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Veröffentlicht: 14.02.2015, 12:44 Uhr

Millionengrab Elbphilharmonie Der große Eisberg über der Stadt

Die Explosion der Baukosten für die Elbphilharmonie hält Hamburg in Atem. Das neue Wahrzeichen der Stadt sollte längst fertig sein – und ist mittlerweile eines der teuersten Hochhäuser der Welt. War es das wert?

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© dpa Größtes Penthouse aller Zeiten: Die Elbphilharmonie gehört zu den zehn teuersten Hochhäusern der Welt. Was ging schief beim Bau? Wofür steht das Ergebnis?

An diesem Februarmorgen in der vergangenen Woche, als ein matter Nebel über dem Hafen hing und die sogenannte Elbphilharmonie, der rote alte Speicher auf der Kaispitze mit seinem turbulenten Semifreddo-Aufbau, in dem sich der große Konzertsaal, die Wohnungen mit ihren Eisblasenfenstern, die Restaurants und das Hotel befinden, im Dunst verschwand – an diesem Morgen stand vor der neuen Elbphilharmonie mit eingezogenen Hälsen eine Schulklasse, deren Lehrer feierlich mit einem rotgefrorenen Finger auf das Bauwerk zeigte. „Also, das ist die Elbphilharmonie.“ Schweigen. „Was denkt ihr?“ Schweigen. Ein kleineres Boot tuckerte vorbei, weiter hinten bewegte sich in Zeitlupe, als müsste es heimlich geschehen, ein Kran, auf einem Poller hockte eine reglose Möwe. „Sieht krass aus“, sagte schließlich einer. Mattes Nicken der Klasse, der Lehrer mochte sich mit der Einschätzung des Gebildes als krass aber nicht zufriedengeben: krass, ja, aha – was er damit genau meine? Woran denke man denn da?

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Tja. Woran denkt man? An eine schockgefrorene Nordseewelle, eine künstliche Skipiste, ein aus dem Gletscher herausgesägtes, leicht angetautes Alpenstück? Die Architekten Herzog&de Meuron, die den Aufbau vor mehr als zehn Jahren für den Initiator der Elbphilharmonie, den Projektentwickler Alexander Gérard, entwarfen, kommen immerhin aus der Schweiz. Ist das da ein abstrakter Eisberg? Es gab hier tatsächlich einmal Eisberge, das Elbe-Urstromtal entstand, als die Gletscher, die über Norddeutschland lagen, vor etwa 14500 Jahren schmolzen und das Schmelzwasser dort, wo heute die Elbe ist, zum Meer floss. Oder stellt das Ganze einen Geldspeicher dar, aus dem oben die Bündel herausquellen, die man hineinstopfen musste, bildet die scharf nach oben schießende, gezackte Dachlinie die Baukostenkurve ab?

Infografik / Hamburger Elbphilharmonie / Kostenanstieg um 365 Prozent © F.A.Z. Vergrößern

Magische Milliardengrenze bald erreicht

Vor nicht einmal zehn Jahren kam eine sogenannte Machbarkeitsstudie zu dem Ergebnis, dass sich die Elbphilharmonie mit Nettokosten von 186 Millionen Euro bauen lasse. 2010 wollte man fertig sein. Seitdem ist einiges schiefgegangen. Die Baukosten liegen aktuell bei voraussichtlich 865 Millionen Euro und haben damit bald die magische Milliarden-Dollar-Grenze durchbrochen, was dem Prestigeprojekt einen Platz im Ranking der zehn teuersten Hochhäuser der Welt des Immobiliendienstleisters Emporis beschert – wobei die Hamburger auch noch dadurch brillieren, dass sie unter den teuersten Häusern das verhältnismäßig kleinste besitzen: Die Elbphilharmonie ist an ihrer höchsten Zacke gerade mal 110 Meter hoch, viel flacher als der Londoner Turm „The Shard“, der wie ein gieriger Schnabel in den Himmel über der Themse ragt und mit 310 Metern deutlich höher ist, und beim New Yorker „One World Trade Center“, dem teuersten Hochhaus der Welt, geht ein guter Teil der 3,9 Milliarden Dollar in die Sicherheitsvorkehrungen.

