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Milo Raus Dokumentartheater : Kein Honig für „Pussy Riot“

Szene aus dem Prozess-Theater mit Yekaterina Samutsevich von „Pussy Riot“ (links). Bild: dpa

Russische Szene mit Razzia: Wie ein Schweizer Film- und Theatermacher die „Moskauer Prozesse“ gegen Künstler und Oppositionelle aufrollt und nachstellt.

          Das Dokumentartheater ist für die russische Gesellschaft fast der einzige Freiraum, wo man sich - wenigstens halbwegs ungestört - über zeitgeschichtliche Konfliktthemen auseinandersetzen kann. Nicht nur in der winzigen Moskauer Kellerbühne „teatr.doc“ werden von den sonstigen Medien tabuisierte Ereignisse nachgespielt, zum Beispiel der Foltertod des Rechtsanwalts Sergej Magnitzki in Untersuchungshaft. Im Sacharow-Zentrum für Menschenrechte versuchte jetzt der in Köln lebende Schweizer Filme- und Theatermacher Milo Rau etwas Vergleichbares im Blick auf drei Strafprozesse gegen russische Künstler und Kuratoren. Für seine „Moskauer Prozesse“ engagierte er unter anderen die vorigen Sommer auf Bewährung freigelassene „Pussy Riot“-Punkerin Jekaterina Samuzewitsch, dazu Juristen, religiöse Aktivisten und Journalisten. Sie sollen sich sozusagen die Prozesse noch einmal vornehmen, die zu einer Verurteilung der Organisatoren der Ausstellung „Vorsicht, Religion!“ (2003), der Kuratoren der „Verbotenen Kunst“ (2007) und der Aktivistinnen der „Pussy Riot“-Aktion und ihres skandalösen, in einer Kathedrale über die Altarbühne gegangenen Punk-Gebets geführt hatten. Am Ende fällen dann sieben Geschworene, die das russische Volk repräsentieren, eine Entscheidung.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          In dem aus vier nackten Ziegelwänden bestehenden Anbau, in dem Rau einen Gerichtssaal mit Tischen für Richter, Kläger, Verteidiger sowie Zeugentribüne und Geschworenenbank einrichten ließ, konnte man vor zehn Jahren jene skandalisierten Kunstwerke, die mit religiösen Motiven spielten beziehungsweise sie verfremdeten, begutachten und durch Gucklöcher in Stellwänden einen Blick auf Objekte werfen, die in andern Ausstellungen nicht gezeigt werden durften: darunter Arbeiten, die christliche Symbole mit Konsumartikeln wie Kaviar oder Coca-Cola kombinierten - womit man „falsche Götzen“ aufs Korn nehmen wollte. Was orthodoxe Fundamentalisten, die sich durch diese eher belanglosen Werkeleien angeblich in ihren religiösen Gefühlen tief verletzt fühlten, erst zu vandalisierenden Übergriffen, dann zum Gang vor Gericht trieb. Zwei der damaligen Wüteriche hatte Rau jetzt als Zeugen rekrutiert, Wladimir Sergejew von der Bürgerinitiative „Orthodoxe Verteidigung“ und den Mönch Michail Baranow. Doch während Sergejew seiner Sache treu blieb und sogar zum Leiter der christlichen Wehrsporttruppe „Waffenlose Nahkampftechnik“ avancierte, schwor Baranow inzwischen nicht nur dem Mönchsstand, sondern dem orthodoxen Glauben überhaupt ab. In einem echten Prozess hätte er keine Chance gehabt, gehört zu werden.

          Ein respektloser, feministischer Veitstanz

          Leider wollte von den vielen Vertretern der Patriarchatskirche, die von Rau um Mitwirkung gebeten worden waren, sich keiner an dem Rollenspiel beteiligen, auch kein staatstreuer Jurist. Dafür schafften es vier Männer, die sich als Bevollmächtigte der Migrationsbehörde vorstellten und sämtliche anwesenden Ausländer überprüfen wollten, das Vorhaben zu stören, wollten sich aber nicht ausweisen und legten eine fehlerhafte Order vor, wie die anwesenden Juristen feststellten. Es bedurfte dann aber doch noch einiger Anrufe bei den Migrationsbehördenchefs, die versicherten, von der Razzia nichts zu wissen, damit die Eindringlinge samt ihren mitgebrachten Reportern vom staatlichen Enthüllungssender NTW abzogen.

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