01.12.2006 · Modell „101801“ ist eine Legende in Kamelhaar. Seit 55 Jahren entwirft die Modelinie Max Mara Mäntel und mehr. Die Ausstellung „Coats“ rollt die Mäntelmode seit den fünfziger Jahren auf. Mit dabei sind auch anonym entworfene Stücke von Karl Lagerfeld und Guy Paulin.
Von Andreas PlatthausVor einigen Jahren machte sich das italienische Modehaus Max Mara auf die Suche nach den Gewinnerinnen des „Modereferendums“, das die Zeitschrift „Arianna“ in den Sechzigern zweimal jährlich veranstalt hatte. Darin waren die Leserinnen aufgerufen worden, aus den jeweils neuen Kollektionen von Max Mara ihre Favoriten auszuwählen, und unter den Einsendern wurden dann fünfzig Kleidungsstücke verlost. Da es damals noch nicht üblich war, die produzierten Waren für das firmeneigene Archiv aufzubewahren, fehlte Max Mara ein Großteil seiner Firmengeschichte. Deshalb bemühte man sich, die glücklichen Gewinnerinnen aufzuspüren. Man hoffte, bei ihnen noch einzelne Exemplare zu finden.
Das Firmenarchiv wurde erst 2003 erschlossen und vor allem komplettiert; heute enthält es mehr als 50.000 Objekte von der Stoffmusterkarte bis zum Abendkleid. Im selben Jahr stellten die Staatlichen Museen Berlin dem Unternehmen Max Mara eine Ausstellungsidee zu dessen Firmengeschichte vor. Nun ist sie Wirklichkeit geworden, und in der famosen Schau namens „Coats!“, die gestern im Kulturforum eröffnete, ist denn auch tatsächlich eines der vor vier Jahrzehnten von „Arianna“ verlosten Stücke zu sehen. Bis heute wurde es von der Gewinnerin sorgfältig aufgehoben, und so präsentiert es sich, als käme es frisch von der Stange.
Das erfolgreichste Modell 101801
Es handelt sich um einen Mantel, den Colette Demaye 1968 für die sogenannte Pop-Kollektion von Max Mara entworfen hatte: aus schwarzem Wollkrepp mit Opossumpelz an Kragen und unterem Saum. Demaye gelang ein origineller Entwurf, denn sie nutzte die seitlich angebrachte Knopfleiste dazu, beim überlappenden Teil des Mantels den Saum in einem Bogen hochzuziehen, während der Kragen sich entgegengesetzt der Knopfleiste zuneigt, so daß die jeweiligen Pelzapplikationen als geschwungene Ornamente die Vorderseite des Kleidungsstücks dominieren.
Dieser Mantel ist nur einer von insgesamt einundfünfzig Modellen, die aus der fünfundfünfzigjährigen Firmengeschichte von Max Mara im Kulturforum präsentiert werden; außerdem gibt es noch ein rundes Dutzend Kostüme und Jacken. Das klare Übergewicht der Mäntel, das auch in der Benennung der Schau zum Ausdruck kommt, begründet die Kuratorin Adelheid Rasche mit dem Ruf, den die Mäntel des Modehauses genießen. Vom erfolgreichsten Modell, dem 1981 von Anne Marie Beretta entworfenen und immer noch jeden Winter in der Kollektion enthaltenen „101801“, einer Legende in Kamelhaar, wurden bisher 135.000 Stück verkauft.
Pop-Kollektion
Max Mara hat immer schon ungewöhnlich viele Frauen als Designer beschäftigt. Als 1965 die Pop-Kollektion ins Leben gerufen wurde, um junge Frauen als Kundinnen zu gewinnen, wurde dafür die Französin Lison Bonfils engagiert, die damals als Redakteurin bei der Modezeitschrift „Elle“ arbeitete.
Gemeinsam mit dem Firmenchef Achille Maramotti, der sich jede ästhetische Entscheidung vorbehielt, entwickelte sie eine in den einzelnen Kleidungsstücken vielseitig kombinierbare Kollektion, die aus preiswerteren Stoffen hergestellt wurde, um den Verkaufspreis niedrig zu halten. Trotzdem sind in den fünf Jahren, die „Pop“ Bestand hatte, ehe die Linie von „Sportmax“ abgelöst wurde, auch solch elegante Stücke entstanden wie der eingangs erwähnte Mantel von Colette Demaye.
Lagerfeld entwarf anonym
Lison Bonfils blieb zwar die einzige Designerin in der Geschichte von Max Mara, die vom Unternehmen namentlich herausgestellt wurde, aber ihr Erfolg bewog Achille Maramotti, immer wieder kreative Kräfte von außen für einzelne Kollektionen anzuwerben. So entwarfen unter anderen Karl Lagerfeld, Odile Lançon, Guy Paulin oder Eric Bremner für das Haus - sämtlich anonym.
Max Mara legt keinen Wert auf große Namen, und Maramotti hat dazu lapidar festgestellt: „Eine Kollektion ist zu bedeutend, um sie einem einzigen Modeschöpfer zu überlassen. Man muß ein Team zusammenstellen sowie unsere Marktkenntnisse und Marketinginformationen einbeziehen.“ Gewürdigt werden soll deshalb in der Berliner Schau nicht nur ein Unternehmen, sondern pars pro toto die Geschichte des modernen Prêt-a-porter - als kreativer Prozeß.
Fünf Kabinette für die Mode
Der Löwenanteil der Max-Mara-Produktion seit 1965 verdankt sich zwei Designerinnen, die immer noch für das Haus tätig sind: Laura Lusuardi und Anne Marie Beretta. Und nur weil Lusuardi die von ihr entworfenen Kleidungsstücke aufbewahrt und später dem Firmenarchiv gestiftet hat, ist Max Mara überhaupt in der Lage, diese Ausstellung mit mehr zu bestücken als nur den Kollektionen des letzten Jahrzehnts. Selbst das graue Cape, das Lagerfeld 1971 entworfen hatte, war nicht aufbewahrt worden und mußte deshalb aus privater Quelle entliehen werden.
Dennoch wird jetzt in Berlin manches Inkognito gelüftet, und es ist eine Lust, die Entwurfszeichnungen der Modeschöpfer mit den fertigen Modellen zu vergleichen. Eingebüßt haben sie wenig, und präsentiert wurden sie noch nie so schön. Denn der Mailänder Architekt Ico Migliore hat in die Ausstellungshalle des Kulturforums fünf Kabinette für die Mode gebaut, die eines schöner als das andere geworden sind. Mittels Spiegeln und Buchreproduktionen zaubert er etwa einen Bibliotheksraum für Stoffmusterproben und Entwurfszeichnungen. Die Diapositive für die Werbekampagnen werden in einem nachgebauten Fotostudio präsentiert, und zum Schluß sind fünf Mäntel aus der aktuellen Winterkollektion derart installiert, daß man durch Berührungen einzelner Stoffpartien kurze Filme zu deren Herstellung abrufen kann. Hier wird tatsächlich eingelöst, was Mode generell als ästhetisches Programm bieten sollte: Anschaulichkeit in jedem und für alle Sinne.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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