Für Modelle der physikalischen Welt sind wieder gute Zeiten angebrochen. Nach einer Dürreperiode von nahezu fünfzig Jahren haben Physiker am CERN nun möglicherweise das lange gesuchte Higgs-Boson entdeckt. Was jedoch Modelle für die sozialen Welt angeht, sind die Zeiten schlecht - wobei ich „Modell“ etwa in dem Sinne verstehe, in dem der Generalmajor in Gilberts und Sullivans The Pirates of Penzance singt: „Ich bin das Modell eines modernen Generalmajors.“
Am 16. August schossen südafrikanische Polizisten auf streikende Arbeiter. Am 17. August wurden die Mitglieder der Punkrock-Band Pussy Riot zu zwei Jahren Arbeitslager verurteilt, und der Richter erklärte, die drei hätten jeglichen Respekt vor gläubigen Menschen vermissen lassen. Wer hätte gedacht, dass mehr als zwanzig Jahre nach dem Ende der Apartheid und dem Fall der Berliner Mauer eine südafrikanische Regierung auf schwarze Demonstranten schießen lässt und ein russisches Gericht Menschen wegen der Missachtung dessen verurteilt, was einst als Opium der Massen galt? Wer hätte vorausgesehen, dass politische Macht und geschäftlicher Erfolg in den beiden Ländern heute so eng miteinander verflochten sind.
Als Modelle für das Leben sind Apartheid und Kommunismus vor zwanzig Jahren gescheitert. Heute muss das Scheitern des ungezügelten Kapitalismus traurig stimmen, der an deren Stelle trat, und nicht nur in Südafrika und Russland, sondern auch in den Vereinigten Staaten und Europa enttäuscht hat. Da läuft etwas schief mit dem aktuellen Modell. Es ist Zeit für Empörung. Hier nur ein paar Beispiele für Skandale aus den letzten Monaten.
Von Banken und Kraftwerken
Zunächst die Banken. Ende Juli nahm die HSBC 700 Millionen Dollar Rückstellungen für mögliche Strafzahlungen und sonstige Ausgaben im Zusammenhang mit Vorwürfen der Geldwäsche für Gewinne aus dem Drogenhandel vor. Nur einen Monat zuvor hatte Barclay’s sich bereiterklärt, an die Regulierungsbehörde 420 Millionen Dollar wegen des Vorwurfs einer Manipulation des LIBOR zu zahlen, des Zinssatzes, der weltweit als Vergleichsgröße für die Zinssätze von Geschäfts- und Privatkrediten dient. Wenig später erklärte Standard Chartered sich nach kurzem Leugnen bereit, 340 Millionen Dollar Strafe im Zusammenhang mit dem Vorwurf zu zahlen, Transaktionen zur Finanzierung terroristischer Gruppen verschleiert zu haben.
Ich denke, Kraftwerke sind ein gutes Modell für Banken. Banken genießen das Privileg, Kredite zu gewähren und durch solche Geldschöpfung das für eine moderne Ökonomie unerlässliche Kapital bereitzustellen. Insofern ähneln sie den Energieunternehmen, die dem Land den nötigen Strom liefern. Aber die Banken sind außer Kontrolle geratene Kraftwerke. Es ist schon erstaunlich, dass Ermittlungen wegen eines strafbaren Verhaltens eingestellt werden, wenn die betreffenden Institutionen Strafzahlungen leisten, und dass diese Strafzahlungen, die im Vergleich zu den Profiten relativ gering ausfallen, die Aktionäre treffen, nicht aber die Personen, die für das Vergehen verantwortlich waren. Als Institutionen kommen Banken bei Vergehen ungeschoren davon, die Privatpersonen niemals straflos begehen könnten.
Eine erweitertes Scheitern der Modelle
Bisher habe ich Anzeichen für aktive Vergehen von Unternehmen beschrieben, doch es gibt auch Anzeichen für Vergehen durch Unterlassung. Visa, MasterCard, Paypal, Western Union und die Bank of America weigerten sich zu unterschiedlichen Zeiten, Zahlungen an Wikileaks weiterzuleiten. Was immer man über Julian Assange und Wikileaks denken mag, lässt sich doch kaum einsehen, warum eine mit staatlichen Privilegien ausgestattete Bank das Recht haben sollte, willkürlich darüber zu entscheiden, an wen sie Geld weiterleitet und an wen nicht. Vor allem wenn nach einem Bericht der New York Times vom 28. September 2006, „die Bank of America eingeräumt hat, dass ihre laxen Kontrollen es südamerikanischen Geldwäschern ermöglicht haben, illegal 3 Milliarden Dollar durch eine einzige Filiale in Midtown Manhattan zu schleusen“.
