30.08.2010 · Sprachenzuwachs im Kühlregal: Weil eine österreichische Molkerei Milchtüten türkisch beschriftet, regt sich Unmut bei den Verbrauchern. Man könnte daraus zum Beispiel lernen, dass in der Türkei Milch dicker als Blut ist.
Von Karen KrügerBei der Milch hört in Österreich der Spaß auf. Banken und Autohersteller werben dort zwar schon seit längerem mit türkischsprachigen Werbeslogans um die Sympathien neuer Käufergruppen, und auf Ämtern und in Krankenhäusern weisen mehrsprachige Schilder Migranten den Weg. Dass es nun jedoch auch noch Vollmilchpackungen in österreichischen Kühlregalen gibt, deren Beschriftung den Inhalt nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Türkisch wiedergibt, und das, obwohl die Milch ausschließlich von glücklichen österreichischen Kühen stammt, hat das Fass zum Überlaufen gebracht.
Seit drei Wochen beliefert die Niederösterreichische Molkerei etwa dreihundert türkische Supermärkte mit Milchtüten, auf deren Vorderseite das türkische Wort für Milch, „süt“, zu lesen ist, wobei die Inhaltstoffe und Vorzüge der Gesundheits-Bombe an anderer Seite ebenfalls auf Türkisch ausgewiesen sind. Dreht man die Tüte aber um, kann man den Text auch auf Deutsch lesen und die deutschsprachige Rückseite als Vorderseite der Tüte interpretieren. Das Land scheint dennoch darüber zu zerfallen, ein Milchgraben zieht sich durch Österreich: Das E-Mail-Postfach der Firmenzentrale quillt über, das Kundentelefon steht nicht mehr still, im Internet wird zum Boykott von Milch, Joghurt und Käse aufgerufen.
Ein wirtschaftlich kluger Schachzug?
Das Produkt der Molkerei leiste der Bildung von Parallelgesellschaften Vorschub, lautet der Tenor des Protests. Die Unterstützer der Kampagne freuen sich über den Sprachenzuwachs im Kühlregal und schwören, deshalb jetzt erst recht die Milch des Unternehmens zu trinken. Der österreichische Landwirtschaftsminister Berlakovich lobt die Verpackung als wirtschaftlich klugen Schachzug. Interessant ist, dass die Molkerei bei der Gestaltung seiner Milchtüte an einer Stelle auf die Übersetzung ins Türkische verzichtet hat: Beim Siegel mit der Aufschrift „Gentechnikfrei“.
Haben Marktumfragen ergeben, dass Türken sich um Gentechnik keine Gedanken machen? Vielleicht. Während bei uns die Angst vor gentechnisch veränderten Lebensmittel um sich greift und derzeit ganze Religionsgemeinschaften unter den genetischen Generalverdacht gestellt werden, sind andere Gesellschaften auf einem ganz anderen Stand der Diskussion. In der Türkei jedenfalls ist Milch noch immer dicker als Blut: Nicht die genetische Abstammung eines Menschen ist entscheidend, sondern wie und mit welcher Geistesnahrung er aufgewachsen ist. „Blutsbrüder“ heißt deshalb im Türkischen auch „süt kardesler“ – „Milchbrüder“.