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Michael Tomasello im Gespräch Im tiefsten Sinne sind wir soziale Wesen

 ·  Wie eigentlich kommen Menschen im Gegensatz zu ihren nächsten Verwandten im Tierreich auf die Spur kultureller Evolution: Ein Gespräch mit Michael Tomasello, Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

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Herr Professor Tomasello, Ihre Forschungsarbeit mit Affen und Kindern widmet sich der Frage, was uns Menschen gegenüber unseren nächsten Verwandten im Tierreich auszeichnet. Was es also ist, das uns Menschen auf die Spur einer rasanten kulturellen Evolution brachte, während diese Verwandten mehr oder weniger in den engen Grenzen langsamer Adaptationen blieben. Als Sie 1999 Ihr Buch über die "Kulturellen Ursprünge des menschlichen Denkens" veröffentlichten, glaubten Sie, den entscheidenden Punkt schon gefunden zu haben. Die These lautete: Wir können die Intentionen anderer lesen, beherrschen also Mindreading, die Affen können es nicht. Aber das war ein zu einfaches Bild. Wieso mussten Sie diese Auffassung verfeinern?

Der Grundriss des Entwurfs ist immer noch derselbe. Es geht tatsächlich um eine Verfeinerung. Notwendig wurde sie durch empirische Entdeckungen. Diese zeigten, dass die großen Affen durchaus Mindreading, das Verstehen von Intentionen, beherrschen: Sie wissen, was die anderen sehen, was ihre Absichten sind. Aber auch wenn sie das alles können, so handelte doch ein großer Teil meines Buchs über Dinge wie gemeinsame Erwartungen oder linguistische Überzeugungen - und die beherrschen sie nicht.

Schimpansen sind gut im Mindreading, wenn es um Konkurrenz geht, etwa anderen Nahrung wegzuschnappen oder sich bei der Paarung durchzusetzen. Aber wenn es um Kooperation geht, sind sie mit ihrem Mindreading zu Ende. Ursprünglich hatte ich angenommen, dass das Verstehen von Intentionen auch bedeutet, dass man mit den anderen gewisse Dinge teilen möchte. Doch das war nicht der Fall. Man kann sich das Verstehen der Intentionen eben auch zunutze machen, um sich in der Konkurrenz zu anderen einen Vorteil zu sichern.

Was wir immerhin auch gerne tun . . .

Ja, aber wir Menschen machen es uns in der einen wie in der anderen Weise zunutze. Es fehlte noch das, was uns zu gemeinsamen Erwartungen, zu linguistischen Konventionen und sozialen Normen bringt. Und so begannen wir nach verschiedenen Typen von Kooperation Ausschau zu halten. Wir machten eine Reihe von Experimenten, die zeigten, dass Kinder bei Kooperationen sehr viel besser abschneiden als Schimpansen und andere große Affen.

Wir überarbeiteten die ursprüngliche These unter der Perspektive der Kooperation. Zusammenarbeit ist demnach, was unsere Beziehungen grundsätzlich charakterisiert, vor allem wenn es um Unterweisung und die Einübung von sozialen Normen zwischen Erwachsenen und Kindern geht - beide sind für die Beschleunigung der kulturellen Evolution wichtig.

Das bringt uns direkt zu Ihrem letzten Buch, "Warum wir kooperieren". Dessen Grundthese ist, dass wir von Natur aus kooperativ in diesem elementaren Sinn sind, also einander direkt oder durch Hinweise helfen, durch Teilen von Ressourcen oder auch von Informationen. Ist das Ihre Antwort auf die gern gestellte Frage, ob und wie der Altruismus in die Welt kommt?

Alles über den Altruismus mag ganz interessant sein, aber der wirkliche Schlüssel ist die Zusammenarbeit, das gemeinsame Lösen von Problemen, insbesondere bei der Nahrungssuche. Alle großen Affen, alle Primaten, besorgen sich die Nahrung selbst. Sie mögen sich in Gruppen bewegen, aber die Nahrung beschafft sich jeder einzelne. Es gibt da nur eine Ausnahme: die gemeinsame Jagd auf kleine Affen bei Schimpansen.

Über deren Stellenwert es ja heftige Debatten gibt ...

Ja, aber ich glaube immer noch, dass dabei im Wesentlichen individuelles Verhalten ausschlaggebend ist. Jeder Affe versucht auf eigene Rechnung die Beute zu erhaschen. Meine Interpretation ist, dass die Schimpansen etwas Ähnliches beherrschen wie Löwen und Wölfe. Jedenfalls nicht das, was wir Menschen tun. Bei Menschen lässt sich das gemeinsame Beschaffen von Nahrung beobachten, und in diesem Kontext entstehen Altruismus und Helfen. Was menschliche Zusammenarbeit charakterisiert, ist gegenseitige Abhängigkeit. Das heißt, wir müssen mit anderen kooperieren, um an Nahrung zu kommen, oder wir sterben.

Als sich irgendetwas in der Ökologie änderte - den genauen Grund kennen wir nicht -,mussten Menschen eine neue Nische für die Beschaffung von Nahrung finden. Das Augenmerk richtete sich jetzt auf Tiere, für deren Erlegung es einer besseren Zusammenarbeit bedurfte; und auch auf andere Aufgaben, für die zumindest zwei Leute nötig sind, die einander helfen. In dieser neuen Nische galt: Wer nicht verlässlich kooperiert, der ist verloren. So hängt der Einzelne von den anderen ab, und gegenseitige Hilfe ist die natürliche Konsequenz gegenseitiger Abhängigkeit.

Das ist also Ihre Weise, das Problem der Entstehung von Altruismus zu umgehen?

