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Michael Jackson Die schwarzweiße Schande

14.06.2005 ·  Michael Jacksons Freispruch ist eher eine Begnadigung als eine Rehabilitierung. Was der „King of Pop“ gewesen ist, wird er nie wieder sein. Mit seiner Karriere kollabiert ein Teil des Phänomens „schwarze Musik“ überhaupt.

Von Dietmar Dath
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Michael Jackson ist von dem Vorwurf freigesprochen worden, ein Kinderschänder zu sein. Man darf darin eher eine Begnadigung als eine Rehabilitierung sehen. Was der „King of Pop“ gewesen ist, wird er nie wieder sein.

Der Mann, dessen Tanzchoreographien die elegantesten seit den Tagen der großen Musikrevuefilme waren und der als Soulsänger aufregendere stimmliche Kunststücke riskiert hat als James Brown oder Stevie Wonder, ist erledigt. Der Grund für die beispiellose Entwertung des Megastars aber sind letztlich weder seine seit langem bekannte heikle Form von Kinderliebe noch sein nach kosmetischen Eingriffen entstelltes Gesicht oder gar das Zerbrechen der kreativen Konstellationen, die ihn mit den besten Komponisten, Arrangeuren und Studiotechnikern der Popmusikgeschichte zusammengeführt haben. Was hier kaputt geht, ist mehr als ein Idol - mit Michael Jacksons Karriere kollabiert ein Teil des Phänomens „schwarze Musik“ überhaupt.

Das Schwarze als das Triebhafte

Seit Elvis Presley die Ausdrucksformen des Rhythm and Blues dem weißen Massengeschmack erschlossen hat, war das „Schwarze“ im Pop nach einer mal offen, mal verdeckt ausgereizten Konvention der Kulturindustrie immer das Triebhafte. Jugendliche auf der ganzen Welt delegierten ihre kollektiven Phantasien von der sexuellen Grenzverletzung an ein über die Hautfarbe identifizierbares Kollektiv.

Michael Jackson hat wie alle Großen seines Genres dieses Klischee bedient - er war der erste männliche Popstar, der sich in Videos in den Schritt griff, seine Gluckser und ekstatischen Jauchzer sind legendär, seine größten Hits von „Billie Jean“ bis „Dirty Diana“ handeln von Grenzverletzungen aus Leidenschaft und deren Folgen. Zugleich aber versuchte er so verbissen wie keiner vor ihm, auf die andere Seite zu wechseln, ein weißer Engel zu werden statt ein schwarzer Lüstling zu sein - weiße Kinder, Nichtschwarze, die von Erotik noch nichts wissen, sollten seine Freunde sein. „Not races, faces!“ sang er in „Black or White“. Sein Gesicht dokumentiert das Scheitern dieser Sehnsucht.

Daß der weiße Rapper Eminem, der mit einer schwarzen Musikrichtung Millionen verdient, Jackson verspottet hat, während schwarze Prominente ihn verteidigten, ist die bitterste Pointe der Affäre: Auch wenn die Popwelt heute keine Schwarzen mehr braucht, um die Pionierarbeit des Tabubruchs zu erledigen, bleiben die rassistischen Voraussetzungen dieser angeblich liberalsten Form von Kultur, die es je gab, unvermindert in Kraft.

Quelle: F.A.Z., 15.06.2005, Nr. 136 / Seite 1
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