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Woran denkt man? Für viele Hamburger, denen als Bewohner einer Kaufmannsstadt ja ein Gefühl für den Umgang mit Geld nachgesagt wird, wirkt die Elbphilharmonie mittlerweile wie ein hinterhältiger Magnet, ein böses Dementorenhaus, das die Schweizer mitten in die Handelsstadt gestellt haben und das nun alle Geldreserven aus den Kontorhäusern und den Geldbeuteln der Hanseaten heraussaugt.

Wird die Elbphilharmonie Hamburgs Eiffelturm?

Was ist bloß passiert? Im Dezember 2003 hatte der Senat die Grundsatzentscheidung für den Bau getroffen. Man bestellte Hartmut Wegener als Projektkoordinator, die öffentliche Hand sollte mit nicht mehr als 77 Millionen Euro belastet werden; heute weiß man, dass allein die mehr als tausend, im Schnitt anderthalb Tonnen schweren Fenster, die pro Stück etwa zwanzigtausend Euro kosten, mehr als ein Viertel dieser Summe ausmachen. Die restlichen Kosten sollten durch die „private Mantelbebauung“ – Wohnungen, Restaurants, Hotel – und Spenden abgedeckt werden, die auch reichlich eintrafen. Im November 2006 gab der damalige Bürgermeister Ole von Beust (CDU) das Ergebnis des Bieterwettbewerbs bekannt, den Zuschlag erhielt das Konsortium Adamanta, hinter dem sich die Baufirma Hochtief und die Commerzbank verbargen.

Wozu braucht man eine Elbphilharmonie? Das wurde immer wieder gefragt, die Lager teilten sich in eine Fraktion, die darauf drang, lieber die bestehenden Kulturinstitutionen zu fördern, und im gebauten Eisberg nur das Symptom einer immer mehr auf Tourismuskompatibilität, Luxus- und Eventarchitektur orientierten Stadtpolitik sahen – und eine Fraktion, die genau diesen Bedenkenträgern Kleinkrämerei vorwarf: Mit dieser Mentalität hätte man auch den Eiffelturm nicht gebaut. Und wenn Hamburg kein „Fünf-Sterne-Orchester“ habe, um das gemeinsame Programmangebot von Elbphilharmonie und Laeiszhalle „von jetzt auf gleich in die Weltklasse“ zu katapultieren, wie das „Hamburger Abendblatt“ beklagt, kurz, eigentlich gar keine Musikstadt sei, die ein Fast-Milliarden-Haus brauche, dann werde das dank ebendieses Hauses schon passieren – mit durchreisenden Virtuosen, mit dem hochgelobten NDR-Symphonieorchester.

Massive Fehlkalkulationen

Die Hamburger Politik, an der ja trotz großer Erfolge, wie überhaupt am Hamburger, der Verdacht nagt, als spröde und konservativ zu gelten, war jedenfalls hingerissen von der Aussicht auf ein bildpolitisch und stadtmarketingstrategisch schlagkräftiges Wahrzeichen; man hatte den Michel, man hatte ein Stadtwappen mit einem schönen Tor, aber eben kein richtiges Wahrzeichen. Bei Vertragsabschluss 2007 wurden dann mit den von der Aussicht auf das Wahrzeichen mürbe geklopften Politikern schon 114 Millionen Euro städtischer Anteil von mittlerweile 241 Millionen Baukosten vereinbart. Seit April 2007 wird gebaut, und als sich der milde Morgennebel des Approximativen über der Wahrzeichenbaustelle im Hamburger Hafen etwas gelichtet hatte, war man plötzlich bei einer Endbausumme von 575 Millionen Euro. Netto.