Ich würde sagen, die vorgeschlagene Erklärung löst dieses Problem nicht in strikter Weise, weil wir im biologischen Sinn immer mehr am eigenen Fortkommen interessiert sind. Aber sie verändert das Erklärungsmodell. Das ist ein fundamentaler Wandel. Die Entwickler mathematischer Modelle und die meisten Evolutionstheoretiker und Ökonomen arbeiten mit der Annahme, dass Menschen sich im Grunde überhaupt nicht um andere kümmern. Aber in einer Situation gegenseitiger Abhängigkeit kann ich mich in einer Weise um sie kümmern, die in meinem Selbstinteresse gründet.

Zudem muss ich darauf achten, ein guter Kooperationspartner zu sein. Andernfalls würde mich niemand als Partner wählen. Wir sind also in einem tieferen Sinn sozial, als diese Modelle und Theoretiker meinen. In meinen Augen hat diese Entwicklung zu einem mehr an Zusammenarbeit orientierten Lebensstil genuinen Altruismus hervorgebracht. Am Anfang stand die Zusammenarbeit und sie führte zur Unterweisung, zu sozialen Normen und Konformität. Die kulturelle Entwicklung beschleunigte sich entsprechend. 

Für diese kulturelle Entwicklung gibt es noch ein anderes wichtiges Werkzeug, die Sprache. Und Sie haben ja ein Buch geschrieben, in dem Sie Ihre Theorie des Ursprungs und der frühen Entwicklung von Sprache darlegen. Vielleicht können Sie die wesentlichen Schritte skizzieren?

Vermutlich begann mit der gemeinsamen Nahrungssuche auch die kooperative Kommunikation, wahrscheinlich - das ist allerdings eine gewagte Vermutung - mit Zeigegesten: um die Aufmerksamkeit von anderen in kooperativer Weise zu lenken. Also andere auf Dinge aufmerksam zu machen, die für sie, nicht notwendigerweise für mich, von Bedeutung sind. Im Kontext der Zusammenarbeit gilt: Wenn Sie mit meinen Hinweisen besser abschneiden, dann ist unser gemeinsamer Erfolg größer.

So betrachtet, ist der Mensch also das Tier, das zeigen kann.

Ja, um die Aufmerksamkeit anderer zu lenken. Aber wenn wir konkurrieren, warum sollte ich dann Ihrer Zeigegeste folgen? Es funktioniert nur, weil ich wissen möchte, was Sie mir damit sagen wollen. Und warum möchte ich es wissen? Weil ich glaube, davon etwas zu haben. Und warum glaube ich das? Weil es normalerweise so ist, dass Sie kooperativ sind. Deshalb nenne ich das kooperative Kommunikation. Mit der Charakterisierung, dass wir die Tiere sind, die zeigen, habe ich keine Probleme. Aber ich würde eher formulieren: Wir sind die Tiere, die kooperativ kommunizieren, und das Zeigen ist das "Ur-Werkzeug" dieser Kommunikation. Bald darauf entwickelten sich dann ikonische Gesten oder Pantomime, so dass die Kommunikation über abwesende Gegenstände effektiver wurde.

Später erst kommt die kraftvolle kulturelle Transmission ins Spiel, wie sie für Sprache notwendig ist. Denn ein zentrales Charakteristikum von Sprache ist, dass sie durch Nachahmung gelernt wird, obwohl Nachahmung nicht alle Probleme löst. Die erste Phase - Zeigen, ikonische Geste, Pantomime - ist noch nicht auf sie angewiesen; diese Fähigkeiten sind uns natürlich. Aber wenn ich diesen Gegenstand hier Bleistift nenne, gab es nur einen Weg, das zu lernen, nämlich es anderen Leuten nachzutun. So entsteht eine auf Konventionen gründende Kommunikationsweise, im Gegensatz zur natürlichen Form von Zeigen und Pantomime.

Sie zitieren, wenn es um Spracherwerb geht, Ludwig Wittgenstein. Jenen Philosophen also, der meinte, wir bräuchten eine Naturgeschichte unserer kulturellen Fähigkeiten. Würden Sie sagen, dass evolutionäre Anthropologie in Ihrem Sinn auf eine solche Darstellung zielt?

Ja, zumindest der philosophische Teil. Wittgenstein fragte sich ja auch einmal: Betreibe ich eigentlich Anthropologie?

Ist es nicht eine naheliegende Folgerung aus Ihren Forschungen, die Natur-Kultur-Dichotomie ganz fahren zu lassen?

Ich benutze den Gegensatz "natürlich" versus "kulturell" in einem Sinn, der sich vom sowjetischen Entwicklungspsychologen Lev Vygotsky herleitet. "Natürlich" meint dann nicht angeboren, sondern biologisch in der Lage zu sein, bestimmte Dinge zu lernen: Gehen zum Beispiel. Wahrscheinlich würde niemand Gehen als kulturelle Fähigkeit bezeichnen. Aber wir müssen lange lernen, um es zu beherrschen, und das, obwohl wir biologisch darauf angelegt sind.

Wir lernen Gehen nicht durch Unterweisung und auch nicht durch Nachahmung. Es gibt Fähigkeiten, die natürlich sind und trotzdem nicht einfach angeboren. Kulturelle Fähigkeiten dagegen lerne ich, indem ich sie mir von anderen abschaue. Meine Alternative zur Natur-Kultur-Dichotomie ist die Frage: Habe ich etwas von den anderen zu lernen, oder kann ich sie mir alleine aneignen? Diese Dichotomie funktioniert besser.

Was ist im Moment gerade der Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

Wir versuchen gerade aus einer breiten theoretischen Perspektive halbwegs konkrete Übergänge zu finden von unseren Untersuchungen der Kooperationsformen zur Natur menschlicher Moralität.

Die Fragen stellte Helmut Mayer.

Quelle: F.A.Z.
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