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„Mit Brachialgewalt“ : Kohls Europa

Kohls Pranke: Körperliche Diplomatie beim EU-Gipfel 1996 in Dublin Bild: Picture-Alliance

Helmut Kohl setzte für das Friedensprojekt Europa selbst körperliche Gewalt ein. Theo Waigel erinnert sich bei einer Veranstaltung in München an den eigenwilligen Politikstil des früheren Kanzlers.

          Die Holländer feuern die Deutschen an. Wo ist das möglich? Nur im Europa Helmut Kohls. Über die Zukunft dieses Gebildes sollte jetzt in München bei der Hanns-Seidel-Stiftung Theo Waigel Auskunft geben, der als Finanzminister in den Verhandlungen über Binnenmarkt und Einheitswährung die Rolle spielte, die in der klassischen Staatenwelt dem Außenminister zugefallen wäre. Um den „unaufhörlichen Antreiber“ Kohl zu charakterisieren, schilderte Waigel eine Szene auf dem EU-Gipfel in Dublin 1996.

          Der Bundeskanzler habe den französischen Präsidenten Chirac „mit der ganzen Wucht seiner Gestalt“ in eine Ecke des Saals gedrängt, um die Zustimmung Frankreichs zum Stabilitätspakt zu erwirken. Wim Kok, der holländische Ministerpräsident, habe danebengestanden und gerufen: „Helmut, gib nicht nach! Helmut, gib nicht nach!“ Vorher hatte Chirac den Pakt im Fernsehen als Idee deutscher Technokraten abgetan.

          Erster Präsident Europas?

          Zwei Rahmenbedingungen von Kohls Europa-Politik werden hier deutlich. Einerseits musste Kohl stets mit antideutscher Polemik rechnen. Andererseits konnte er Methoden einsetzen, die das Gegenteil von technokratisch (indirekt, unpersönlich, ausgetüftelt) waren und gleichwohl geeignet, die hässlichsten Züge des hässlichen Deutschen ins Gedächtnis zu rufen. Bei anderer Gelegenheit, im Gespräch mit Hans-Peter Schwarz, dem Biographen Kohls, hat Waigel dessen Umgang mit Chirac in Dublin als „Brachialgewalt“ charakterisiert.

          Für das Übergewicht Deutschlands in der Europäischen Union, das deutsche Diplomaten zu übervorsichtigem Vorgehen verpflichtet, hat sich die Rede vom heimlichen Hegemon eingebürgert. Kohl konnte seinen Willen zur Dominanz im Amtskollegenkreis nicht heimlich zur Geltung bringen. Er brauchte das Publikum wie einst auf dem Schulhof in Ludwigshafen. Kohl sei so etwas wie ein König von Europa gewesen, hieß es nach seinem Tod, als ein europäischer Staatsakt angesetzt wurde. Das war keine Übertreibung der Pietät: Kohls europäische Autorität war persönlicher Natur, weil es einen europäischen Staat noch nicht gibt. Er herrschte, wie die konstitutive Assistenzfigur Wim Koks beweist, durch Akklamation.

          Ähnlich erfolgreich ist nach Waigels Einschätzung die europäische Dauerkrisenmanagerin Angela Merkel: „in ihrer nüchternen Art, die ganz anders ist als die von Helmut Kohl“. Dabei bringt auch Frau Merkel, wenn am Konferenztisch Wille gegen Wille steht, physische Kraft zum Einsatz: ihre Ausdauer. Aber dass man sich nicht vorstellen kann, wie sie einen widerstrebenden Macron in die Ecke zwingt, erklärt der Geschlechtsunterschied nicht allein. Helmut Kohl setzte für das Friedensprojekt Europa auch Gewalt ein, weil ihm das Ziel eines Bundesstaats vor Augen stand. Aus gleicher Gewissheit handelt heute niemand. Die Angabe anderer Zeitzeugen, Kohl habe der erste Präsident Europas werden wollen, stieß bei Waigel auf Zweifel: Ihm gegenüber habe er das nie erwähnt. Womöglich war dieser Ehrgeiz das Geheimnis, das Kohl gegenüber dem engsten Mitarbeiter wahren musste.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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