http://www.faz.net/-gqz-8dqih

Migration und Politik : Die Stunde der Konservativen

  • -Aktualisiert am

Pegida-Anhänger in Dresden vor dem historischen Fürstenzug: Sie sind eher überfordert als konservativ. Aber als Konservativer sollte man ihre Schwäche anerkennen. Bild: dpa

Was bedeutet es, in Zeiten der Flüchtlingkrise konservativ zu sein? Völkischer Nationalismus oder Alarmismus sind es eher nicht. Stattdessen sollte man Verlusterfahrungen ernst nehmen – bei Deutschen und Migranten gleichermaßen.

          Die Flüchtlingskrise wird überschätzt. Vieles wird von der quantitativen Weiterentwicklung abhängen, aber letztlich ist die Flüchtlingsfrage für unser Land nur ein Anlass für eine öffentliche Diskussion um Einwanderungsfragen und die Frage der bisherigen und zukünftigen Integration von Migranten in der Bundesrepublik, die sich ohnehin stellen. Und dieser Diskurs um Einwanderung leidet an einem starken Moralüberschuss.

          Auf rechter Seite ist eine Remoralisierung des Eigenen zu beobachten, ein allzu bekanntes Schema, bei Krisen und Verunsicherung durch die Ethnisierung von Konflikten Ordnung zu schaffen. Auf linker und linksliberaler Seite dagegen scheint es damit getan zu sein, die richtigen Sätze – universalistische Argumente und wohlfeile Bekenntnisse – einzufordern, aber Verunsicherungen kaum ernst zu nehmen. Denn selbst wenn man nachweisen kann, dass es wenig Grund für solche Verunsicherungen gibt und dass fast alle öffentlichen Sprecher in ihren Stereotypen gefangen sind, ist das Gefühl offensichtlich wirkmächtig und abrufbar. Im Übrigen ist Verunsicherung als ein Grundgefühl in Deutschland, trotz aller ökonomischen und politischen Stabilität, älter als die gegenwärtige Flüchtlingskrise, so Renate Köcher in dieser Zeitung. Vielleicht ist dies die Stunde einer modernisierten konservativen Denkungsart.

          Konservative Denkungsart geht von der Schwäche der Menschen aus

          Aber was kann es heute heißen, konservativ zu sein? Vielleicht liegt die besondere Potenz einer konservativen Denkungsart darin, zunächst von der Schwäche der Menschen auszugehen und nicht von ihrer Stärke. Die Linken waren stets diejenigen, die eine neue Ordnung wollten. Linke haben stets, da sie das Neue in die Welt gebracht haben, eine deutliche Verbindung zwischen moralischem Argument und richtigem Handeln vorausgesetzt. Der „neue Mensch“ sollte derjenige sein, der dieses Bekenntnis umsetzt und sich vom Ballast der Tradition befreit. Die neue Welt wurde buchstäblich geschrieben. Die Welt sollte wie ein weißes Blatt Papier sein, vor dem der universalistische Denker einen Habitus lernt, der ihn zum Schöpfer einer neuen Welt machen kann.

          Wer seine Heimat aufgibt, hat nichts anderes mehr als seine Werte. Denn die bieten Orientierung und Halt.
          Wer seine Heimat aufgibt, hat nichts anderes mehr als seine Werte. Denn die bieten Orientierung und Halt. : Bild: dpa

          Pierre Bourdieu, dem großen linken französischen Soziologen, verdanken wir die Einsicht, dass der Intellektuelle eben auch, wie der Handwerker oder der Industriearbeiter, von seiner Tätigkeit bestimmt wird. Mit der Praxis dessen, der ein weißes Blatt beschreibt, wird der Autor dann mit Autorität ausgestattet und sieht nicht mehr jene Blätter, die bereits beschrieben sind – oder er wertet sie ab. Wenn man das Konservative modernisieren will, dann wohl mit der Aufmerksamkeit für die beschriebenen Blätter. Die derzeitige Situation schreit geradezu danach, beides anzuerkennen: einerseits, dass es autochthone Lebenslagen, weit entfernt von den mittelschichtsorientierten Universalismen, gibt, in denen man sich von Ängsten, Ressentiments und Überlastung in einer komplexen und unübersichtlichen Welt nicht so leicht befreien kann; andererseits migrantische Lebenslagen, die ja ebenfalls in ihren eigenen Praktiken gefangen sind.

          Pegida-Anhänger und Migranten zeigen ähnliche Reaktionsmuster

          Wir wissen aus der Migrationsforschung sehr genau, dass Migranten stets besonders konservativ sind und in der Fremde womöglich noch konservativer werden, als sie von Haus aus sind, weil dies Orientierung und Halt bietet – vielleicht eine Haltung, die sogar ein Tourist fern der Heimat an sich wahrnehmen kann, wo er seine Herkunft womöglich genauer wahrnehmen kann als zu Hause. Der niederländische Migrationsforscher Paul Scheffer etwa hat immer wieder darauf hingewiesen, dass Migrationserfahrung zunächst eine Verlusterfahrung für Migranten ist, auf die klassischerweise mit Orientierung am Eigenen reagiert wird.

          Weitere Themen

          Die Katze heißt Covfefe

          Trump-Anhänger : Die Katze heißt Covfefe

          Im Wahlkampf haben wir viele Anhänger Donald Trumps vorgestellt. Einige haben unserem Korrespondenten nun erzählt, wie er ihnen nach einem Jahr als Präsident gefällt. Sechs Gespräche über Mauer und Moral, Tweets und Theologie. Und über die Resistance.

          Nichts geht mehr Video-Seite öffnen

          Kampf gegen den „Shutdown“ : Nichts geht mehr

          Zwangsurlaub für hunderttausende Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes in den Vereinigten Staaten: Und ein Ende des „Shutdowns“ ist nicht in Sicht. Sollte es nicht bald eine Einigung im Haushaltsstreit geben, dürften die Regierungsbehörden in weiten Teilen des Landes in den kommenden Tagen komplett lahmgelegt werden.

          „Wir werden nicht aufgeben“ Video-Seite öffnen

          Puigdemont in Kopenhagen : „Wir werden nicht aufgeben“

          Neue Runde im Katalonien-Konflikt: Puigdemont soll wieder zum Ministerpräsidenten gewählt werden. Madrid wehrt sich dagegen: Da er nach Belgien ins Exil gegangen sei und bei der Abstimmung physisch nicht anwesend sein werde, könne Puigdemont nicht regieren.

          Topmeldungen

          Groko-Verhandlungen : Womit die SPD jetzt punkten will

          Auf die Sondierung folgen die Koalitionsverhandlungen. Nun rückt vor allem die SPD viele Themen in den Blick, die bisher nur vage behandelt wurden. Tatsächlich stehen die Chancen auf Nachbesserungen gut. Ein Überblick.
          Lehrer und Schüler: Paul Bocuse (l) mit Eckart Witzigmann Anfang der Achtziger

          Zum Tod von Paul Bocuse : „Die Küche muss glänzen!“

          Spitzenkoch Eckart Witzigmann erinnert sich an seinen Lehrmeister Paul Bocuse - an die harschen Ansprachen, das ungebremste Temperament, die Gastfreundschaft und das große Herz des französischen Kochs.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.