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Kolumne von Emanuel Derman Unbeschreiblich weiblich und männlich

Geschlechterzuschreibungen werden immer schwieriger, deswegen müssen wir hier neu nachdenken.

© Kat Menschik Vergrößern

Als mein Sohn etwa zwei Jahre alt war, verwechselte er häufig die Wörter „gestern“ und „morgen“ wie auch „rot“ und „grün“, obwohl er nicht farbenblind war und ansonsten recht gut mit Sprache umzugehen verstand. Das veranlasste mich zu der Annahme, dass die Begriffe der Zeit und der Farbe keineswegs selbstverständlich sind, sondern, wie Landwirtschaft oder das Schmelzen von Metallen, Erfindungen oder Entdeckungen darstellen, die von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Wenn ein Kind bemerkt, dass ein Blatt und ein Pullover beide grün sind, isoliert es möglicherweise eine ungeheuer abstrakte Qualität zweier sehr verschiedener Objekte, eine Ähnlichkeit, die zuvor jenseits der menschlichen Fassungskraft lag.

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Das kam mir wieder in den Sinn, als ich in der „New York Times“ einen modischen Artikel mit dem Titel „Generation LGBTQIA“ las, in dem dargelegt wird, dass, sozusagen, die vorderste Front im Kampf um sexuelle Rechte an den Universitäten heute im Bereich der Transgender-Minderheit und anderer Minoritäten liegt. Die gleichgeschlechtliche Ehe ist inzwischen alltäglich, aber der Begriff des Geschlechts ist immer reichhaltiger geworden, und LGBTQIA steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer oder Questioning (in Frage stellend), Intersex und Ally (Verbündete/r).

Nach der Sapir-Whorf-Hypothese können wir nur solche Dinge denken, für die wir Worte haben, und wir können nur dann Worte dafür erfinden, wenn wir die Empfindungen zu kategorisieren und zu abstrahieren beginnen. Die Eskimos besitzen, behaupten manche, mehr Worte für diverse Arten von Schnee als wir, weil Schnee für sie größere Bedeutung hat als für uns, weshalb sie feinere Unterscheidungen entwickelt hätten. Ganz ähnlich konnten wir uns vor den sechziger Jahren nicht „groovy“ fühlen und können es wahrscheinlich heute nicht mehr.

Sie fühlen sich vernachlässigt und schikaniert

Die traditionellen Symbole für „männlich“ und „weiblich“ sind ♂ und ♀, aber ein Blick in Wikipedia zeigt diverse andere Zeichen, die offenbar in den neunziger Jahren in der LGBT-Kultur entstanden sind: für eine Jungfrau, für männliche Transsexuelle, für Intersexuelle, für Asexuelle und so weiter. „Die heutige Jugend definiert sich nicht innerhalb des LGBT-Spektrums“, sagt Shane Windmeyer, Mitbegründerin der Studentengruppe Campus Pride, in dem genannten Artikel über die Generation LGBTQIA, deren Hauptproblem darin liege, dass digitale Geschlechtszuweisungen für uns befreite Sexkimos nicht mehr ausreichten und die Transgender-Kids sich von den einst irregulären, aber inzwischen regelkonformen LGB-Leuten vernachlässigt und schikaniert fühlten. Wenn digitale Geschlechtszuweisungen nicht differenziert genug sind, brauchen wir vielleicht ein analoges Schema, das hinreichend viele Dimensionen besitzt, um jeden zu einer eigenen Minderheit zu machen, etwa in der Art der drei unten abgebildeten Kästen, die jeweils ein Kontinuum darstellen.

Der erste Kasten links unten beschreibt die von der Ausprägung der Geschlechtsorgane abhängende „biologische“ Geschlechtskonstitution, die auf beiden Achsen, der männlichen wie der weiblichen, zwischen 0 und 100 variieren kann. (Ich gehe davon aus, dass Weiblichkeit und Männlichkeit unabhängige Merkmale sind und Weiblichkeit weder das Gegenteil von Männlichkeit ist noch deren Fehlen bedeutet.) Der kleine rote Kreis im Organ-Kasten zeigt zum Beispiel die cartesischen Koordinaten eines Menschen an, dessen Organe hauptsächlich männlich geprägt sind und einen leichten Zug ins Weibliche besitzen.

Infografik / Geschlechterzuschreibungen / Analoge Geschlechtseinordnung

Doch dieser rote Kreis reicht nicht aus, und so werden in dem Kasten, zu dem er sich rechts darüber erweitert, zusätzliche Merkmale angezeigt. Welchem Geschlecht die Organe auch zugehören mögen, nahezu ebenso wichtig ist, als was man sich fühlt, als Mann, als Frau oder als etwas Dazwischenliegendes. Der rote Kreis in diesem zweiten Kasten gibt an, wo dieses eigene Empfinden im Spektrum zwischen „männlich“ und „weiblich“ angesiedelt ist. In unserem Beispiel ist das psychologische Geschlecht hauptsächlich weiblich, mit einem kleinen männlichen Einschlag.

Gleich, als was man sich empfindet, es ist auch wichtig, zu welchem Geschlecht man sich hingezogen fühlt. Dafür steht der rote Kreis im letzten Kasten. Wenn man ganz genau sein möchte, könnte die Geschlechtskonstellation, zu der man sich hingezogen fühlt, ihrerseits eine Konfiguration der drei Kästen statt einfach nur eine bestimmte Mischung aus „männlich“ und „weiblich“ sein, aber dann käme die von den Mathematikern so genannte Rekursion ins Spiel, die ich für den Augenblick vermeiden möchte.

Infografik / Geschlechterzuschreibungen / Schema der Geschlechter

In „Schema der Geschlechter“ (unsere Abbildung unten) finden sich viele, für die es noch gar keine Bezeichnungen gibt. Das Schaubild unten zeigt Diagramme einiger weniger Geschlechtszustände, für die es Namen gibt. Die männliche Lesbierin ist eine physiologisch männliche Person, die sich als Frau empfindet und sich zu Frauen hingezogen fühlt. Der transsexuelle Mann ist gekennzeichnet durch die Entfernung der männlichen Geschlechtsorgane und eine, wahrscheinlich unvollkommene, Nachbildung weiblicher Organe. Eine weitaus kürzere Notation, ähnlich den musikalischen Noten, bestünde lediglich aus drei aufeinanderfolgenden Kästen. Dort lässt sich das meiste davon ablesen, was man wissen möchte.

Infografik / Geschlechterzuschreibungen / Kürzere Notation

Einige der im „New York Times“-Artikel zitierten Studenten sagen von sich, ihre Identität variiere in der Zeit, so dass die Koordinaten im dritten Kasten nicht dieselben bleiben, sondern sich von Tag zu Tag oder von Woche zu Woche verändern. Schopenhauer hat gesagt, der Mensch könne tun, was er wolle, aber er könne nicht wollen, was er wolle. Arlo Guthrie sang 1967: „You can get anything you want in Alice’s Restaurant.“ Vielleicht kann man am Ende ja in Alices Restaurant auch alles sein, was man will, ohne dass jemand daran Anstoß nähme und ohne dass man schikaniert würde. Ist das groovy? Ich weiß es nicht, aber weder ich noch Sie können viel daran ändern.

Infografik / Geschlechterzuschreibungen / Variierende Identität

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 18.02.2013, 12:29 Uhr

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