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Kolumne von Emanuel Derman Einsamkeitsversuch

Wir fürchten die Einsamkeit, wir vermeiden sie und leiden unter ihr. Und wenn die Intensität dieses Gefühls nachlässt, vermissen wir es: Von Musil lernen heißt allein sein lernen.

„Er blickte mit so brennenden Augen durch die kleinen Fenster und winkligen, schmalen Torwege in das Innere der Häuser, dass es ihm beständig wie ein feines Netz vor den Augen tanzte. Da und dort gab der Rock eines arbeitenden Weibes die Kniekehlen frei oder drückte sich eine schwere Brust straff in die Falten der Leinwand. Und als ob all dies selbst unter einer ganz anderen, tierischen, drückenden Atmosphäre sich abspielte, floss aus dem Flur der Häuser eine träge, schwere Luft, die Törleß begierig einatmete.“

So steht es in Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“. Der 1906 erschienene Roman über die Pubertät und deren entwürdigende Aspekte spielt unter Schülern eines österreichischen Internats. Er erinnert ein wenig an Goldings „Herr der Fliegen“. Mir kam die obenzitierte Stelle wieder in den Sinn, als ich mir François Ozons Spielfilm „In ihrem Haus“ anschaute, die an ein Möbiusband erinnernde Geschichte eines Schülers, der sich obsessiv mit dem Leben anderer Leute beschäftigt. Er ist ein Außenseiter, der aus einer zerbrochenen Familie stammt. Er beobachtet die Familie eines Mitschülers durch die Fenster ihres Hauses, belauert sie, schleicht sich zunächst in der Phantasie und dann in der Realität in ihr anheimelnd wirkendes häusliches Leben ein, versucht, ein Teil davon zu werden, und sabotiert am Ende deren Familienleben.

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Interessanterweise gehört zu den Büchern, die in dem Spielfilm kurz eine Rolle spielen, auch Musils „Verwirrungen des Zöglings Törleß“. Ich nehme an, dass dieser Roman einige Teile des Films inspiriert haben muss - eine Vermutung, die auch dadurch bestärkt wird, dass die Protagonisten sowohl in Musils Buch als auch in Ozons Film mit den imaginären Zahlen und deren Bedeutung kämpfen.

Häusliches Leben ist das Leben in einem Haushalt. Wer allein lebt, hat kein häusliches Leben. Es gab eine Zeit, da fürchtete ich mich vor dem Alleinsein. In den Phasen, in denen ich dazu gezwungen bin, empfinde ich das Alleinsein anfangs als hart. Dann tue ich nahezu alles, um nicht allein zu sein. Ich verabrede mich mit Leuten zum Essen, mit denen ich eigentlich gar nicht zusammen sein möchte. Ich laufe durch die Straßen, gleichsam als Lebensersatz. Das rege Leben auf den Straßen gehört zu den schönen Dingen an New York und an europäischen Städten. Hat meine Ruhelosigkeit einen gewissen Grad erreicht, unternehme ich lange Spaziergänge oder suche Ablenkung, bis ich müde genug bin, um nach Hause zu gehen, weil eine Ruhepause dringlicher geworden ist als die Flucht vor der Einsamkeit. Wenn ich das Fernsehen schätzte oder ein Haustier hätte, könnte das hilfreich sein, aber beides trifft auf mich nicht zu.

Nie in Gesellschaft anderer Menschen

Mit der Zeit gewöhne ich mich natürlich daran und komme zur Ruhe, und manchmal mag ich es sogar. Am Beginn einer Phase des Alleinlebens ist die Aussicht auf ein langes Wochenende, an dem man mit niemandem spricht, ein furchterregender Gedanke. Später hat das nichts Furchterregendes mehr, vor allem, wenn interessante Arbeit auf mich wartet.

Es gibt Menschen, die ich flüchtig kenne und die immer allein zu sein scheinen. Auf dem Broadway kenne ich einen Mann, den ich nie in Begleitung eines anderen Menschen gesehen habe. Einen anderen, der im selben Haus wohnt wie ich, habe ich ebenfalls noch nie in Gesellschaft anderer Menschen gesehen. Er hält sich oft in der Eingangshalle oder auf der Straße auf, schaut auf sein iPad und strahlt eine unterdrückte Zerbrechlichkeit aus. Das wirkt ganz schrecklich. Es gibt Leute, denen das Alleinsein nichts auszumachen scheint. Eine Bekannte erzählt mir, sie wolle niemals auch nur kurze Zeit mit jemandem verbringen, nur weil ihr das eine zeitweilige Entlastung von der Einsamkeit brächte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihr das glaube; denn soweit ich weiß, hat sie noch nie allein gelebt, weil sie lückenlos vom Haus ihrer Eltern in das ihres Mannes, in das eines Freundes und schließlich wieder in das Haus ihrer inzwischen hochbetagten Eltern wechselte.

Dann wäre ich ganz allein

Nach einem vollständig allein verbrachten Tag ins Bett zu gehen und morgens in einer leeren Wohnung aufzuwachen, ohne ein Wort mit jemandem wechseln zu können, erscheint mir als ein zweifelhaftes Vergnügen, soweit es sich nicht um einen willkommenen Urlaub von allzu vielen häuslichen Verpflichtungen handelt.

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