Hochtief und die Architekten warfen sich gegenseitige Behinderung vor, weil der jeweils andere die Pläne verspätet oder mangelhaft weitergab, Hochtief machte Sicherheitsbedenken gegen die Tragwerksplanung geltend und stellte die Arbeit ein, wegen Bauverzögerungen forderte die Adamanta etwa vierzig Millionen Euro, die Stadt Hamburg verlangte dagegen vierzig Millionen Euro Vertragsstrafe, zwei parlamentarische Untersuchungsausschüsse wurden eingesetzt. Der erste kam zu dem Schluss, dass vor allem die verfrühte Ausschreibung und das offensichtliche Fehlen eines abgestimmten Terminplans Gründe für die Mehrkosten seien. Der zweite benennt die Erweiterung von zunächst einem auf drei geplante Konzertsäle und eine Unmenge von Dingen, die vorher nicht bedacht wurden, sich aber zu erstaunlichen Summen addieren – zum Beispiel die nachträgliche Versenkung von Klimaschächten in den Wänden oder klappbare Geländer an den Fenstern für die Fensterputzer. In besonderem Maß für die Kostenentwicklung verantwortlich gemacht werden im Bericht Leute wie Hartmut Wegener und sein Nachfolger Heribert Leutner, der Exbürgermeister Ole von Beust, die ehemalige Kultursenatorin Karin von Welck, die Architekten und das Baukonsortium um Hochtief. Wegener gab zu, sich 2007 „massiv verkalkuliert“ zu haben, Pierre de Meuron gab sich fassungslos. Die Hektik, mit der man vorging, führte zu absurden Bauschäden: Von den eingebauten 78 Federpaketen seien mindestens dreißig mangelhaft, klagte der Architekt schon vor längerer Zeit, 26 von ihnen seien zu hoch aufgedoppelt, drei schief montiert, einer verdreht, es gebe Hohlräume in der Betonschale, die die Klangisolierung gefährden, und so weiter.

Die Korruptionsabteilung ermittelt

All das sind Dinge, die plan- oder vermeidbar wären – wenn man den Planern genug Zeit lässt. Das war aber nicht der Fall. Dieses Bauprojekt, dessen Vorbereitung Jahre gebraucht hätte, sollte so schnell wie möglich, nämlich noch vor der damals anstehenden Bürgerschaftswahl, über die Bühne gebracht werden. Im Sommer 2010 trat Ole von Beust zurück, Karin von Welck ebenfalls.

Die Elbphilharmonie wurde zum Finanzdesaster, weil sie zu schnell geplant, weil zu viel geändert, zu wenig koordiniert wurde, weil man anfing, ohne genau zu wissen, was man will – und wer das bezahlt. Aber man wollte 2010 fertig sein, und der Rhythmus der Legislaturperiode hinterließ üble Dellen im Fundament des Bauprojekts: Die Ausschreibung erfolgte 2006, obwohl die Planung noch nicht abgeschlossen und die „städtische Realisierungsgesellschaft mit der Prüfung zahlreicher Nachträge überfordert“ gewesen sei, heißt es im Bericht.

Besuch bei Oberstaatsanwältin Nana Frombach am Gorch-Fock-Wall. Dort laufen, seit im April des vergangenen Jahres der Bericht des zweiten parlamentarischen Untersuchungsausschusses vorliegt, Vorermittlungen gegen alle am Bau Beteiligten. Es sei, so die Sprecherin der Behörde, die Korruptionsabteilung des Hauses mit dem Fall betraut, man unternehme „Vorermittlungen in alle Richtungen“, auch in Richtung der ehemaligen Kultursenatorin und des Exbürgermeisters. In wenigen Wochen rechne man mit Ergebnissen. Dann wisse man, wie die monierten politischen und planerischen Lässlichkeiten, Unterlassungen, Verzögerungen und Fehleinschätzungen strafrechtlich zu bewerten seien. Eine politisch oder fachlich fragwürdige Verhaltensweise muss nicht notwendig auch strafrechtlich relevant sein, wenn es etwa keine Rechtspflicht zum Tun gibt; möglich also, dass alle noch einmal davonkommen.

Wer letztlich zahlt, ist nicht geklärt

Neulich verkündete der seit 2011 regierende Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) tapfer in den Hamburger Wahlkampfrummel hinein, man werde 2017 ganz bestimmt fertig, aber er klingt inzwischen ein bisschen wie der verbitterte Mann, der seit zwei Stunden mit dem Blumenstrauß unter der Laterne wartet und sich selbst Mut zuspricht, sie kommt bestimmt, 2017 kommt sie... Und wer zahlt, wenn sie kommt, ist dabei auch noch nicht so genau geklärt; ein präzises Konzept für die Betriebskosten des gigantischen Konzerthauses liegt noch gar nicht vor. Zum Trost zeigt man auf die anderen zwei Katastrophenbaustellen des Landes, die Deutschlands internationale Bewertung als Hightechbau-Nation in erstaunlich kurzer Zeit auf das Niveau von Schrottbauern haben abstürzen lassen: nach Berlin auf den Flughafen Berlin-Brandenburg-International-Willy-Brandt und nach Stuttgart, wo der Kellerbahnhof Stuttgart 21 Tausende wütender Schwaben auf die einst nur von fleißigen, jedem Aufruhr abgeneigten DaimlerBenz-Fahrern und -Arbeitern bevölkerten Straßen getrieben hat. Immerhin musste in Hamburg, tröstet man sich hier, der neue Bürgermeister noch nicht gehen, immerhin werden die Straßen zur Elbphilharmonie nie von Protestierern blockiert – wobei es auch niemand bemerken würde, wenn ein paar Leute die Zufahrt zur Kaispitze blockierten.

