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Kolumne von Emanuel Derman : Tun, was man tun will

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Bild: Kat Menschik

Freeman Dyson, der in seinen Zwanzigern als der „vielleicht beste Mathematiker Englands“ gerühmt wurde, machte eine große Entdeckung auf dem Gebiet der Physik, blieb dann aber ein Amateur im besten Sinne des Wortes.

          Als Freeman Dyson 1979 seine Sammlung offenherzig autobiographischer Essays mit dem Titel „Disturbing the Universe“ (Innenansichten: Erinnerungen in die Zukunft) veröffentlichte, war ich ein wandernder Postdoktorand, der auf dem Gebiet der theoretischen Teilchenphysik forschte und wie jeder junge Physiker davon träumte, eine wunderbare Entdeckung hinsichtlich der Gesetze des Universums zu machen.

          Einige meiner Freunde waren „Ehrenamtliche“, also Postdoktoranden, die den Traum zu verlängern versuchten, indem sie an Physik-Departments der Spitzenklasse theoretische Forschung betrieben und als Gegenleistung nur einen Schreibtisch, aber keine Bezahlung erhielten. Über Dyson wusste ich damals nur, dass er mit Anfang zwanzig einmal etwas Großartiges geleistet, nämlich ein überaus wichtiges Problem in der Theorie der Quantenelektrodynamik gelöst hatte, aber seine ursprünglichen Veröffentlichungen dazu hatte ich nie gelesen; sie waren inzwischen nahezu namenloser Bestandteil der Lehrveranstaltungen für Fortgeschrittene.

          Ein Liebhaber des Konkreten

          1979 war Dyson kein brauchbares Objekt für eine populäre Biographie. Er war bei Physikern wegen seines Beweises bekannt und bei staatlichen Stellen wegen seiner Arbeit im Bereich der Naturwissenschaft und der Verteidigung. Phillip Schewe ist zwar promovierter Physiker, er beschreibt jedoch in seinem Buch eher Dysons buntes Leben und die vielfältigen Wege, die er durch Raum und Zeit nahm, als die Details seiner wissenschaftlichen Arbeit - die allerdings auch dargestellt werden (Phillip F. Schewe, „Maverick Genius: The Pioneering Odyssey of Freeman Dyson“, New York 2013).

          Obwohl anfangs vor allem wegen seiner Abstraktionsfähigkeit beachtet, war Dyson auch ein Liebhaber des Konkreten: der Ingenieurtechnik und der Technologie, der Reisen zu fernen Sternen, der Möglichkeiten der Gentechnik, der Literatur, der Musik und aller Arten von menschlichem Fortschritt. Er hätte ein Paradebeispiel für C. P. Snows „zwei Kulturen“ abgeben können. In den fünfziger Jahren widmete er sich mehrere Jahre lang der kommerziellen Konstruktion eines absolut sicheren Kernreaktors. Danach arbeitete er einige Jahre am Orion-Projekt, das ernsthaft die Möglichkeit prüfte, atomgetriebene Raumschiffe zu den Planeten und anderen Sonnensystemen zu schicken. (Herkömmliche Raketen verbrauchen den größten Teil ihrer Energie für den Transport chemischer Brennstoffe in den Weltraum. Man versteht viel von der für Dyson typischen Mischung aus Naivität, praktischem Sinn und theoretischer Raffinesse, wenn man erfährt, dass man bei diesem Projekt plante, Atombomben hinter dem Raumschiff zur Explosion zu bringen und es auf deren Druckwelle surfen zu lassen.)

          „Er weiß mehr über alles als ich über irgendetwas“

          In jüngerer Zeit ist Dyson durch seine mangelnde Skepsis gegenüber der außersinnlichen Wahrnehmung und seine begründete Skepsis gegenüber der Erderwärmung bekannt geworden. Er weist gern darauf hin, dass ja viel von dem, was die Menschen der Erde antaten, zu Umweltveränderungen geführt hat. So ist die angeblich natürliche grüne und freundliche Landschaft Englands durchaus nicht „natürlich“, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger Kultivierung. Im Jahr 2000 erhielt Dyson den Templeton Prize, der jährlich für „herausragende Originalität in der Förderung des Verständnisses von Gott und Spiritualität in der Welt“ vergeben wird, und zwar für ein Interesse an der nichtwissenschaftlichen Seite der Realität, das ihn bei den Gläubigen der reinen Vernunft nicht gerade beliebt macht.

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