10.03.2010 · Die Wut wächst: Chefdirigenten und Intendanten der führenden Berliner Häuser und Orchester haben in einem offenen Brief an den Berliner Bildungssenator gegen den weiteren Abbau des schulischen Musikunterrichts protestiert.
Von Julia SpinolaLängst kann sich noch der hartgesottenste, amusische Positivist anhand einer Flut neuer wissenschaftlicher Studien davon überzeugen, dass Musik eine Basis unseres Lebens ist. Musik dringt in die tiefsten Schichten unserer Existenz, weil in ihr auf einzigartige Weise geistige und sinnliche Momente miteinander verbunden erscheinen. Das erlaubt es ihr als einer klar strukturierten Mathematik der Gefühle, die begrifflich festgenagelten Bedeutungswelten zu übersteigen. Doch muss man heute die Musik gar nicht mehr um ihrer selbst willen lieben und vom Glück ästhetischer Erkenntisse schwärmen, um zwingende Argumente für ihren Wert zu finden.
Die Beschäftigung mit Musik, das kann inzwischen auch jeder Bildungspolitiker nachlesen, trainiert unser Gehirn, hilft Krankheiten zu überwinden, verbessert das Sprach- und Ausdrucksvermögen und fördert auf enorme Weise die soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Trotzdem kommt die allgemeine Musikausbildung im Musikland Deutschland aus ihrer Dauerkrise nicht heraus – im Gegenteil: In den Kindergärten wird nicht mehr gesungen, sondern nur mehr angstfrei gegrölt, Musikschulen schließen trotz ellenlanger Wartelisten (in Berlin stehen nach Auskunft des Landesmusikrats zurzeit mehr als 6500 Schüler Schlange für einen der raren Unterrichtsplätze), Instrumentallehrer werden unterbezahlt, und der ohnehin von exorbitanten Ausfallquoten bedrohte Musikunterricht an den allgemeinbildenden Schulen steht immer seltener auf dem Stundenplan.
Wer stoppt die Entmusikalisierung der Republik?
Auf der anderen Seite wirkt eine breite und mittlerweile hochvernetzte Front an Modellversuchen der fortschreitenden Entmusikalisierung der Republik verzweifelt entgegen. Warum verzweifelt? Weil all die tatkräftigen und phantasievollen Intitiativen der Kulturstiftungen, Landesverbände, Orchester, Opernhäuser – die sicherheitshalber, um nicht eines überkommenen Bildungsideals verdächtigt zu werden, die Kids von heute mit cooler „education“ anlocken – nicht fruchten können, wenn ihnen der Boden abgegraben wird.
Den Chefdirigenten und Intendanten der führenden Berliner Häuser und Orchester ist daher nun der Kragen geplatzt. In einem offenen Brief an den Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) protestieren Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Carl St. Clair, Donald Runnicles, Lothar Zagrosek, Ingo Metzmacher, Marek Janowski und andere vehement gegen den weiteren Abbau des schulischen Musikunterrichts. Sie fordern das Selbstverständliche: einen konstruktiven Dialog mit den Fachgremien und eine Lösung, „die die musikalische Allgemeinbildung nicht aus unserer Stadt verbannt“. Musik ist kein Luxus, sondern Lebenselixier.