Dort, am höchsten Punkt des Baus, gibt es neben drei Konzertsälen mit mehr als 2500 Sitzplätzen ein Hotel mit 244 Zimmern, Restaurants und 45 Eigentumswohnungen von 120 bis 380 Quadratmetern, die von der Immobilienagentur Quantum vertrieben werden. Wenn man bei Quantum anruft, bekommt man zuerst einmal den Song „Skyfall“ aus dem letzten Bondfilm zu hören; dann erklärt einem eine nette Person, man könne gern einmal vorbeikommen am Dornbusch, dort sitzt die Firma mit Blick auf den Platz, wo einst die Hammaburg stand, die der Stadt den Namen gab, bevor die Wikinger sie im Jahr 845 so nachhaltig verwüsteten, dass das verschreckte Bistum vorsichtshalber nach Bremen umzog.

Weißes Hamburg, rotes Hamburg

Frage an die Quantum-Mitarbeiter: Was kostet so ein Apartment? Vornehmes hanseatisches Schweigen. Ob die in der Lokalpresse genannte Zahl von 35000 Euro pro Quadratmeter für ganz oben vollkommen aus der Luft gegriffen sei? Nein, nicht vollkommen aus der Luft gegriffen, und, nein, teurere Apartments seien ihnen in Deutschland nicht bekannt, ein so einmaliger Blick aber auch nicht. Und wer kauft das? Kunden mit emotionalem Hamburg-Bezug, hauptsächlich deutscher Mittelstand, die Antwort. Dem Mittelstand scheint es nicht so schlecht zu gehen.

Ein rotes Backsteinhaus mit einem weißen Haus darauf: Das kann man, gerade als Hamburger, als symbolisches Objekt lesen. Jeder, der in Hamburg aufgewachsen ist, weiß, dass es nicht ein Hamburg gibt, sondern mindestens zwei – das weiße und das rote Hamburg: das Hamburg der hellen Villen an der Alster und an der Elbchaussee einerseits, das großbürgerliche Hamburg, in dem die dominanten Farben alternativlos Dunkelblau (Alster, Duffelcoat, Mercedes), Dunkelgrün (Platanen, Rhododendron, Barbourjacke, Jaguar) und eben vor allem Weiß (Villa, Tischdecken in der Patriotischen Gesellschaft an der Trostbrücke, Blusen, Perlenketten, Segelboot, Hosen, die darauf getragen werden) sind. Und andererseits das andere, das populäre rote Arbeiter-Hamburg der Wohnkasernen von Horn und Barmbek und Steilshoop, wo bei der letzten Bürgerschaftswahl fast sechzig Prozent SPD und nur fünfzehn Prozent CDU wählten; das Hamburg des öligen, dunklen, lauten Hafens mit seinen roten Kränen und den knallroten Schiffen der Hamburg Süd und den rostroten Anlegern für die Überseeschiffe, die spät einliefen, wo der Großvater auf die Kapitäne und die Matrosen wartete, um ihnen die Heuer auszuzahlen; das Hamburg der roten Backsteinspeicher im Hafen, zu denen auch der Kaispeicher A gehört, den der Architekt Werner Kallmorgen Anfang der sechziger Jahre als modernen Ersatz für den im Krieg zerstörten Kaiserspeicher von 1875 entwarf und in dem es so lange nach Kakao, Tabak und Tee roch, bis der Schüttguthandel in andere Teile des Hafens verlagert wurde.

