Home
http://www.faz.net/-gqz-6ubef
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Militärhistorisches Museum Dresden Ein Minenschaf zieht in den Krieg

13.10.2011 ·  Lichtblitze aus dem Hinterhalt: Das neu gestaltete Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden sucht seinen Platz zwischen Avantgarde, Prunk und dem Ethos des militärischen Widerstands.

Von Andreas Kilb
Artikel Bilder (5) Video (1) Lesermeinungen (0)
© dpa Symbolarchitektur: Der Stahlkeil von Daniel Libeskind verwundet die neobarocke Fassade des Militärhistorischen Museums in Dresden

Die Anfahrt zum Militärhistorischen Museum der Bundeswehr ist eine deutsche Geschichtslektion. Durch die Dresdner Neustadt bergauf in nördlicher Richtung fahrend, biegt man in die Stauffenbergallee ein, von rechts kreuzt die Hans-Oster-Straße. Das Museum selbst, ein dreiflügeliger Arsenalbau aus cremefarbenem Sandstein, dessen neobarocke Fassade durch den Stahlkeil des Architekten Daniel Libeskind gespalten wird wie die Brust eines Sterbenden durch einen Granatsplitter, liegt am Olbrichtplatz.

Zierliche Torhäuschen und weit ausschwingende Treppenstufen weisen den Weg zum säulenstrotzenden Prunkportal. Der Lern- und Gedächtnisort, zu dem das Museum werden will, zwingt ästhetische Avantgarde, imperiales Design und das Ethos des militärischen Widerstands in ein zum Zerreißen gespanntes Bild. Die Kräfte, die das zwanzigste Jahrhundert gesprengt haben, sollen in Dresden zu einem Ganzen zusammenwachsen, zu einem Panorama aus Brüchen.

Eine Dauerausstellung, die nie fertig wird

Dabei steckt die Wunde, die der Libeskind-Keil dem Gebäude schlägt, auch als symbolischer Haken in der Ausstellungskonzeption. Anders als seine königlich-sächsischen, reichsdeutschen und staatssozialistischen Vorgängerbauten kann das neue Bundeswehrmuseum keine Sinnstiftungsfassade mehr vor den Objekten aufziehen, die es zeigt. Seine Wurzeln liegen in der Katastrophe des Nationalsozialismus, sein Fluchtpunkt ist die fortdauernde Gegenwart des Krieges.

  1/5  
© dpa

Die Militärgeschichtemuseen in London und Paris lassen ihre Schlachtbeschreibungen mit den heroisch bestandenen Prüfungen des Ersten und Zweiten Weltkriegs ausklingen. Diesen Schlussakkord kann sich das Dresdner Haus nicht leisten. Seine historische Erzählung gründet auf Dissonanzen, deshalb muss sie immer weitergehen. Die Dauerausstellung, die heute nach langer Umbauzeit eröffnet wird, ist nie fertig. Das Bundeswehrmuseum versucht erst gar nicht, diesen Widerspruch zu verbergen. Stattdessen gibt es ihm eine Form.

Architektur mit Schockwirkung

Hinter dem Prunkportal beginnt der Rundgang mit einer Reliquie. In einer Vitrine ruht die Erstausgabe der vielzitierten und wenig verstandenen Studie „Vom Kriege“ des preußischen Generals Clausewitz. Den „totalen Krieg“, den Clausewitz als gedankliches Konstrukt beschwor, übersetzt der schottische Videokünstler Charles Sandison an der Eingangswand zum Libeskind-Neubau in ein Wimmelbild aus „Love“ und „Hate“-Schriftzeichen, die einander in ziellosem Taumel verschlingen. Sandisons Installation, die als Glanzlicht der Ausstellung angekündigt wurde, ist in ihrer harmlosen Putzigkeit ihre erste Enttäuschung - zum Glück fast ihre einzige.

Von hier aus soll der Besucher, so wollen es die Museumsmacher, per Fahrstuhl in den vierten Stock fahren und die Besichtigung mit dem Blick von der Aussichts-Gangway auf die Dresdner Altstadt beginnen. Ihre wahre Schockwirkung aber entwickeln die geometrischen Labyrinthe des Libeskind-Keils erst, wenn man sie von unten nach oben durchläuft. Eingeklemmt zwischen schrägen Betonwänden und gezackten Vitrinen, erlebt man die stürzenden Perspektiven der Ausstellungssäle und die turmhohen Abgründe der „vertikalen Vitrinen“ an den Keilrändern als architektonischen Hinterhalt. Der Bau selbst ist die Gewaltgeschichte, von der er erzählt.

Das Grauen gehört dazu

Die militärischen Großobjekte, die hier gezeigt werden - das Ur-U-Boot „Brandtaucher“ von 1850, eine V2-Rakete, ein Flakscheinwerfer, eine „Dora“-Riesengranate und diverse Kleinbunker aus dem Zweiten Weltkrieg - wirken deshalb nicht wie Fremdkörper, sondern wie das gewöhnliche Bestiarium dieser Paniklandschaft. Das Obergeschoss nimmt die Bestiariumsmetapher beim Wort. Aus dem denkmalgeschützten historischen Treppenhaus tretend, steht man vor einem Zug von Tieren, die keiner Arche Noah zustreben, sondern ihrer Verwendung in der Schlacht: der Elefant, das Pferd, das Maultier, das Minenschaf, dem schon ein Bein fehlt, der Hund mit umgeschnallter Sprengladung, der Delphin als Selbstmordattentäter.

