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Helmut Schmidt : Er wusste, wie Geschichte gemacht wird – und von wem

  • -Aktualisiert am

Helmut Schmidt (1918-2015) Bild: Wolfgang Haut

Den Feuilletonisten begegnete er mit Skepsis und den Wirtschaftsredakteuren mit Interesse. Als Herausgeber prägte er die „Zeit“. Eine Erinnerung an Helmut Schmidt, der viel länger Publizist als Bundeskanzler war.

          Helmut Schmidt war 1982 dem konstruktiven Misstrauensvotum zum Opfer gefallen, die FDP hatte die Koalition mit der SPD „schmählich“ (so empfand er es bis zum Ende) verlassen, die eigene Partei war den Liberalen innerlich schon längst vorausgegangen – da bot ihm der Hamburger Verleger der „Zeit“, Gerd Bucerius, an, in die Rolle eines verlegerischen Herausgebers des Wochenblatts zu wechseln. Dessen „Ressortchef Politik“ Theo Sommer hatte ihm nur wenige Monate zuvor schon nahe gelegt, als Kanzler zurückzutreten. Die „Zeit“ galt zwar als „Hofblatt der Republik“, aber höfisch war sie nicht. Schmidt wurde Publizist – eine Rolle, die er länger ausfüllte als irgendeinen anderen Beruf seines Lebens.

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          In Begleitung seines treuen Leibwächters zog er in die Redaktion ein. Aus der verlegerischen Kompetenz wurde nichts – er plädierte bei Bucerius für eine Thesaurierung der beträchtlichen Gewinne des Besitzers (der seine Anteile an Gruner + Jahr an Bertelsmann verkauft hatte) zugunsten der „Zeit“. Dazu kam es nicht, der Verleger hatte andere Pläne.

          Ganze Alterskohorten junger und immer jüngerer Redakteure zogen an dem Kanzler a.D. vorüber. Den Feuilletonisten begegnete er mit Skepsis („Haben Sie eigentlich gedient?“), den Wirtschaftsredakteuren mit Interesse, ja Zuneigung, und den „Zeitläuften“, wie man in dem feinen Blatt zu sagen pflegte, widmete er regelmäßige, erfahrungsgesättigte Artikel mit zunehmender Altersweisheit. Der „Gräfin“, genannt „Marion“, mit vorangestelltem „Sie“, begegnete er mit ausgesuchter Höflichkeit – nicht unbedingt seine typische Charaktereigenschaft. Doch laut wurde er nie. Redakteurinnen begegnete er – mit der Ausnahme von Nina Grunenberg – mit eher anthropologischem Interesse.

          Aus seinem verrauchten Eckzimmer im Hamburger Pressehaus flatterten hin und wieder handschriftliche Notizen voller Lob dem einen oder anderen geschmeichelten Leitartikler auf den Schreibtisch. Seine inner-redaktionelle Autorität wuchs von Jahr zu Jahr – er nahm an der wöchentlichen Freitagskonferenz der politischen Redaktion mit Schmidtscher Pünktlichkeit teil, und die anfängliche Skepsis der Kollegen verwandelte sich in aufrichtige Neugier und am Ende sogar in Zuneigung und Stolz: Helmut Schmidt war einer von ihnen geworden. Er hörte zu, konnte lachen und reagierte empfindlich auf vulgäre Textstellen. Doch im Grunde genommen blieb er ein Mann der Vergangenheit – allerdings im besten Sinne.

          Er wusste, wie Geschichte gemacht wurde – und von wem. Seine realpolitischen Argumente konnten eisig werden – in einer Redaktion, deren säkularer Humanismus auf der Einhaltung der Menschenrechte pochte, konnten schmerzliche Diskussionen nicht ausbleiben: Dem Geopolitiker Schmidt, der in großen historischen Zusammenhänge dachte, konnten Hinweise auf die Unmenschlichkeit des chinesischen Regimes oder russischer Machtprojektionen nur naiv erscheinen. Da trennten sich bisweilen die geistigen Welten – bis zur nächsten Redaktionskonferenz.

          Hin und wieder erschienen ehemalige Größen der Bonner Republik in der Redaktion und suchten Rat – vor allem aber doch Zustimmung – bei Helmut Schmidt; am Ende kam sogar Helmut Kohl vorbei (er brachte einen mächtigen Stuhl mit). Und alle ertrugen den Qualm der Menthol-Zigaretten, deren Vorrat unerschöpflich schien. Der Kanzler, der diese Anrede hanseatisch ablehnte („Schmidt reicht“), war in der Neige seines Lebens zum Sinnbild einer verlorenen Übersichtlichkeit der Gesellschaft geworden. Dass quer zu seinem wachsenden Ruhm die beinahe heilig gesprochene Symbolgestalt Willy Brandt stand, hat ihn durchaus beschäftigt – nun zählt er selbst zu den großen Kanzlergestalten der Sozialdemokratie, die von den eigenen Genossen aus dem Amt befördert wurden – wie nach ihnen auch Gerhard Schröder. Doch bis an sein Lebensende beharrte er darauf, ein „Sozi“ geblieben zu sein. Nur mit einer Anrede durfte man ihm nicht kommen: „Genosse.“ „Herr Schmidt“ hat gereicht. Er war ein Herr.

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