Die Hafencity, ein Ausweichghetto für Wohlhabende

Man darf die Zuordnung zum roten und zum weißen Hamburg nicht farbdogmatisch sehen, es gibt edle rote Backsteinvillen im weißen Hamburg, es gibt weiße Sozialbautürme im roten Steilshoop. Dennoch ist die Überkronung des roten Speichers mit einem weißen Tempel für klassische Musik, Hotels und Luxuswohnungen symptomatisch für den Wandel der Stadt: Dort, wo einst die Turbulenz des Hafens herrschte, wo sich in der Nähe verschiedenste soziale Klassen auf engstem Raum und schmalsten Grundstücken drängten, wie man noch heute an den jahrhundertealten Häusern des Nicolaifleets sehen kann, wo die unterschiedlichsten Dinge in einer synkretistischen Idealwelt zusammenkamen, der Geruch von Tee, Tabak, Kaffee, Teppichen und Öl – dort wurde nun die Hafencity gebaut, das Erweiterungsviertel der Innenstadt, das in Teilen recht gelungen ist für ein Neubaugebiet und in anderen Teilen am besten gleich wieder abgerissen wird, weil es, vor allem auf dem Überseeboulevard, aussieht, als hätten ein paar depressive Fassadenbauer irgendwo hinter Oberursel eine Fußgängerzone renoviert. Die umfassende Trostlosigkeit dieses Teils der Hafencity verdankt sich auch dem Umstand, dass die Stadt hier mit Bürobauten Geld machen wollte, statt den dringend benötigten Wohnraum zu schaffen – mit der Konsequenz, dass die Büros lange nur mühselig oder gar nicht zu vermieten waren und das sogenannte öffentliche Leben auf den sehr vielen zugigen Freiflächen doch etwas übersichtlich ausfällt, eben weil zu wenig Menschen dort wohnen.

Diese Kritik, dass man mit der Hafencity ein Ausweichgetto fürs weiße, wohlhabende Hamburg gebaut habe, in dem ein paar Genossenschaftsbauten, Schulen und Spielplätze die stadtpolitische Zielvorgabe „gemischte europäische Stadt“ eher gerade so erfüllten, trifft natürlich auch die Elbphilharmonie, die als Wahrzeichen und eben schon farblich auch wie ein Sieg des weißen über das rote Hamburg an der Spitze der Hafencity steht.

Für ein lebendiges Viertel ist es noch nicht zu spät

Dabei macht sie formal vieles richtiger als die Bauten hinter ihr: Auf der Höhe des ehemaligen Speicherdachs gibt es einen öffentlichen Platz, der, zumindest tagsüber, für alle zu erreichen ist, eine rund 82 Meter lange, konkav gebogene Rolltreppe und eine kürzere führen auf die Plaza in 37 Meter Höhe. Und die Wohnungen haben tatsächlich einen phantastischen Blick; man wünschte sich, dass dieses Konzept in den erschwinglicheren Bauten dahinter ein Echo gefunden hätte, dass man sich also ein Beispiel an der alten Fleetbebauung genommen und neben oder über den dicken Apartmentwürfeln viel mehr hohe, schmale Wohntürme auch für Geringverdiener gebaut hätte. Damit wäre die Einwohnerzahl massiv gestiegen, was die Straßen lebendiger gemacht und weitere Läden, Cafés, Schulen und andere Stadtbelebungsinstitutionen mit sich gebracht hätte. Die Elbphilharmonie wäre in einem solchen Gebiet die exklusive Spitze einer inklusiven neuen Stadt geworden. Noch ist es dafür nicht zu spät, es gibt noch genügend bebaubare Areale.

Welche Idee von Gesellschaft die Vermarkter des neuen Stadtviertels lange hatten, illustrierte nichts besser als die Website der Hafencity, auf der die neue Katharinenschule, von deren Dachgarten man auf die Elbphilharmonie schaut, nicht als Ort humanistischer Bildung angepriesen wurde, sondern als Kaderschmiede künftiger Wirtschaftsführer. „Die Schulkinder“, hieß es da, „genießen ihre Pause auf dem wohl höchsten Pausenhof der Stadt mit spektakulärem Panorama und lernen so eine wichtige unternehmerische Tugend: den Weitblick.“ Dieser Satz ist mittlerweile von der Website verschwunden.

Glosse

Der Zyniker braucht ein Gegenüber

Von Simon Strauß

Der Dramatiker Heiner Müller ist vor zwanzig Jahren gestorben. Seine Sätze über die angebliche Dummheit von Politikern aber klingen bis heute nach. Haben sie uns etwas zu sagen? Mehr 1 2

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