07.07.2008 · Die Chance, einmal als First Lady aufzutreten, reicht heutzutage schon, versuchsweise als solche behandelt zu werden. Zumindest unter negativen Vorzeichen. Michelle Obama kann davon seit Monaten ein Lied singen, denn um sie ist ein Kulturkampf entbrannt.
Von Jordan Mejias, New YorkDie Chance, einmal als First Lady aufzutreten, reicht heutzutage schon, versuchsweise als solche behandelt zu werden.
Zumindest unter negativen Vorzeichen. Michelle Obama kann davon seit Monaten ein Lied singen, denn ein Kampf, der auch wieder kulturkämpferische Züge trägt, ist um sie entbrannt wie dereinst um Hillary Clinton, die keine Plätzchen backen mochte, Nancy Reagan, die Astrologen als politische Berater heranzog, Eleanor Roosevelt, die sich als Bürgerrechtlerin engagierte, oder Edith Wilson, die nach dem Schlaganfall ihres Gatten Woodrow angeblich die Regierungsgeschäfte übernahm.
Geht es im Falle Michelle Obama nun in den traditionellen Medien noch vergleichsweise gesittet zu, ist im Internet die Schlammschlacht längst in vollem Gange. Wer daran gegen Frau Obama teilnehmen will, kann sich zum Beispiel bei michelleobamawatch.com mit dem nötigen Rohstoff versorgen, um auf Websites wie freerepublic.com und townhall.com richtig loszulegen. Inzwischen sind Barack Obamas Wahlkampfstrategen schwer damit beschäftigt, die Gattin vor dem Ruf einer radikalen, scharfzüngigen, alle Weißen hassenden, im Grunde eben antiamerikanischen Sozialaktivistin zu bewahren. Es fielen Worte wie „Obama's baby mama“, womit ausgerechnet eine schwarze Kommentatorin sie vollauf wirklichkeitsentrückt mit einer jungen, unverheirateten Mutter verglich, und „Mrs. Grievance“, Frau Beschwerde, weil sie sich mit ihrer Kritik an Unvollkommenheiten der amerikanischen Gesellschaft nicht züchtig zurückhielt.
Sturm der Entrüstung
Trotz der Attacken sind ihr derzeit achtundvierzig Prozent ihrer Landsleute zugetan, während die sehr societydamenhafte Cindy McCain das nur von neununddreißig Prozent behaupten kann. Dieses Ergebnis ist um so bemerkenswerter, als Michelle Obama einer lieb lächelnden Laura Bush sicher weniger ähnelt als einer willensstarken, im politischen Tagesgeschäft energisch mitmischenden Hillary Clinton. Wie schwer es dennoch geblieben ist, der Princeton- und Harvard-Absolventin, die zuletzt eine leitende Verwaltungsposition im Medical Center der Universität von Chicago innehatte, am Zeug zu flicken, erweist sich jetzt abermals in der Aufregung um ihre Examensarbeit, die sie zum Abschluss ihres Soziologiestudiums vorlegte. Erst brach ein Sturm der Entrüstung los, weil Princeton den Text nicht freigeben wollte, und als er schließlich doch aus dem Giftschrank geholt wurde, sorgten seine Interpreten bald für mehr Erstaunen als seine Verfasserin.
Den Republikanern nahestehende Kritiker versuchten sogleich, das Jugendwerk als Plädoyer für schwarzen Separatismus anzuprangern. Dass dafür ein paar kuriose Volten nötig waren, ließ Dinesh D'Souza, einer der rabiatesten Jungkonservativen des Landes, erkennen, als er in seiner Attacke viel Platz opferte und viel Mühe darauf verwandte, Michelle Obamas Grammatik zu tadeln, bevor er sich maßlos enttäuscht darüber gab, bei ihr keine Analysen von Shakespeare-Sonetten zu lesen. Stattdessen musste er sich durch einen akademischen Text arbeiten, der um „In Princeton ausgebildete Schwarze und die schwarze Community“, so der Titel, kreiste. Für die Examensarbeit einer Soziologin mag das freilich ein nicht ganz unangemessenes Thema sein, auch wenn deswegen die von D'Souza derart sehnsüchtig erhoffte Gedichtinterpretation fehlen musste.
Selbstkritischer Zweifel
Michelle LaVaughn Robinson hatte damals untersucht, ob oder wie sich das Verhalten von neunundachtzig schwarzen Ehemaligen während ihres Studiums veränderte: „Werden sie einmal mehr oder weniger motiviert sein, der schwarzen Community zu dienen?“ Sie kam zu dem Ergebnis, dass schwarze Princeton-Absolventen sich immer weiter von der Gesellschaftsschicht ihrer Herkunft entfernen. Mit selbstkritischem Zweifel ließ sie dabei ihre persönlichen Erfahrungen und Einstellungen einfließen. Sie gestand, dieselben Ziele anzustreben wie ihre weißen Kommilitonen, nämlich einen Platz fürs Graduiertenstudium an einer namhaften Universität oder eine lukrative Position in einer angesehenen Firma zu finden.
Sie fühlte sich zugleich aber auch, schrieb sie weiter, wie eine Besucherin auf dem Campus, als gehöre sie nicht dorthin: „Durch meine Erfahrungen in Princeton bin ich mir meiner blackness weit bewusster geworden.“ Wahrscheinlich werde der von ihr gewählte Weg noch deutlicher ihre „Integration und/oder Assimilation in eine weiße kulturelle und gesellschaftliche Struktur“ zur Folge haben, wo sie allerdings nur am Rande der Gesellschaft geduldet werde und nie ein vollwertiges Mitglied werden könne.
Enorme Gefahr
Da hat sich die potentielle First Lady dann doch wohl getäuscht. Aus ihrem Versäumnis, den enormen Wandel gerade im Zusammenleben der Ethnien und die Unterschiede zwischen dem Princeton von heute und dem von gestern vorauszusehen, lässt sich jedoch schwer ein Skandal fabrizieren. Überraschend oder gar kontrovers können ihre Ansichten und Schlussfolgerungen darum nur all jenen erscheinen, die sowieso entschlossen sind, sich über Michelle Obama zu empören, und zu diesem Zwecke die heutige Wahlkämpferin mit der Einundzwanzigjährigen gleichsetzen, die an einer Universität studierte, an der unter den rund elfhundert Studenten ihres Semesters vierundneunzig schwarzer Hautfarbe waren. Das Jurastudium in Harvard stand ihr noch bevor.
Aber dass eine Examensarbeit, die bald Staub aus einem Vierteljahrhundert angesetzt hat, Material für einen Skandal liefern soll, zeigt doch auch die enorme Gefahr, die dem amerikanischen konservativen Projekt durch das Ehepaar Obama droht. Mit strategisch ausgewählten Zitaten aus Frau Obamas „thesis“ wird sicher nicht ihr Einzug ins Weiße Haus aufzuhalten sein. Den Republikanern bleibt nur die Hoffnung auf einen richtig deftigen und vor allem aktuellen Fauxpas. Und der ist bei einer meinungsfreudigen Frau wie Michelle Obama nicht auszuschließen.
Yale und Harvard ?
Andreas Noreikat (derherold)
- 07.07.2008, 15:44 Uhr
@ derherold
Volker Hirsch (hirsch30)
- 07.07.2008, 21:17 Uhr
Alle Vergleiche hinken
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 07.07.2008, 22:02 Uhr
First Lady geht in den USA um
Josef Bujtor (Mramorak)
- 08.07.2008, 14:28 Uhr
Liebe FAZ,
Andreas Noreikat (derherold)
- 09.07.2008, 13:24 Uhr