http://www.faz.net/-gqz-7701x
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 17.02.2013, 16:40 Uhr

Mike Leigh zum Siebzigsten Zweierlei Leinwand für Kunst und Film

Nach „Topsy-Turvy“ und „Vera Drake“ plant der Regisseur Mike Leigh gerade den dritten und ehrgeizigsten historischen Film seiner Karriere. Heute wird er siebzig Jahre alt.

von
© AFP Mike Leigh

Ein Restaurantgründer ohne Gäste (“Life is Sweet“); ein Hochzeitsfotograf, der seine Bilder sorgfältig arrangiert, aber keine Illusionen verkaufen will (ein Doppelgänger des Regisseurs; „Secrets and Lies“); ein hochempfindlicher Schauspieler (“Topsy-Turvy“); ein antriebsloser Taxifahrer (“All or Nothing“): vier der Rollen, die Timothy Spall in den Filmen von Mike Leigh gespielt hat. In Leighs nächstem Film wird Spall den Landschaftsmaler J. M. W. Turner verkörpern.

Patrick Bahners Folgen:

Der Kollege John Constable, der einmal bei einem Bankett neben Turner saß, beschrieb ihn als „ungehobelt, aber von wunderbarer Weite des Geistes“. Er soll korpulent gewesen sein, war schäbig gekleidet, weckte einerseits den Eindruck ständiger Unruhe und sprach andererseits stockend, mit Cockney-Akzent: wie geschaffen für Mike Leigh, dessen Figuren nichts aus sich machen und sich mit ihren Ticks arrangiert haben wie mit einem in die Jahre gekommenen Ehepartner. Von seiner bewährten Arbeitsmethode wird Leigh nicht abgehen beim dritten, ehrgeizigsten historischen Sujet seiner Karriere - nach der Uraufführung des „Mikado“ von W. S. Gilbert und Arthur Sullivan in „Topsy-Turvy“ und der selbstlosen Engelmacherin in „Vera Drake“. Er wird sich mit seinem Hauptdarsteller zusammensetzen, um sich Geschichten über seine Hauptfigur auszudenken, die später im fertigen Film gar nicht mehr vorkommen. Über Turners Jugend als Sohn eines Friseurs ist wenig bekannt. Außer dem Selbstbildnis von 1798 gibt es kein verlässliches Porträt.

Vier Stunden an den Mast eines Dampfschiffs gefesselt

“Alle Kunst“, sagte Leigh 2009, „ist gegründet auf Improvisation und Ordnung.“ Der vierundzwanzigjährige Turner sagte einem Malerfreund, er gehe nicht systematisch vor, um sich keine Manier anzueignen; er schiebe die Farben hin und her, bis er den Ausdruck der Idee gefunden habe. Viel später stellte Turner in Allegorien aus puren Lichteffekten die Entstehung des Kosmos aus dem Chaos dar. Ein Mike-Leigh-Film über Turner dürfte über mehr oder weniger weite Strecken eine häusliche Komödie werden. Turner lebte mit seinem Vater zusammen, der sein Assistent im Atelier war, die Gartenarbeit machte und für ihn kochte. Eine Rolle für Jim Broadbent? Nach dem Tod des Vaters ging er ein Verhältnis mit seiner Vermieterin Mrs. Booth (Lesley Manville?) ein; den Nachbarn in Chelsea war er als Admiral Booth bekannt.

Mehr zum Thema

Leigh will sich die berühmteste, wohl legendäre Szene aus Turners Leben nicht entgehen lassen: wie der Maler sich vier Stunden lang an den Mast eines Dampfschiffs fesseln ließ, um einen Seesturm zu studieren. Erwarten darf man auch die verbürgte Szene, dass er malender Zeuge war, als am 16. Oktober 1834 das Parlamentsgebäude niederbrannte. Turner muss den in Salford nahe Manchester geborenen Leigh als visionärer Deuter der Lage des industriellen England interessieren. Ob auch Turners biblische Themen wichtig sein werden? Leigh hat sich 2005 in einem Bühnenstück mit seiner jüdischen Familie und der Möglichkeit des Glaubens in einer Welt des Unglaubens auseinandergesetzt. Turner war ein Liebhaber des Theaters und schrieb einen Gedichtzyklus mit dem Titel „Die Täuschungen der Hoffnung“. Mike Leigh, der mit seinem nächsten Film „auf einer größeren Leinwand malen“ will, wird am Mittwoch siebzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Musée Jaquemart-André Drei Farben Blau

Das Musée Jacquemart-André in Paris zeigt hochkarätige Pleinairmalerei von Corot, Courbet, Monet – aber auch von unbekannteren Künstlern. Mehr Von Helmut Mayer, Paris

24.04.2016, 08:33 Uhr | Feuilleton
Malender Roboter Künstlerische Intelligenz

Sie schaffen Gemälde ohne zu fühlen oder zu denken. Malende Roboter werden immer öfter für Kunst-Experimente und Forschungszwecke genutzt. Aber ist das Kunst aus der Maschine oder wird der Roboter wirklich zum Künstler? Mehr

14.04.2016, 12:32 Uhr | Technik-Motor
Popstar Prince Der Meister des musikalischen Alleingangs ist tot

Vor wenigen Tagen musste sich Prince wegen einer Grippe im Krankenhaus behandeln lassen. Jetzt wurde der Musiker tot in seinem Haus gefunden. Seine künstlerische Bedeutung für den modernen Pop, Funk und R&B lässt sich kaum ermessen. Mehr

21.04.2016, 20:57 Uhr | Feuilleton
Trailer Dogville

Trailer zum Film Dogville von Lars von Trier Mehr

29.04.2016, 17:34 Uhr | Feuilleton
Schau Wolfsburg Unlimited Vom Auerochsen zum organisierten Verbrechen

Was bedeutet es, wenn eine Stadt, die kein Vorbild hat, gleichzeitig exemplarisch ist? Die Ausstellung Wolfsburg Unlimited versucht, Perspektiven aufzuzeigen. Mehr Von Verena Lueken

28.04.2016, 22:28 Uhr | Feuilleton
Glosse

Wenn das ins Auge geht

Von Dietmar Dath

Alphabet (Google) hat ein Patent für eine radiofrequenzenergiekompatible Flüssigkeit angemeldet. Man träufelt sie ins Auge und kann das eigene Sehen anschließend fremdsteuern lassen. Mehr 2 6

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“