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F.A.Z.-Kolumne von Emanuel Derman Modelle, die sich schlecht benehmen

Banken und Konzerne missachten das Recht, Politiker spielen Charaktere, doch sind sie charakterlos, Wähler werden unmündig: Gesellschaftsmodelle bilden die Wirklichkeit nicht mehr ab. Die erste Folge von Emanuel Dermans F.A.Z.-Kolumne.

© Kat Menschik Vergrößern

Für Modelle der physikalischen Welt sind wieder gute Zeiten angebrochen. Nach einer Dürreperiode von nahezu fünfzig Jahren haben Physiker am CERN nun möglicherweise das lange gesuchte Higgs-Boson entdeckt. Was jedoch Modelle für die sozialen Welt angeht, sind die Zeiten schlecht - wobei ich „Modell“ etwa in dem Sinne verstehe, in dem der Generalmajor in Gilberts und Sullivans The Pirates of Penzance singt: „Ich bin das Modell eines modernen Generalmajors.“

Am 16. August schossen südafrikanische Polizisten auf streikende Arbeiter. Am 17. August wurden die Mitglieder der Punkrock-Band Pussy Riot zu zwei Jahren Arbeitslager verurteilt, und der Richter erklärte, die drei hätten jeglichen Respekt vor gläubigen Menschen vermissen lassen. Wer hätte gedacht, dass mehr als zwanzig Jahre nach dem Ende der Apartheid und dem Fall der Berliner Mauer eine südafrikanische Regierung auf schwarze Demonstranten schießen lässt und ein russisches Gericht Menschen wegen der Missachtung dessen verurteilt, was einst als Opium der Massen galt? Wer hätte vorausgesehen, dass politische Macht und geschäftlicher Erfolg in den beiden Ländern heute so eng miteinander verflochten sind.

Als Modelle für das Leben sind Apartheid und Kommunismus vor zwanzig Jahren gescheitert. Heute muss das Scheitern des ungezügelten Kapitalismus traurig stimmen, der an deren Stelle trat, und nicht nur in Südafrika und Russland, sondern auch in den Vereinigten Staaten und Europa enttäuscht hat. Da läuft etwas schief mit dem aktuellen Modell. Es ist Zeit für Empörung. Hier nur ein paar Beispiele für Skandale aus den letzten Monaten.

Von Banken und Kraftwerken

Zunächst die Banken. Ende Juli nahm die HSBC 700 Millionen Dollar Rückstellungen für mögliche Strafzahlungen und sonstige Ausgaben im Zusammenhang mit Vorwürfen der Geldwäsche für Gewinne aus dem Drogenhandel vor. Nur einen Monat zuvor hatte Barclay’s sich bereiterklärt, an die Regulierungsbehörde 420 Millionen Dollar wegen des Vorwurfs einer Manipulation des LIBOR zu zahlen, des Zinssatzes, der weltweit als Vergleichsgröße für die Zinssätze von Geschäfts- und Privatkrediten dient. Wenig später erklärte Standard Chartered sich nach kurzem Leugnen bereit, 340 Millionen Dollar Strafe im Zusammenhang mit dem Vorwurf zu zahlen, Transaktionen zur Finanzierung terroristischer Gruppen verschleiert zu haben.

Ich denke, Kraftwerke sind ein gutes Modell für Banken. Banken genießen das Privileg, Kredite zu gewähren und durch solche Geldschöpfung das für eine moderne Ökonomie unerlässliche Kapital bereitzustellen. Insofern ähneln sie den Energieunternehmen, die dem Land den nötigen Strom liefern. Aber die Banken sind außer Kontrolle geratene Kraftwerke. Es ist schon erstaunlich, dass Ermittlungen wegen eines strafbaren Verhaltens eingestellt werden, wenn die betreffenden Institutionen Strafzahlungen leisten, und dass diese Strafzahlungen, die im Vergleich zu den Profiten relativ gering ausfallen, die Aktionäre treffen, nicht aber die Personen, die für das Vergehen verantwortlich waren. Als Institutionen kommen Banken bei Vergehen ungeschoren davon, die Privatpersonen niemals straflos begehen könnten.

Eine erweitertes Scheitern der Modelle

Bisher habe ich Anzeichen für aktive Vergehen von Unternehmen beschrieben, doch es gibt auch Anzeichen für Vergehen durch Unterlassung. Visa, MasterCard, Paypal, Western Union und die Bank of America weigerten sich zu unterschiedlichen Zeiten, Zahlungen an Wikileaks weiterzuleiten. Was immer man über Julian Assange und Wikileaks denken mag, lässt sich doch kaum einsehen, warum eine mit staatlichen Privilegien ausgestattete Bank das Recht haben sollte, willkürlich darüber zu entscheiden, an wen sie Geld weiterleitet und an wen nicht. Vor allem wenn nach einem Bericht der New York Times vom 28. September 2006, „die Bank of America eingeräumt hat, dass ihre laxen Kontrollen es südamerikanischen Geldwäschern ermöglicht haben, illegal 3 Milliarden Dollar durch eine einzige Filiale in Midtown Manhattan zu schleusen“.

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