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F.A.Z.-Kolumne von Emanuel Derman Der Geist hat sehr wohl Bedeutung

Meine naturwissenschaftliche Qualifikation ist einigermaßen tadellos, meine philosophische dagegen nicht. Die zweite Folge von Emanuel Dermans F.A.Z.-Kolumne.

© Kat Menschik Vergrößern

Ich finde mich zunehmend in einer irritierten Uneinigkeit mit den zahlreichen Neurowissenschaftlern und evangelikalen Berufsatheisten, die glauben, die Naturwissenschaft sei alles, es gebe nur Materie, und die fotografischen Bilder chemischer Stoffe, die im Gehirn aufglühen, seien gleichbedeutend mit Gedanken und Gefühlen. (Ich habe kein Problem damit, dass sie schlicht nicht an Gott glauben.)

Ich bin als Rationalist aufgewachsen. Meine Einführung in das angeblich Spirituelle fand in der Synagoge und der Schule statt, doch diese Einführung war gewissermaßen nur formeller Natur: Geschichten und Gebote und Rezitationen, aber keine Diskussion über die Vorstellung von Gott. Nichts über jene Art von Erfahrung, über die Aldous Huxley in „Die ewige Philosophie“ geschrieben hat.

Außerhalb meiner Forschungsarbeit erlebte ich das erste echte Gefühl des Staunens und Wunderns in meiner Zeit als wissenschaftlicher Assistent in Oxford, als mir bei einem Gang durch eine winzige anthroposophische Buchhandlung der Rat, Rudolf Steiner zu lesen, in den Sinn kam, den jemand mir vor Jahren in schwieriger Zeit einmal gegeben hatte. So kaufte ich mir sein Buch „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ in einer englischen Übersetzung.

Die geistige Welt als etwas Urpsüngliches

Es war mir unmöglich, das Buch in voller Länge durchzulesen, da es mir ein wenig schwülstig erschien, aber einige Sätze fanden einen gewissen Widerhall in mir. Der Mystiker, der Gnostiker, der Theosoph, sie sprachen stets von einer Seelen- und einer Geisterwelt, die für sie ebenso vorhanden sind wie diejenige, die man mit physischen Augen sehen, mit physischen Händen betasten kann. Und später im Buch folgte eine Anleitung zur spirituellen Übung: „Zu den Eigenschaften, die zum Beispiel ebenso bekämpft werden müssen wie Zorn und Ärger, gehören Furchtsamkeit, Aberglaube und Vorurteilssucht, Eitelkeit und Ehrgeiz, Neugierde und unnötige Mitteilungssucht.“

Der letzte Ausdruck, „unnötige Mitteilungssucht“, traf mich, denn ich war immer schon jemand, der den Menschen mehr als nötig erzählte. Ich bin nicht redselig; ich bin bedauerlich begierig darauf, anderen Leuten unnötige (zuweilen persönliche) Mitteilungen zu machen. Ich hätte diesen Hang selbst nicht besser zum Ausdruck bringen können.

Kopie von  derman © Laif/The New York Times Vergrößern Emanuel Derman

Ich bin kein leichtgläubiger Mensch. Mystiker, Gnostiker und Theosophen klingen für mich abgeschmackt und stupide. Doch an diesem Abend im Jahr 1975 ließ der Gedanke, dass die geistige Welt als etwas Ursprüngliches und nicht als etwas Abgeleitetes existiert, in mir etwas anklingen, und so war ich bereit, Steiner mit einer gewissen Nachsicht zu behandeln.

Wundern kommt von Geheimnis

Ich bin niemals Anthroposoph geworden, doch einige dieser Vorstellungen haben heute noch Gewicht für mich. Als ich Jahre später Spinozas Ethik las, stieß ich auf einen ganz ähnlichen Gedanken. Geist und Materie sind nach Spinoza gleichermaßen Attribute einer grundlegenden Substanz. Oder, modern ausgedrückt, der Geist ist kein Epiphänomen der Materie, und die Materie ist kein Epiphänomen des Geistes. Die Neurophysiologie vermag nicht die Psychologie zu erklären, und die Psychologie vermag nicht die Neurophysiologie zu ersetzen. Zwischen Geist und Materie besteht ein Verhältnis der Koexistenz. Der Geist ist ein Element, keine Verbindung.

Noch ein weiterer Satz von Steiner fand Widerhall in mir: „Die Außenwelt ist in allen ihren Erscheinungen erfüllt von göttlicher Herrlichkeit; aber man muss das Göttliche erst in seiner Seele selbst erlebt haben, wenn man es in der Umgebung finden will.“

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Veröffentlicht: 14.09.2012, 11:38 Uhr

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