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Neue Pisa-Studie : Mittelmaß und Schlimmeres

Im Ausmalen eine Eins plus: Neuntklässler im bayerischen Straubing Bild: dpa

Die wichtigste Erkenntnis der neuen Pisa-Studie könnte lauten: Lasst die Schulen einfach mal in Ruhe arbeiten.

          Die Schlagzeilen, die der Veröffentlichung dieser sechsten Pisa-Studie vorauseilten, ließen Schlimmes befürchten. Von schweren Rückschlägen für Deutschland war die Rede, was sich zum Glück nicht bewahrheitet hat. Ein gewisser Alarmismus begleitet die weltweiten Schulleistungsvergleiche unter Fünfzehnjährigen hierzulande von Anfang an, was weniger mit den tatsächlichen Befunden zu tun hat als mit der Erinnerung an Pisa I.

          Damals, vor fünfzehn Jahren, wurde sogleich eine Bildungskatastrophe ausgerufen, weil die deutschen Ergebnisse so ganz anders ausfielen als erwartet: Mittelmaß und Schlimmeres! Das Selbstbild einer Nation war erschüttert, wobei diese Pisa-Studie die erste war, an der sich Deutschland überhaupt beteiligte. Bis dahin wurde hier über Schule und ihre Zwecke im Stande der Unschuld geredet, verklagten Bildungsgewerkschaften schon mal eine Schulbehörde, die es gewagt hatte, die Effekte des Lernens von Wissenschaftlern untersuchen zu lassen. Betriebsfremde, so die eitle Überzeugung, hätten in deutschen Klassenzimmern nichts zu suchen.

          Das ist lange her und das Testen ist inzwischen zur Gewohnheit geworden. Die Pisa-Studie jetzt ist der dritte Test innerhalb eines Monats und weil sie im Großen und Ganzen ganz gut ausgefallen ist, tritt der schockierende Befund des Bundesländervergleichs unter Neuntklässlern wieder in den Hintergrund. Zur Erinnerung: Danach erreichten in Deutsch und Englisch nicht einmal die Hälfte der Schüler den Regelstandard, Voraussetzung für den mittleren Schulabschluss. Die Gruppe, die unterdurchschnittlich schlecht abschnitt, war, regional zwar verschieden, bestürzend groß. Tausende dieser Jugendlichen könnten, wenn nicht rasch etwas geschieht, alsbald das ohnehin große Heer der funktionalen Analphabeten in Deutschland verstärken.

          Mit der sechsten Pisa-Studie kann Deutschland verbuchen, sich kontinuierlich verbessert zu haben, der angekündigte „Rückschlag“ war minimal. Im Kleingedruckten deuten sich dann doch Unterschiede an. So schnitten Gymnasien diesmal in den Naturwissenschaften schlechter ab. Noch ist nicht genau analysiert, woran das liegt; ein Grund ist sicher, dass Klassen immer heterogener werden und immer mehr Kinder mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen auf weiterführende Schulen wechseln. Auch hat Deutschland zu lange die Spitzenförderung vernachlässigt; nun ist die kleine Gruppe der besonders Leistungsstarken noch kleiner geworden. Das hat vor allem ideologische Gründe, im Gleichheitswettbewerb um jeden Preis, was widersinnig ist, denn Schule ist und bleibt ein System, das Differenz erzeugt und nicht Gleichheit. Die Gruppe der besonders Leistungsschwachen sei im internationalen Vergleich relativ stabil geblieben, heißt es, aber jeder fünfte Schüler gehört dazu. Doch zeigen gerade die innerdeutschen Daten, dass Bundesländer mit stabilen, konventionellen Schulsystemen besser abschneiden, während die Reformeiferer, voran Berlin, am Tabellenende verharren. Und so könnte nun eine heilsame Schlussfolgerung lauten: Lasst die Schulen einfach mal in Ruhe arbeiten.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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          Quelle: F.A.Z.

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