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Kolumne Emanuel Derman Ich suche die Romanze

Der erotische Bestseller „Fifty Shades of Grey“ fesselt Frauen und lässt Männer kalt. Die Reaktion ist so unterschiedlich wie die Kontaktanzeigen beider Geschlechter.

© Kat Menschik Vergrößern

Vor ein paar Wochen unterhielt ich mich auf einer von Leuten mittleren Alters besuchten Dinnerparty mit zwei hochgebildeten Frauen, die von der berauschenden Wirkung ihrer Lektüre der „Fifty Shades of Grey“ schwärmten. „Ich kam jeden Abend nach Hause und versank vollständig darin“, erzählte die eine. „Ich las bis tief in die Nacht, bis ich alle drei Bände durchhatte. Seit Anna Karenina hat mich kein Buch mehr so fasziniert.“

Hier ein paar Daten, die am Rande damit zu tun haben dürften: Die Zahl der in den Vereinigten Staaten geborenen Mädchen, die seit 1880 den Vornamen „Amber“ erhielten, stieg im Jahr 1944 plötzlich an, als eine Amerikanerin, Kathleen Winsor, ein äußerst populäres Buch mit dem Titel „Forever Amber“ schrieb, das „Fifty Shades“ dieser Zeit. Bei Wikipedia heißt es dazu: „,Forever Amber‘ erzählt die Geschichte der früh verwaisten Amber St. Clare, die in der englischen Gesellschaft des 17. Jahrhunderts aufsteigt, indem sie mit immer reicheren und bedeutenderen Männern schläft oder sie heiratet, dabei aber stets an ihrer Liebe zu dem einen Mann festhält, den sie nie für sich gewinnen kann. Das Buch wurde in vierzehn amerikanischen Bundesstaaten als ,pornographisch‘ verboten.“

Hier eine Grafik mit der Zahl weiblicher Geburten namens ’Amber’ in den Vereinigten Staaten seit 1880. 

Grafik / Grafik zur Kolumne von Emanuel Derman

Frage 1: Warum begannen 1944 so viele Frauen ihre Töchter nach der Heldin eines Romans zu benennen, der damals als pornographisch galt, und nach einer Frau, die sich durch alle Betten schläft?

Reiz des Direkten

Nun hatte ich angenommen, „Fifty Shades of Grey“ wäre ein Softcore-Roman für Frauen, in dem sich sexuelle Zwischenfälle wie in „Forever Amber“ allenfalls in Andeutungen fänden, aber meine Dinnerparty-Bekanntschaften versicherten mir, das Buch enthalte sehr explizite erotische Szenen.

„Wenn das so ist“, meinte der Ehemann einer der Damen, „wenn explizite erotische Szenen euch gefallen, warum geht ihr dann nicht einfach zu porn*.com? Heute kann man sich im Internet kostenlos Sachen ansehen, da machen Männer und Frauen Dinge miteinander, von denen man sich als Teenager in den fünfziger Jahren nicht vorstellen konnte, dass sie jemals gezeigt würden.“

„Iiih“, meinten die Frauen darauf unisono. (Um dem Laster nicht Vorschub zu leisten, gebe ich den Namen der Site nicht vollständig an.)

Schmutzige Langeweile

Im Interesse einer akkuraten Berichterstattung vertiefte sich Ihr unerschrockener und nicht leicht zu erschütternder Kolumnist sowohl in den ersten Band der Fifty-Shades-Trilogie als auch in die Pornowebsite, um herauszufinden, ob er deren Reiz nachvollziehen kann.

Als Mann lässt Fifty Shades mich weitgehend kalt. Das Buch handelt von der jungen und anfangs jungfräulichen Anastasia Steele (vergleiche Amber St. Clare) und dem perversen, erstaunlich gutaussehenden und reichen Geschäftsmann Christian Grey, die gewissermaßen in einer förmlichen sadomasochistischen Beziehung zueinander stehen. Ich gestehe widerstrebend ein gewisses Interesse an der Frage, wie Christian wohl zu einem Perversen geworden war, aber der Rest ist auf langweilende Weise schmutzig und auch ganz offensichtlich für Frauen bestimmt.

Frage 2: Gibt es da etwas bei den Frauen, das bewirkt, dass so viele von ihnen sich zu diesem Bestseller hingezogen fühlen, in dem es in erster Linie um Bondage und Sadomasochismus geht?

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