Auf „Marc Jacobs“ können sich zur Zeit alle einigen - ob es sich nun um Schauspielerinnen, Galeristinnen, Sammlerinnen oder um junge Künstlerinnen handelt. Wer über genügend Geld verfügt und regelmäßig öffentliche Auftritte zu bestreiten hat, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Outfits und Accessoires dieser Marke zurückgreifen. Wie konnte es jedoch dazu kommen, daß gerade dieser Designer zum Lieblingsausstatter des gesamten Kulturbetriebs wurde?
Ungefähr zur Jahrtausendwende kam es zu einer Art Wachablöse - Marc Jacobs nahm jene Position ein, die zuvor Prada jahrelang erfolgreich verteidigt hatte. Auf Kunstmessen konnte man beobachten, daß Galeristinnen nun nicht mehr automatisch in Prada oder Helmut Lang auftraten. Sie trugen plötzlich Anzüge und Schuhe von Marc Jacobs und schwangen selbstbewußt mit dessen großen Lederhandtaschen um sich. Auf diese Weise stellten sie ihre Offenheit für Neues und ihre Informiertheit unter Beweis - eine Haltung, die sich in der Welt der Kunst bezahlt macht. Aber wie konnte Marc Jacobs in die ewig scheinende Hegemonialstellung von Prada als Uniformlieferant des Kulturbetriebs einbrechen?
Emanzipation und Sicherheit
Vielleicht liegt es vor allem daran, daß Jacobs zwei einander widerstrebende Bedürfnisse miteinander zu versöhnen und in seine Mode zu integrieren wußte: den Wunsch nach einem subkulturellen, emanzipierten Lebensgefühl und das Bedürfnis nach Sicherheit und Konvention. Beide Bedürfnisse werden hier bedient. Marc Jacobs ist eine Marke, mit der man stets auf Nummer Sicher geht und die einen zugleich - allerdings nur scheinbar - an der vordersten Front der Kreativitätsindustrie plaziert. Seine Mode ist stets tragbar und noch in ihren historischen Anspielungen, etwa auf Vivienne Westwood, konventionalisierend. Seine Anzeigenkampagnen dagegen sprechen eine ganz andere, experimentellere, aufgeschlossenere Sprache: Mit jeder Saison wird eine bestimmte Kulturproduzentin zum role model erklärt und als Werbeträgerin genutzt, zum Beispiel die Regisseurin Sofia Coppola, die Musikerin Kim Gordon, die Schauspielerin Charlotte Rampling, die Bildhauerin Rachel Feinstein oder zuletzt die Künstlerin Cindy Sherman.
Der Kulturbetrieb trägt „Marc Jacobs“ - warum eigentlich?
Der Status dieser Frauen, die ja in ihren jeweiligen Bereichen für das „Gewagte“, „Dissidente“ oder „Besondere“ stehen, geht unweigerlich auf das Produkt über. Dazu kommt, daß diese Kampagnen ausgerechnet von Jürgen Teller inszeniert und fotografiert werden, der ja seinerseits an der vielbeschworenen Schnittstelle zwischen „Avantgardekunst“ und „Mode“ operiert, den Status des bildenden Künstlers für sich in Anspruch nimmt und in seinen Künstlerbüchern gerne als berserkerhafte Künstlertype herumturnt. Sein Name verheißt einen künstlerischen und popkulturellen Mehrwert, von dem sich nicht nur seine Galeristen viel versprechen, sondern von dem auch das Projekt Marc Jacobs profitiert.
Groteske Rollenspiele
Je mehr dabei die kreative Kontrolle aus der Hand gegeben wird, desto besser für den Imagetransfer. Im Fall von Cindy Sherman ging dies so weit, daß die Künstlerin selbst an der Gestaltung der Kampagne für die Frühjahr/Sommer-Kollektion mitwirkte. Sie stellte gewissermaßen ihr künstlerisches Programm zur Verfügung. Das Ergebnis sind die für Sherman typischen, grotesken Rollenspiele, in denen sich Teller und Sherman in brav wirkenden Outfits gemeinsam als odd couple inszenieren. Auf diese Weise macht sich die Modemarke die Aura des Schräg-Künstlerischen zu eigen, um zugleich eine Mode anzupreisen, mit der man kein Risiko eingeht.
