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Veröffentlicht: 19.02.2016, 17:19 Uhr

Migration und Politik Die Stunde der Konservativen

Was bedeutet es, in Zeiten der Flüchtlingkrise konservativ zu sein? Völkischer Nationalismus oder Alarmismus sind es eher nicht. Stattdessen sollte man Verlusterfahrungen ernst nehmen – bei Deutschen und Migranten gleichermaßen.

von Armin Nassehi
© dpa Pegida-Anhänger in Dresden vor dem historischen Fürstenzug: Sie sind eher überfordert als konservativ. Aber als Konservativer sollte man ihre Schwäche anerkennen.

Die Flüchtlingskrise wird überschätzt. Vieles wird von der quantitativen Weiterentwicklung abhängen, aber letztlich ist die Flüchtlingsfrage für unser Land nur ein Anlass für eine öffentliche Diskussion um Einwanderungsfragen und die Frage der bisherigen und zukünftigen Integration von Migranten in der Bundesrepublik, die sich ohnehin stellen. Und dieser Diskurs um Einwanderung leidet an einem starken Moralüberschuss.

Auf rechter Seite ist eine Remoralisierung des Eigenen zu beobachten, ein allzu bekanntes Schema, bei Krisen und Verunsicherung durch die Ethnisierung von Konflikten Ordnung zu schaffen. Auf linker und linksliberaler Seite dagegen scheint es damit getan zu sein, die richtigen Sätze – universalistische Argumente und wohlfeile Bekenntnisse – einzufordern, aber Verunsicherungen kaum ernst zu nehmen. Denn selbst wenn man nachweisen kann, dass es wenig Grund für solche Verunsicherungen gibt und dass fast alle öffentlichen Sprecher in ihren Stereotypen gefangen sind, ist das Gefühl offensichtlich wirkmächtig und abrufbar. Im Übrigen ist Verunsicherung als ein Grundgefühl in Deutschland, trotz aller ökonomischen und politischen Stabilität, älter als die gegenwärtige Flüchtlingskrise, so Renate Köcher in dieser Zeitung. Vielleicht ist dies die Stunde einer modernisierten konservativen Denkungsart.

Konservative Denkungsart geht von der Schwäche der Menschen aus

Aber was kann es heute heißen, konservativ zu sein? Vielleicht liegt die besondere Potenz einer konservativen Denkungsart darin, zunächst von der Schwäche der Menschen auszugehen und nicht von ihrer Stärke. Die Linken waren stets diejenigen, die eine neue Ordnung wollten. Linke haben stets, da sie das Neue in die Welt gebracht haben, eine deutliche Verbindung zwischen moralischem Argument und richtigem Handeln vorausgesetzt. Der „neue Mensch“ sollte derjenige sein, der dieses Bekenntnis umsetzt und sich vom Ballast der Tradition befreit. Die neue Welt wurde buchstäblich geschrieben. Die Welt sollte wie ein weißes Blatt Papier sein, vor dem der universalistische Denker einen Habitus lernt, der ihn zum Schöpfer einer neuen Welt machen kann.

Migrants at Austrian-Slovenian border © dpa Vergrößern Wer seine Heimat aufgibt, hat nichts anderes mehr als seine Werte. Denn die bieten Orientierung und Halt.

Pierre Bourdieu, dem großen linken französischen Soziologen, verdanken wir die Einsicht, dass der Intellektuelle eben auch, wie der Handwerker oder der Industriearbeiter, von seiner Tätigkeit bestimmt wird. Mit der Praxis dessen, der ein weißes Blatt beschreibt, wird der Autor dann mit Autorität ausgestattet und sieht nicht mehr jene Blätter, die bereits beschrieben sind – oder er wertet sie ab. Wenn man das Konservative modernisieren will, dann wohl mit der Aufmerksamkeit für die beschriebenen Blätter. Die derzeitige Situation schreit geradezu danach, beides anzuerkennen: einerseits, dass es autochthone Lebenslagen, weit entfernt von den mittelschichtsorientierten Universalismen, gibt, in denen man sich von Ängsten, Ressentiments und Überlastung in einer komplexen und unübersichtlichen Welt nicht so leicht befreien kann; andererseits migrantische Lebenslagen, die ja ebenfalls in ihren eigenen Praktiken gefangen sind.

Pegida-Anhänger und Migranten zeigen ähnliche Reaktionsmuster

Wir wissen aus der Migrationsforschung sehr genau, dass Migranten stets besonders konservativ sind und in der Fremde womöglich noch konservativer werden, als sie von Haus aus sind, weil dies Orientierung und Halt bietet – vielleicht eine Haltung, die sogar ein Tourist fern der Heimat an sich wahrnehmen kann, wo er seine Herkunft womöglich genauer wahrnehmen kann als zu Hause. Der niederländische Migrationsforscher Paul Scheffer etwa hat immer wieder darauf hingewiesen, dass Migrationserfahrung zunächst eine Verlusterfahrung für Migranten ist, auf die klassischerweise mit Orientierung am Eigenen reagiert wird.

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