13.12.2012 · Vom Missbrauch einer ganzen Forschungsrichtung: Die verhaltensorientierte Finanzwissenschaft geht einen Umweg über die Psychologie und wird zum Instrument zur Manipulation von Menschen.
Von Emanuel DermanRichtlinien für Lesermeinungen
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Die Autoren konstatieren, dass Menschen nicht notwendig im informierten
Eigeninteresse handeln. So what?
Man darf eben nicht fragen:
"Wollt Ihr ein neues Atomkraftwerk?"
sondern
"Wollt Ihr mehr Arbeitsplätze?",
wenn man eins bauen will.
Hätte die CSU mal ihre eigenen Doktorarbeiten geschrieben...aber
"Herrschaftswissen" frei zu verbreiten, ist der Parteikarriere
wahrscheinlich nicht zuträglich.
Ich persönlich werde lieber geschubst als gezwungen, dann kann ich
mich immerhin (durch einfaches Nachdenken) dagegen entscheiden, ohne in
den Knast zu gehen. Diesen Vorteil von Demokratien halte ich aller
Manipulation zum Trotz doch für erhaltenswert.
Verhaltensökonomie und der Traum von der Berechenbarkeit des Verhaltens
Daß die Verhaltensökonomie nun mißbraucht wird und
seltsame Ergebnisse und Fragestellungen hervorbringt, liegt an ihrer
ursprünglichen Mißkonzeption. Man suchte das Verhalten der
Menschen in berechenbare Formeln zu fassen.
Ökonomisches Verhalten so komplexer Lebewesen wie Menschen es
nunmal sind, ist aber nicht mit unserem kleinen rationalen, kognitiven,
sprachlichen und mathematischen Verstand alleine zu erfassen. Dafür
ist die Rechenkapazität dieses jüngsten Teils unseres
Nervensystems leider viel zu gering. Aber das Problem liegt auch im
heutigen Wissenschaftsbetrieb. Wer zahlt bestimmt was geforscht wird.
Und wenn Selbiger sich von allerdümmsten Fragen gute Antworten
erwartet, werden eben diese gestellt. Dann wird es eher Poesie. Jemand
träumt, die Menschen ausrechnen zu können und bestellt
enstprechende Antworten. Das hilft natürlich der Menschheit nicht
weiter, aber unterhält die Auftraggeber kurzfristig. Und wo viel
Geld ist, wird auch viel für Unfug ausgegeben.
Diese Aussage ("Unser Rechtssystem weiß das und befindet Angeklagte ...
... nicht auf der Grundlage statistischer Beweise für schuldig oder unschuldig") jedenfalls ist falsch!! Und die dahinter stehende staatliche Methode ist ein derartiger Skandal, dass ich mich schon immer gefragt habe, warum die Bürger sich sowas überhaupt gefallen lassen und Verfassungsrichter dem nicht schon längst einen Riegel vorgeschoben haben... Beispiel: Straßenverkehrsrecht. Jemand fährt in einer 60 km/h-Zone 100 km/h schnell, behindert niemanden und verursacht auch keinen Unfall. Trotzdem wird er bestraft, wenn er erwischt (geblitzt) wird. Inhaltlich wird die Strafe ausschließlich mit einer rein statistischen Begründung gerechtfertigt, dass sich nämlich durch das zu schnelle Fahren ein erhöhtes UnfallRISIKO ergebe. Das ist keine Bestrafung auf Grund einer faktisch verursachten Schädigung Dritter (oder von Sachen), sondern hier wird nur eine im konkreten Fall eigentlich konsequenzlose -zudem nur behauptete - statistische Wahrscheinlichkeit sanktioniert. Im Grunde ein Unding!
Die klassische Wirtschaftstheorie
"Die klassische Wirtschaftstheorie war elegant, aber mit
Mängeln behaftet."
Wer mit sozialwissenschaftlichem, psychologischem, philosophischem oder
mathematischem Hintergrund einmal ökonomische Grundlagenseminare
besucht hat, weiß, dass das eine mehr als euphemistische
Untertreibung ist. Um funktionelle Modelle zu generieren, klammern
Wirtschaftswissenschaftler viele Variablen einfach aus. Es ist wirklich
kein Wunder, dass die meisten Institute mit ihren Konjunkturprognosen
regelmäßig so daneben liegen, wenn sie mit derart schlichten
Modellen arbeiten.
Der Beitrag - ein echter Erkenntnisgewinn
Sehr schöner Beitrag. Auch wenn ich persönlich dazu neige,
nicht von "Manipulation" zu sprechen. Das impliziert einen
Manipulateur und einen Manipulierten. Und eine Erkenntnis der
Psychologie ist - man gehört nicht so gerne zu den Manipulierten.