Um die Frage, ob ein Clip aus einem Wehrmachtsfilm, in dem eine Katze qualvoll an Giftgas zugrunde geht, in der Ausstellung gezeigt werden dürfe, gab es vor der Eröffnung Diskussionen. Aber ein Militärgeschichtsmuseum, das sich um den Anblick des Unerträglichen herumdrückt, verfehlt seinen eigenen Begriff. Das Grauen gehört zur Wahrheit des Krieges, so wie der Aufmarsch von Zinnsoldaten, Plastikkanonen, Laserschwertern und Karussellgondeln mit Panzertürmen und Raketenrampen ein Stockwerk höher zu seiner Verklärung gehört, den Schieß- und Fechtspielen, die der Bestie Mensch nicht abzugewöhnen sind.

Aus der Platznot wird eine Tugend

Der anthropologische Ansatz von Kurator Gorch Pieken und Museumsdirektor Matthias Rogg geht in dieser Mittelsektion des elfteiligen Themenparcours am besten auf. Die Sprache (“ein Auge riskieren“), die Mode, die Musik, das Kinderzimmer - sie alle sind mit Krieg und Kampf getränkt, und in den Schauder, mit dem man den Aufklärungshubschrauber „Alouette“ in einer der vertikalen Vitrinen von der Decke hängen sieht, mischt sich die Faszination des Fluggeräts.

In den beiden obersten Stockwerken des Neubaus stößt das Konzept an die Grenzen der Architektur. Libeskinds Keil verengt und erhöht sich zur Spitze hin, was dem „Dresden-Blick“ durch die stählernen Lamellen des Vorbaus zugutekommt, aber den Ausstellungsraum halbiert. Das dritte Obergeschoss macht aus seiner Platznot eine Tugend, indem es sich mit drei großen, vom Publikum steuerbaren Rollregalen als offenes Archiv aus Bild-, Schrift- und Videodokumenten inszeniert. Für die Darstellung des Bombenkriegs in der Keilspitze bleibt dagegen nur eine größere Nische. Die Bodenplatten aus Dresden und dem polnischen Wielun und die zerbrochene Türfigur des Rotterdamer Waisenhauses sind allzu stille Zeugnisse der Vernichtung, an jedem Postkastenstand unten in der Stadt kann man beredtere Bilder kaufen. So endet das hohe Projekt auf einem gebrochenen Ton.

Ein Jeep mit Blessuren

Aber der Neubau ist nur das halbe Museum. Rings um den Betonkeil, im Parterre und im ersten Obergeschoss des Altbaus, erhebt sich der Vitrinenwald der von Gorch Pieken und seinen Mitarbeitern klug ergänzten Sammlungsbestände der Bundeswehr. Die meisten der gut zehntausend Exponate der neuen Dauerausstellung haben hier ihren Platz. Hier steht die „Faule Magd“, das Steinkugeln verfeuernde Riesengeschütz aus dem fünfzehnten Jahrhundert, die Schiffsglocke des kaiserlichen Kreuzers „Dresden“ und der 2004 beim deutschen Isaf-Einsatz in Afghanistan durch eine Sprengmine beschädigte Militärjeep „Wolf“.

Und hier findet auch die vielbeschworene Kontextualisierung der Exponate statt, indem etwa zwei Luftaufnahmen des IG-Farben-Werks Monowitz über einem „Tiger“-Panzermodell und einer Zapfsäule der IG Leuna hängen. Der Sprit, von dem der „Tiger“ bis zu tausend Liter auf hundert Kilometer fraß, wurde in den Leuna-Hydrierwerken hergestellt, der synthetische Kautschuk für seine Motorlager in Monowitz, wo Häftlinge aus Auschwitz durch Arbeit vernichtet wurden.

Mauerminiatur und Grabenmodell

Nach den museumsdidaktischen Spektakeln des Libeskind-Keils ist die Versuchung groß, die klotzigen dunklen Schaukästen als Pflichtprogramm abzutun. Wer aber mit offenen Augen durch die militärische Chronologie streift, kann hier die aufregendsten Entdeckungen machen. Das märklinhafte Modell eines Berliner Mauerstücks mit Türmen und Todesstreifen, das sich Erich Honecker für sein Dienstzimmer anfertigen ließ, findet ein unverhofftes Gegenstück in der maßstabsgetreuen Miniatur einer Grabenstellung aus dem Ersten Weltkrieg. Und auf die unorthodoxen Hieb- und Stichwaffen aus dem Bauernkrieg antwortet mehr als vier Jahrhunderte später das Knödel-Katapult des Münchner Werbeberaters Helmut Winter, der 1967 durch seinen Privatfeldzug gegen die Tiefflieger der Bundeswehr berühmt wurde. Auch das ist Militärgeschichte, mindestens in Zeiten der Demokratie.

Die Vitrine, die den Männern und Frauen des Widerstands gegen Hitler gewidmet ist, entdeckt man in Dresden nicht auf den ersten Blick. Sie erzählt vom langen Kampf um die Erinnerung an den 20. Juli, diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs. Zu den Exponaten, die man hier nicht erwartet, zählen zwei blutbespritzte Notizzettel. Es ist der Abschiedsgruß des Obersten von Freytag-Loringhofen, der sich sechs Tage nach dem gescheiterten Attentat erschoss, an seine Frau. Im letzten der hastig mit Bleistift hingeworfenen Sätze, buchstäblich im Angesicht des Todes, dankt der Oberst seiner Familie „für alles für ihre Liebe“. Damit ist die Ausgangsfrage der Ausstellung geklärt: Der Hass behält nicht das letzte Wort.

Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Dresden. Öffnungszeiten: Montag von 10 bis 21 Uhr, Dienstag und Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Der Katalog ist im Sandstein Verlag erschienen und kostet 15 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr