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Mike Leigh zum Siebzigsten Zweierlei Leinwand für Kunst und Film

 ·  Nach „Topsy-Turvy“ und „Vera Drake“ plant der Regisseur Mike Leigh gerade den dritten und ehrgeizigsten historischen Film seiner Karriere. Heute wird er siebzig Jahre alt.

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© AFP Vergrößern Mike Leigh

Ein Restaurantgründer ohne Gäste (“Life is Sweet“); ein Hochzeitsfotograf, der seine Bilder sorgfältig arrangiert, aber keine Illusionen verkaufen will (ein Doppelgänger des Regisseurs; „Secrets and Lies“); ein hochempfindlicher Schauspieler (“Topsy-Turvy“); ein antriebsloser Taxifahrer (“All or Nothing“): vier der Rollen, die Timothy Spall in den Filmen von Mike Leigh gespielt hat. In Leighs nächstem Film wird Spall den Landschaftsmaler J. M. W. Turner verkörpern.

Der Kollege John Constable, der einmal bei einem Bankett neben Turner saß, beschrieb ihn als „ungehobelt, aber von wunderbarer Weite des Geistes“. Er soll korpulent gewesen sein, war schäbig gekleidet, weckte einerseits den Eindruck ständiger Unruhe und sprach andererseits stockend, mit Cockney-Akzent: wie geschaffen für Mike Leigh, dessen Figuren nichts aus sich machen und sich mit ihren Ticks arrangiert haben wie mit einem in die Jahre gekommenen Ehepartner. Von seiner bewährten Arbeitsmethode wird Leigh nicht abgehen beim dritten, ehrgeizigsten historischen Sujet seiner Karriere - nach der Uraufführung des „Mikado“ von W. S. Gilbert und Arthur Sullivan in „Topsy-Turvy“ und der selbstlosen Engelmacherin in „Vera Drake“. Er wird sich mit seinem Hauptdarsteller zusammensetzen, um sich Geschichten über seine Hauptfigur auszudenken, die später im fertigen Film gar nicht mehr vorkommen. Über Turners Jugend als Sohn eines Friseurs ist wenig bekannt. Außer dem Selbstbildnis von 1798 gibt es kein verlässliches Porträt.

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© Concorde/Cinetext Vergrößern Imelda Staunton als selbstlose Engelmacherin in Leighs Film „Vera Drake“ aus dem Jahr 2004

Vier Stunden an den Mast eines Dampfschiffs gefesselt

“Alle Kunst“, sagte Leigh 2009, „ist gegründet auf Improvisation und Ordnung.“ Der vierundzwanzigjährige Turner sagte einem Malerfreund, er gehe nicht systematisch vor, um sich keine Manier anzueignen; er schiebe die Farben hin und her, bis er den Ausdruck der Idee gefunden habe. Viel später stellte Turner in Allegorien aus puren Lichteffekten die Entstehung des Kosmos aus dem Chaos dar. Ein Mike-Leigh-Film über Turner dürfte über mehr oder weniger weite Strecken eine häusliche Komödie werden. Turner lebte mit seinem Vater zusammen, der sein Assistent im Atelier war, die Gartenarbeit machte und für ihn kochte. Eine Rolle für Jim Broadbent? Nach dem Tod des Vaters ging er ein Verhältnis mit seiner Vermieterin Mrs. Booth (Lesley Manville?) ein; den Nachbarn in Chelsea war er als Admiral Booth bekannt.

Leigh will sich die berühmteste, wohl legendäre Szene aus Turners Leben nicht entgehen lassen: wie der Maler sich vier Stunden lang an den Mast eines Dampfschiffs fesseln ließ, um einen Seesturm zu studieren. Erwarten darf man auch die verbürgte Szene, dass er malender Zeuge war, als am 16. Oktober 1834 das Parlamentsgebäude niederbrannte. Turner muss den in Salford nahe Manchester geborenen Leigh als visionärer Deuter der Lage des industriellen England interessieren. Ob auch Turners biblische Themen wichtig sein werden? Leigh hat sich 2005 in einem Bühnenstück mit seiner jüdischen Familie und der Möglichkeit des Glaubens in einer Welt des Unglaubens auseinandergesetzt. Turner war ein Liebhaber des Theaters und schrieb einen Gedichtzyklus mit dem Titel „Die Täuschungen der Hoffnung“. Mike Leigh, der mit seinem nächsten Film „auf einer größeren Leinwand malen“ will, wird am Mittwoch siebzig Jahre alt.

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