Wenn schon, dann ist der "Manipulateur" die attraktivere Rolle.
Man benötigt aber diese beiden Rollenzuweisungen garnicht.
Unterstellt, es gäbe nur Menschen, die nicht manipulieren wollen.
Dann hätten Kahneman und Tversky und andere nur Forschung
betrieben. Sie stellen fest, wie sich Individuen und Gruppen verhalten.
Die "Akteure der Demokratie" wenden dieses Wissen in guter
Absicht an. Sie wollen ja wieder gewählt werden. Und "das
Volk" möchte die Verwaltung in gute Hände legen.
Ich betrachte das eher als einen "gesellschaftlichen
Lernprozess". Denn wenn der Manipulierte den Zusammenhang zwischen
seinem Verhalten und der Manipulation entdeckt, wird er die Manipulation
nicht mehr zulassen.
So wie sich die Psychologie im Spannungsfeld von "Pseudowissenschaft" und "Manipulation" bewegt, muss nun auch die Verhaltensökonmie für ihre Erfolge büßen. Wenn es durch ihre Erkenntnisse (z.B.) gelingt, die Bereitschaft zur Organspende drastisch zu erhöhen, so darf dies nicht als Anerkennung der Disziplin gewertet werden, sondern muss in die Schublade der "Manipulation". Früher hat man sowas "Ideologie" genannt.
Solche Methoden der "sanften Verhaltenssteuerung" werden doch
schon seit einer Weile eingesetzt: zB für die Organspende wird das
gerade diskutiert. Dort beobachtet man genau den beschriebenen Effekt,
daß Länder, in denen man der Spende zustimmen muß
("opt-in") regelmäßig geringere Spenderquoten haben
als Länder mit "opt-out". Da nun jemand (wer?)
beschlossen hat, daß man möglichst viele Spender haben
möchte, wird das Verfahren entsprechend umgestellt.
Wen man etwas an Verschwörungstheorien glaubte, könnte man
glatt auf die Idee kommen, die Verwurstung eines zunächst wichtigen
Ansatzes durch groteske und banale Folgerungen sei von den Vertretern
der "klassischen" Theorien initiiert, um von den
offensichtlichen groben Fehlern der eigenen Modelle abzulenken. Mit
rationalen Agenten und Normalverteilungen ist doch so viel leichter zu
hantieren! Dumm nur, dß das mit der Realität nichts zu tun
hat, man aber Handlungsvorgaben macht.
mit unserer Gesellschaft, aber man kann "es" nicht greifen.
Das bekomme ich quasi von jedem zu hören, wenn ich ihn oder sie
nach dem Zustand unserer Gesellschaft befrage.
Bevor die solch psychologische Methoden so exzessif eingesetzt wurden
hörte man noch von "authentischen" Personen mit Ecken und
Kanten, aber eben auch mit Vorzügen. Man soll als Bürger noch
das Gefühl gehabt haben, gehört zu werden.
Heute werden die meisten Entscheidungen gegen den Willen der
Allgemeinheit getroffen. Und weil diese Psychotaktiken noch so gut
funktionieren wird einfach weitergemacht. Die Politiker maßen sich
eben an, besser zu wissen, was gut für uns ist, als wir selbst.
Das macht die Gesellschaft krank. Wir können froh sein, dass noch
genug Leute in Butter und Brot stehen, sonst hätten wir hier schon
längst Bürgerkrieg.
„Funktioniert so nicht Demokratie?“
Nun ja, zumindest funktioniert das, was als Demokratie bezeichnet wird,
genau so.
Andererseits versucht jeder Mensch sein Leben lang, andere Menschen zu
manipulieren. Das beginnt schon im Kindesalter. Schon Kinder wissen sehr
schnell, welche Knöpfe sie bei ihren Eltern drücken
müssen, um den gewünschten Erfolg zu erzielen.
Erstaunlich ist nur, daß Jugendliche sich noch der Manipulation
bewußt sind, Erwachsene sie aber kaum noch wahrnehmen. Und das
gilt für das Manipulieren wie für das Manipuliertwerden. Ich
denke, das ist auf den allgegenwärtigen Ordnungsrahmen
zurückzuführen, in den wir lebenslang gepreßt werden.
Dieser läßt kaum noch Freiheiten zu, engt den
Bewegungsspielraum zur Selbstverwirklichung extrem ein. Irgendwann
ergibt sich dann fast jeder Mensch in sein "Schicksal", meist
mehr unbewußt als bewußt.
Es darf wohl festgestellt werden, daß die Manipulation umso
erfolgreicher ist, je subtiler sie stattfindet. Aber auch, je mehr
manipuliert wird, desto geringer die Gegenwehr.