Für diesen Doppelcharakter der Mode von Jacobs finden sich auch zahlreiche Anhaltspunkte in der Herbst/Winter-Kollektion. Die Stimmung, die sich einem zunächst aufdrängt, ist eher trübe: wadenlange Röcke aus groben Stoffen, die sich ein wenig bauschen und mit kurzen Jacken getragen werden, die Farbpalette changiert zwischen schwarz, grau, braun und blau, was fatal an die Zeit jener Kulturbetriebsuniform erinnert, für die Yohji Yamamoto in den späten achtziger Jahren verantwortlich war. Schleifen und Rüschen rufen uns zu, daß man an Bewährtem und an einem konventionellen Frauenbild festhält.
Eine Prise Trümmerfrau
Noch jeder weit fallende Kurzmantel wird von einem Gürtel in der Taille zusammengehalten, und wie um diese Reminiszenz der fünfziger Jahre zu durchbrechen, lugt dann darunter besagter kuttenhafter Rock hervor. Ein damenhafter Look, dem eine Prise Trümmerfrau beigemischt wurde. Auch Tweed kommt wieder zum Einsatz, als würde man auf ein gewisses Maß an Beständigkeit setzen. Beim Betrachten dieser Kollektion muß man unwillkürlich an den alten CDU-Slogan „keine Experimente“ denken. Nur: Warum sollte Risikobereitschaft heute ein Wert an sich sein - zumal in Zeiten, wo die Biographien unsicher und die Existenzen prekärer werden? Marc Jacobs gibt zumindest allen Halt, die sich überfordert fühlen.
Dieser konventionellen Seite von Marc Jacobs wird aber nun seine junge Kollektion „Marc by Marc Jacobs“ zur Seite gestellt. Eine Kollektion, die die modischen Vorgaben und Normen jeder Saison aufgreift, sie aber freier und offener - sozusagen spielerischer und mädchenhafter - interpretiert. Anspielungen auf subkulturelle Bewegungen wie Punk oder New Wave sind hier die Regel. Man denke nur an das rot-schwarze Karomuster, das die Jacken und Mäntel wie ein Leitmotiv durchzieht, an die mit Nieten beschlagenen kurzen Stiefel. Zahlreiche Hosen sind extrem eng geschnitten und haben Legging-Format. Das Arsenal der achtziger Jahre wird weiter lustvoll geplündert, was sich auch in der Farbpalette mit zahlreichen Pink-und Türkistönen niederschlägt.
Es gibt kein Entrinnen
Doch was auf den ersten Blick freier wirkt, ist auf den zweiten Blick natürlich eine Bestätigung der aktuellen Modenormen. Sie zu variieren und abzuwandeln heißt letztlich, ihre Gültigkeit zu zementieren. Bestimmte Parameter sind für den Herbst/Winter 2005 nun mal festgelegt - da gibt es kein Entrinnen. Und der Erfolg von Marc Jacobs ist wohl darin zu sehen, daß seine Mode die Mode als eine unhintergehbare soziale Norm und Vorgabe ernst nimmt. Von der Mode wird man unerbittlich auf die eigenen finanziellen Möglichkeiten zurückgeworfen - schon die Aufteilung in eine teure und eine preiswerte Linie wie bei Marc Jacobs und vielen anderen spricht Bände. Es geht darum, die Kunden sozial zu plazieren.
Dennoch steckt in jedem Outfit von Marc Jacobs das Potential, sich mit ihm anders zu inszenieren und den sozialen Platz, der einem zugewiesen wurde, symbolisch zu überschreiten; neue Zwänge bergen hier auch immer das Potential neuer Freiheiten.