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Missbrauchsdebatte : Macht es Frankreichs Kirche besser?

Landkirche über den Weinbergen von Epernay Bild: AFP

Vor wenigen Tagen veröffentlichte die französische Bischofskonferenz eine Stellungnahme zu den kirchlichen Missbrauchsfällen in Europa. Durch frühere Erfahrungen gewarnt, heißt es da, sei man sich dieses Mal der Problematik bewusst gewesen.

          Frankreich, weiß Gott, ist das Paradies der Verdrängungskünstler schlechthin. Wenn es um das Verschweigen und Verstecken geht, ist seine Gesellschaft Spitzenklasse. Der Schutz der Privatsphäre ist schon oft ein billiger Vorwand gewesen, um wichtige Themen nicht zur Sprache zu bringen. In sexuellen Fragen ist man inzwischen zwanghaft toleranter als in religiösen Angelegenheiten. Daran denkt man unweigerlich angesichts der Tatsache, dass es seit Jahren keinen großen Kinderschänder-Skandal gegeben hat: Ist Frankreich auch in dieser Hinsicht eine glückliche Ausnahme? Oder werden die Vorfälle einfach unter den Teppich gekehrt – und Schwamm darüber!

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte die französische Bischofskonferenz eine Stellungnahme zu den Affären in Europa: „Die Lage kann von Land zu Land verschieden sein. In Deutschland und Irland sind Institutionen von den Vorwürfen betroffen, in Frankreich haben wir es bislang ausschließlich mit einzelnen Fällen zu tun gehabt.“ Die letzte große Affäre, die Frankreich erschütterte, geht auf das Jahr 2000 zurück. Damals wurde der Abbé Bissey zu einer Haftstrafe von achtzehn Jahren verurteilt. Der Skandal bekam eine zusätzliche Dimension: Der Bischof von Bayeux, Pierre Pican, hatte um die Verfehlungen gewusst. Er hatte sie gedeckt – und auch in anderen Fällen geschwiegen. Er wurde im Jahr danach zu einer mehrmonatigen Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt. Sein Anwalt empörte sich: „Zum ersten Mal seit der Revolution steht ein Bischof vor Gericht.“

          Auf diesen Fall bezieht sich – ohne ihn zu erwähnen – die Erklärung der Bischöfe: „Die französische Kirche hat früher als andere die Gravität der Problematik erkannt.“ Und sie erinnert an ihre Haltung seither: „Priester, die sich schuldig gemacht haben, müssen sich dafür vor der Justiz verantwortlich machen und die Strafe der Kirche und der Gesellschaft auf sich nehmen.“ Auch das französische Gesetz ist eindeutig: Wer über sexuelle Verbrechen von Erziehern informiert ist, muss diese der Polizei melden.

          Schwimmbäder für Erwachsene geschlossen

          Das geschieht – aber niemand weiß, wie hoch die Dunkelziffer ist. Das Problem betrifft keineswegs nur die Kirche, sondern ebenso die Sportverbände. Die Schulbehörden haben nur zu oft fehlbare Lehrer an eine andere Schule versetzt – auch unter dem Einfluss der Gewerkschaft, die auf allen Stufen einflussreich ist und die Angehörigen des Berufsstandes manchmal auf Kosten der Schüler zu schützen bereit ist. In Schwimmbädern kann man gelegentlich eine richtige Pädophilen-Hysterie spüren. Wenn Schulklassen angesagt sind, werden keine Erwachsenen mehr eingelassen – und das nicht aus Platzgründen.

          Nach dem Skandal in Nordfrankreich hat die Kirche Richtlinien zum „Kampf gegen die Pädophilie“ erlassen: Sie wurden von Theologen, Psychologen, Juristen verfasst. Man versucht frühzeitig zu erkennen, wer gefährdet sein könnte. Michel Bonnet veranstaltet Seminare, in denen es um die Enthaltsamkeit geht, mit der die Priester leben müssen: „Wenn sie mit Kindern zusammen sind, soll das an einem Ort sein, wo andere sie sehen können. Keine Gesten der Zuneigung, die falsch verstanden werden könnten. Ich rate ihnen, jeden Verdacht zu vermeiden.“

          Festhalten am Zölibat

          Die Kirche verweist in ihrer Stellungnahme auch darauf, dass ihre Erziehungsinstitutionen weniger stark seien als in anderen Ländern. Vom Staat ist sie getrennt, die Gesellschaft ist eine laizistische. Ihr Einfluss auf das Erziehungswesen und die Jugendbewegung geht zurück. Der langjährige Kirchenexperte von „Le Monde“, Henri Tinq, unterstreicht diesen Aspekt der „Ent-Klerikalisierung“ seit den sechziger und siebziger Jahren: „Damals waren in den Instituten und Internaten die Priester tätig, die für die Hunderte von Fällen verantwortlich sind, die erst in jüngster Zeit angeklagt wurden.“

          Aber die Verbrechen sind inzwischen wohl tatsächlich weniger zahlreich als in anderen Ländern. Henri Tinq glaubt keineswegs an eine größere Tugendhaftigkeit des französischen Klerus. „Vielleicht“, sinniert er, „sind auch nur die Opferverbände weniger militant.“

          Die Zahl der Priester geht zurück. In den katholischen Privatschulen kümmern sich Laien um den Unterricht und die Verwaltung: „Die Internate sind nicht mehr geschlossene Anstalten wie in Irland, wo die mächtige Kirche niemandem Rechenschaft ablegen muss.“ Aber auch die Diskussionen und Maßnahmen innerhalb der Kirche zeigen Wirkung: „Es ist vorgekommen, dass ein Bischof einen Priester zur Polizei begleitet hat.“ Die Kirche will sich nicht mehr mitschuldig machen und sich in erster Linie um die Opfer kümmern. Am Zölibat hält sie fest: „Am stärksten ist die Pädophilie im engsten Verwandtenkreis verbreitet. Aber deswegen verlangt niemand, die Familien zum Schutz der Kinder aufzulösen.“

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