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Kolumne von Emanuel Derman Schopenhauer ist AAA

Sie können nur davon profitieren, wenn Sie in Ihre alltägliche Konversation ein paar Ausdrücke aus der Finanzwissenschaft einflechten, selbst wenn Sie über Liebe, Sport oder Essen reden. Eine Einführung.

© Kat Menschik Vergrößern

Sie möchten an Weihnachten in Courchevel Oligarchen und deren hübsche Begleiterinnen beeindrucken? Oder Sie möchten lediglich bei Ihrem wöchentlichen Golfspiel oder der nächsten Zusammenkunft Ihres Literaturzirkels wie die Herren oder Herrinnen der Welt von der Wall Street klingen? Ob Mann oder Frau, Sie können nur davon profitieren, wenn Sie in Ihre alltägliche Konversation ein paar Ausdrücke aus der Finanzwissenschaft einflechten, selbst wenn Sie nur über Liebe, Sport oder Essen reden. Dies hier ist eine Einführung in die Kunst, Quant zu sprechen.

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„Espequanto“ ist keine neue Sprache, auch wenn sie sich wie alle lebendigen Sprachen ständig verändert. Schon Schopenhauer benutzte sie vor 150 Jahren, als er unser unausweichliches und unerklärliches Bedürfnis nach dem Nachtschlaf mit der regelmäßigen Zahlung der Zinsen für einen Kredit verglich: „Der Schlaf borgt vom Tode zur Aufrechterhaltung des Lebens. Oder: Er ist der einstweilige Zins des Todes, welcher selbst die Kapitalabzahlung ist. Diese wird um so später eingefordert, je reichlicher und je regelmäßiger jener gezahlt worden.“

Sie können Schopenhauers Bonität mit AAA bewerten, weil er seine begrenzten Mittel - banale, wenig aufregende Kredite - so gut einsetzte. Seither hat die Finanzwelt massenweise noch kompliziertere Finanzinstrumente und die zugehörige Quant-Terminologie entwickelt. Ein angeberischer männlicher Trader könnte heute vollkommen verständliche Dinge sagen wie: „Sie hat wirklich eine anomale Verteilung, aber mir fehlt im Augenblick das Geld, ich habe keine Chance, jemals an ihre Barriere zu stoßen.“ Mit ein wenig Übung können Sie das ebenfalls schaffen, auch wenn Sie dazu mehr als eine Übungsstunde brauchen dürften. Aber fangen wir einfach an. Man kann Metaphern nur verstehen, wenn man ihre Hintergründe kennt.

Deshalb sind Finanzwissenschaften so unzuverlässig

Investitionen in Wertpapiere und persönlichere Unternehmungen haben eines gemeinsam: Ihr Ergebnis ist ungewiss. Die entscheidende Frage der Finanztheorie lautet: „Welchen Ertrag sollte ich erzielen (oder erhoffen), wenn ich ein bestimmtes Maß an Risiko eingehe?“ Ist das nicht auch die entscheidende Frage des ganzen Lebens?

Jemand hat einmal behauptet, in der Physik gebe es drei Gesetze, die 99 Prozent aller Phänomene erklärten, während es in der Finanzwissenschaft 99 Gesetze gebe, die drei Prozent erklärten - ein schönes Bonmot, dem Geiste nach treffend, aber letztlich doch unrichtig. In Wirklichkeit gibt es nur ein einziges Prinzip, das in der Finanztheorie mehr oder weniger gut funktioniert, und das lautet: „Sie können eine Mahlzeit nie ganz umsonst bekommen.“

Das heißt, für jeden potentiellen Vorteil einer Investition muss es auch einen Nachteil geben. Wenn Sie potentiell gewinnen können, müssen Sie auch potentiell verlieren können. Aus diesem Prinzip lässt sich fast alles ableiten, was ein Quant wissen muss. Aber es ist nur ein Prinzip und kein Naturgesetz. Deshalb sind Finanz- und Wirtschaftswissenschaften so unzuverlässig, ihre Prinzipien sind nicht gut genug. Freie Mahlzeiten gibt es im Überfluss - Rettungsschirme für Banken, Vetternwirtschaft, Privatisierung, Vorteile durch Korruption.

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