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Kolumne von Emanuel Derman : Der religiöse Impuls

  • Aktualisiert am

Kardinäle bei der Amtseinführung des neuen Papstes Bild: dapd

Für missionarische Atheisten muss die weltweite Aufmerksamkeit für die Wahl des neuen Papstes ein Horror gewesen sein. Dabei haben sie mehr mit Religion gemeinsam, als sie vielleicht gedacht hätten.

          Die prunkvoll ritualisierte Wahl des 266. Papstes hätte das Zeug zu einer großen Fernsehshow, wie sie da mit ihrer pompösen Zurschaustellung von Macht und Reichtum die Politik einer riesigen Bürokratie verschleierte und gerade durch dieses Verschleiern hervorhob. Man kann sich leicht vorstellen, wie Kameras bei der Wahl des 269. Papstes einzelne Kardinäle verfolgen, unmittelbar, bevor sie die Sixtinische Kapelle betreten, und sie nach ihren Gefühlen fragen, wenn sie wieder herauskommen. „Glauben Sie, Herr Kardinal, Ihre entschiedene Haltung zur Geburtenkontrolle war schuld daran, dass Sie beim ersten Wahlgang ausgeschieden sind?“ Oder: „Glauben Sie, Ihre Ornat-Sponsoren werden jetzt abspringen, wo Sie zum zweiten Mal so früh aus dem Rennen geworfen worden sind?“

          Für missionarische Atheisten muss die weltweite Aufmerksamkeit, die man dieser jüngsten Darbietung religiösen Interesses geschenkt hat, ein Horror gewesen sein. Mir ist beides nicht sonderlich sympathisch, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Ich glaube, der Impuls, der hinter echtem religiösem Gefühl steht, ist die Erkenntnis der Bedeutung, die dem Transzendenten zukommt, wobei ich unter dem Transzendenten etwas verstehe, das die gewöhnliche materielle menschliche Erfahrung - wenn auch (vielleicht) nicht die menschliche Erkenntnis - übersteigt.

          Ein Gefühl für den Ernst und die Größe des Daseins

          In diesem Sinne wird die wahre Natur des religiösen Impulses durch die Zurschaustellung von Reichtum, Macht und Politik nur verschleiert. Missionarische Atheisten scheinen das nicht zu verstehen, aber dann fehlt dieses Verständnis offenbar auch vielen Anhängern des religiösen Standpunkts, die sich auf die bloße Befolgung von Regeln und auf Zeremonien statt auf Transzendenz konzentrieren.

          Diese Gedanken kommen mir in den Sinn, weil ich gerade ein Buch des verstorbenen Pierre Hadot mit dem Titel „Philosophie als Lebensform“ (Frankfurt am Main 2002) lese. Ziel der Philosophie sei es, so schreibt er dort, ein Gefühl für den Ernst und die Größe des Daseins zu erlangen. Zu diesem Zweck müssen wir transzendieren. Aber was müssen wir transzendieren?

          In einem dualen Verhältnis

          Marc Aurel schrieb einmal: Wahrhaft gut zu leben - das ist eine Kraft und Fertigkeit der Seele; und sie wohnt ihr inne, wenn sie gegen das, was gleichgültig ist, sich wirklich auch gleichgültig verhält. Weil wir von alltäglichen Dingen überwältigt werden, von Sorgen über Zukunft und Vergangenheit, von Arbeit, Leidenschaften und Kämpfen, verlieren wir unsere objektive Stellung in einer großartigen, geheimnisvollen Welt aus den Augen und schenken verdrossen Dingen unsere Aufmerksamkeit, die sich unserer Kontrolle entziehen.

          Da wir zur Unzufriedenheit neigen, kann es leicht geschehen, dass wir unsere Chancen verpassen und unser Leben vergeuden. Diese mangelnde Aufmerksamkeit für unsere objektive Rolle in der Welt ist der Grund für einen Großteil unseres Leids, und so müssen wir immer wieder daran erinnert werden, wer und wo wir sind, und wir bedürfen ständig eines Gegenmittels gegen unsere Kontrollillusionen. Hadot sagt über die Stoiker und Marc Aurel, für sie sei der einzige Wert das moralisch Gute, das von unserer Freiheit abhängt, und alles, was nicht von unserer Freiheit abhängt - Armut, Reichtum, Krankheit, Gesundheit - sei weder gut noch böse und daher gleichgültig. Ich interpretiere diese These nicht als Aufforderung, über Armut, Krankheit, Ungleichheit und menschliches Leid hinwegzusehen, oder als Entschuldigung für ausbleibendes politisches Handeln. Ich verstehe sie vielmehr als Aufforderung, sich sowohl mit dem Lokalen als auch dem Globalen, mit dem Geist drinnen und der Gesellschaft draußen auseinanderzusetzen, weil beides in einem dualen Verhältnis zueinander steht.

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