihn.

Schon nach wenigen Stunden wird er immer unruhiger, seine Erregung steigt, er entwickelt ein Gehirnfieber und stirbt. Er stirbt, wie man sagen könnte, an kognitiver Dissonanz. Die Mitteilungen über eine Realität, die sich so stark von seinen eigenen Vorstellungen unterscheidet, kann er einfach nicht einordnen. Ich bin wie er.

Worauf ich mich da eingelassen habe, ist nicht das, was ich dachte. Vielleicht ist es zu viel für mich. Mein Gehirn möchte sich in zwei Teile aufspalten, in einen, der nach den alten Vorstellungen lebt, und einen anderen, der mit meinem neuen Verständnis meiner Hutong-Freundin lebt. Aber leider befinden die beiden Hälften meines Gehirns sich im Krieg miteinander. Ich bin dem alten Europa verhaftet“, sagte er mir. „Ich kann diese neue Welt nicht akzeptieren. Ich möchte jetzt einfach schlafen.“

Er verstummte. Als wir in Hongkong landeten, schaltete er sein Handy ein und nahm seine Anrufe wieder auf.

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

Quelle: F.A.Z.
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