Das Scheitern der Modelle beschränkt sich nicht auf die Finanzbranche. Im April gehörten Johnson & Johnson lediglich zu den letzten pharmazeutischen Unternehmen, die eine riesige Strafe, in ihrem Fall mehr als 1,2 Milliarden Dollar, zu zahlen hatten, weil sie die Gefahren des Neuroleptikums Risperdal heruntergespielt hatten, das immer mehr Kindern verschrieben wird.
Eine Frage individueller Verantwortung
Was das Internet angeht, das idealistischen Träumern einst unsinnigerweise als nichtkommerzieller Bereich galt, so erfolgt die Verbreitung von Nachrichten und künstlerischen Erzeugnissen zunehmend in der Weise, dass die Konsumenten „kostenlos“ Inhalte im Austausch gegen das Recht erhalten, ihre persönlichen Daten an die Werbebranche zu verkaufen. Auch dieses Geschäftsmodell verstößt gegen traditionelle Standards des Schutzes der Privatsphäre, wenn auch mit dem stillschweigenden Einverständnis des Publikums. Das erinnert mich an eine Passage in einem Brief, den Aldous Huxley Ende der 1940er Jahre an George Orwell schrieb:
„Ich glaube, innerhalb der nächsten Generation werden die Führer der Welt entdecken, dass die Konditionierung der Kleinkinder und eine medikamentengestützte Hypnose effizientere Instrumente staatlicher Herrschaft sind als Schlagstöcke und Gefängnisse und dass die Lust an der Macht sich ebenso vollständig befriedigen lässt, wenn man die Menschen dazu bringt, ihre Knechtschaft zu lieben, statt sie mit Schlägen und Fußtritten zum Gehorsam zu zwingen.“
Welche einzelnen Personen innerhalb der Unternehmen beteiligten sich an Geldwäsche, manipulierten den LIBOR oder beschlossen willkürlich, Überweisungen an bestimmte Personen oder Institutionen nicht mehr weiterzuleiten? Erst wenn die betreffenden Personen die Folgen ihrer individuellen Vergehen ganz unmittelbar und persönlich zu spüren bekommen, werden andere Beschäftigte in solchen Unternehmen zögern, bevor sie sich für ähnliche Vergehen hergeben.
Wählbarkeit als Motiv für politisches Handeln
Auch beim gegenwärtigen Modell des Erwerbs politischer Macht läuft etwas schief. Als ich in den fünfziger und sechziger Jahren in Südafrika aufwuchs, gab es dort große Themen, um die man streiten musste: das allgemeine und gleiche Wahlrecht; das Recht, dort zu leben, wo man wollte; die Inhaftierung ohne Gerichtsverfahren. Und die Politiker versuchten, das Land - wenn möglich durch Überzeugungsarbeit - in die Richtung zu führen, die sie für richtig hielten. Dort, wo ich heute lebe, machen die meisten Politiker, die hoffen gewählt zu werden, gar nicht erst den Versuch zu führen. Sie versuchen vielmehr herauszufinden, durch welche Ansichten sie wählbar werden könnten, und bemühen sich dann, sich in die Person zu verwandeln, die diese Ansichten vertritt. Die Werbung spielt bei dieser zeitweiligen Verwandlung natürlich eine wichtige Rolle.
Das Land und die Welt stehen vor gewaltigen Problemen. Es wäre wunderbar, wenn wir wieder Führungsgestalten auftreten sähen wie vor einer oder zwei Generationen, Männer wie Mandela und de Klerk in Südafrika oder Gorbatschow in Russland, die nicht ihrem vorbestimmten Schicksal folgten, sondern sich ansahen, wohin ihr Land ging, und dann versuchten, dem Schicksal einen Schritt voraus zu sein.
Von Emanuel Derman
Die wenigen starken Sätze wiegen die üblichen linken Klagen
und Träumereien nicht auf
Gerhard Wruck (arbiter)
- 03.09.2012, 00:24 Uhr
War jetzt....
Christian Rehm (daQuant)
- 02.09.2012, 18:22 Uhr
Mandelas, de Klerks, Gorbatschows ..
Frank Sperling (Auch-Ein-Buerger)
- 02.09.2012, 10:42 Uhr
Das Unmündigkeitspotential,
Eva Plecita (MilanPrager)
- 02.09.2012, 10:07 Uhr
Es ist das Modell der "Gewaltenteilung", das offenbar nicht funktioniert
Hans Meier (HansMeier555)
- 02.09.2012, 09:37 Uhr