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Michel Houellebecq : Der radikalste Schriftsteller unserer Zeit

  • -Aktualisiert am

Michel Houellebecq Bild: AFP

Die Vorhersagen des „Magiers Houellebecq“ waren am Mittwoch auf der Titelseite von „Charlie Hebdo“. Sein neuer Roman hat schon seit Wochen zu schweren politischen Auseinandersetzungen geführt. War er jetzt sogar Anlass zu den brutalen Morden?

          Müde Augen, weiße Haut, dunkle Augenringe, Zigarette zwischen Mittel- und Ringfinger. Obwohl die Karikatur auf der Titelseite von „Charlie Hebdo“ einen mit riesiger Obelix-Nase komplett entstellten Michel Houellebecq zeigt, erkennt man ihn sofort. Dieser Mann, der - seitdem er 1994 mit seinem ersten Buch „Ausweitung der Kampfzone“ in die Öffentlichkeit trat - die Berufsbezeichnung „Skandalautor“ trägt, ist eine ikonische Figur der westlichen Kultur. Sein Gesicht, seine Art zu rauchen, sind noch bekannter als seine Skandale und viel bekannter als seine Bücher. Sein neuer Roman, der unter dem Titel „Soumission“ („Unterwerfung“) am Dienstag in Frankreich erschienen ist, hat schon in den Wochen zuvor zu schweren politischen Auseinandersetzungen und wütenden Kritiken in seinem Heimatland geführt. War er jetzt sogar Anlass zu den brutalen Morden in der Redaktion der Satirezeitschrift?

          „Ich lehne jede Verantwortung ab“, hat er dem Journalisten Sylvain Bourmeau schon vor Wochen auf dessen besorgte Frage nach möglichen Folgen seines Romans erklärt. In dem Buch schildert Houellebecq das Frankreich des Jahres 2022, in dem die eingeschüchterte, abgehalfterte politische Linke einen muslimischen Präsidentschaftskandidaten unterstützt, nur um die rechte Kandidatin Marine LePen zu verhindern. Der Autor schüre damit ohnehin vorhandene Ängste vor einer Islamisierung des Landes, vergrößere die Ängste noch und mache das Thema größer, als es sei. Größer als die Medien selbst könne er das Thema gar nicht mehr machen, erklärte Houellebecq. Es sei nun einmal sein Beruf als Schriftsteller, Dinge, die die Menschen beschäftigten, Ängste, Bedrohungen, Gefahren aufzuschreiben. Dafür sei er da.

          Die Vorhersagen des Magiers Houellebecq auf dem Titelblatt von „Charlie Hebdo“ am 7. Januar

          Michel Houellebecq, 1956 auf Réunion geboren, sein Vater Bergführer, seine Mutter Anästhesistin, wurde von den Eltern kurz nach der Geburt zu den Großeltern nach Algerien gegeben, mit sechs kam er zu seiner anderen Großmutter nach Frankreich, dann ins Internat. Einsamkeit und das Leiden unter den Zumutungen der Freiheit ist das Thema seiner Bücher von Anfang an. Sein Stil ist schonungslos und mitleidvoll zugleich. Totale Freiheit ist großartig nur für die Helden der Geschichte, die Verlierer gehen an den Möglichkeiten der Welt, die sie nicht nutzen können, zugrunde. Die sexuelle Revolution ist ein Fest nur für die Gewinner, die die Früchte der Revolution glücklich ernten können. Die bleichen Würstchen stehen am Rand und verzweifeln.

          Wenn man Michel Houellebecq trifft, hat man den Eindruck, einem komplett freien Menschen zu begegnen. Er redet langsam, leise, lacht immer wieder in sich hinein. Er beobachtet, er raucht, er sieht aus wie ein Mensch, der nie in den Spiegel schaut. Es ist ihm egal. „So tief und dauerhaft eine Freundschaft sein mag, niemals liefert man sich in einem Gespräch so restlos aus, wie man sich einem leeren Blatt ausliefert, das sich an einen unbekannten Empfänger richtet“, schreibt er im neuen Buch. Michel Houellebecq ist der radikalste Schriftsteller unserer Zeit. Die Welt ist irre. Er schreibt sie auf.

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