http://www.faz.net/-gqz-73noa
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 17.10.2012, 11:23 Uhr

Michael-Althen-Preis verliehen Der Ton, den alle liebten

Im Deutschen Theater in Berlin wurde zum ersten Mal der Michael-Althen-Preis für Kritik verliehen. Sarah Khan erhielt die Auszeichnung für einen Artikel über die Fernsehserie „Dr. House“.

von
© Zimmermann, Julia Erste Preisträgerin des Michael-Althen-Preises: Sarah Khan

Am Montagabend wurde im Deutschen Theater in Berlin zum ersten Mal der von dieser Zeitung ins Leben gerufene Michael-Althen-Preis für Kritik verliehen. Er ist mit 10.000 Euro dotiert und soll einen Text auszeichnen, eine Kritik, die im besten Falle schafft, was Michael Althen, dem im vergangenen Jahr im Alter von 48 Jahren gestorbenen Filmkritiker dieser Zeitung, scheinbar immer so mühelos gelang: ein künstlerisches Werk daraufhin zu untersuchen, was es mit einem macht, welche Assoziationen es einem schenkt, welche Absicht zugrunde lag und warum das gelungen ist - oder möglicherweise eben nicht.

Johanna Adorján Folgen:

Die erste Preisträgerin ist die in Berlin lebende Schriftstellerin Sarah Khan. Sie wurde für einen Artikel ausgezeichnet, der in der Märzausgabe des vierteljährlich erscheinenden Filmmagazins „Cargo“ erschien. Darin erzählt sie, wie der jähe Tod ihres erst 29-jährigen Bruders ihr Verhältnis zur amerikanischen Krankenhausserie „Dr. House“ veränderte, und sie schafft es, anhand dieses persönlichen Zugangs selbst Leuten, die diese Serie nur vom Hörensagen kennen, einen Eindruck von den Besonderheiten dieser Serie zu vermitteln.

Michael Althen Dankrede Sarah Khan bei ihrer Dankrede im Deutschen Theater Berlin © Zimmermann, Julia Bilderstrecke 

In der Jury, die ausdrücklich nicht aus Kritikern bestand, sondern aus Künstlern, waren und bleiben auch im nächsten Jahr: die Schauspielerin Claudia Michelsen, die Regisseure Dominik Graf und Tom Tykwer, der Schriftsteller Daniel Kehlmann sowie der Essayist, Forscher und Schauspieler Hanns Zischler.

Hommage an den eingeschworenen Kinofan

Auch wenn Sarah Khan bei der feierlichen Verleihung des Preises natürlich im Mittelpunkt stand, war es ein Abwesender, der dem Abend seine besondere Stimmung verlieh: Michael Althen. In allen Reden wurde seine unnachahmliche Art heraufbeschworen, die mit seinem Tod nicht aus dieser Welt verschwunden ist, weil sich so viele - nicht nur die Menschen, die ihn persönlich kannten - an seinen so eigenen Ton erinnern.

Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters, erinnerte daran, wie er den eingeschworenen Kinofan Althen zum alleinigen Juror der Berliner Autorentage berief - und wie neugierig Althen sich dem Theater genähert habe, alle seine Vorurteile über Bord schmiss und später sogar freiwillig oft und gern ins Theater ging, von dem er zunächst gedacht hatte, das Kino könne das alles besser.

Mehr zum Thema

Nils Minkmar, der Leiter des Feuilletons dieser Zeitung, erzählte ein bisschen davon, wie es war, Althen zum Kollegen und Freund zu haben. Alle seien in ihn verliebt gewesen. Und Claudius Seidl, Leiter des Feuilletons der Sonntagsausgabe, sprach darüber, warum das sogar bei den Menschen, deren Werke er rezensierte, so oft der Fall war: weil Althen der Leser, der Zuschauer war, den sie sich wünschten.

Nicht, weil er ihnen nach dem Maul geredet hätte, sondern weil er sich selbst beim Lesen und beim Schauen so genau zugesehen habe, dass er den Künstlern erzählen konnte, was ihre Werke mit einem machen. Denn der Künstler selbst wisse ja nie, was er da eigentlich geschaffen habe - Michael Althen aber konnte es ihm erklären.

Sarah Khan las ihren Siegertext, und zuletzt las der Schauspieler Ulrich Matthes einen Bericht von Michael Althen, den dieser über seine Erfahrungen als Juror der Autorentage geschrieben hatte. Und da war er wieder: dieser unendlich lässige Ton, in den jeder verliebt war.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Bitte einsenden Der Michael-Althen-Preis für Kritik 2016

Zur Erinnerung an Michael Althen, Redakteur und Filmkritiker von 2001 bis 2011, hat die F.A.Z. einen Preis ausgeschrieben. Zum fünften Mal soll eine Form der Kritik gewürdigt werden, in welcher analytische Schärfe und Emotion einander bedingen und ergänzen. Mehr Von Claudius Seidl

14.05.2016, 12:08 Uhr | Feuilleton
England Muslim wird Bürgermeister von London

Der muslimische Labour-Politiker Sadiq Khan hat die Bürgermeisterwahl in London klar gewonnen. Mit Khan, dem 45-jährigen Menschenrechtsanwalt pakistanischer Abstammung, wird erstmals eine EU-Metropole von einem Muslim regiert. Khan sagte, er sei stolz darauf, dass London sich für die Hoffnung und nicht die Angst, für die Einheit und nicht die Trennung entschieden habe. Mehr

07.05.2016, 16:27 Uhr | Politik
Bildungsstätte Anne Frank Mit Kopftuch gegen Antisemitismus

Wenn Menschenrechte in Gefahr sind, sei die Bildungsstätte Anne Frank zur Stelle, lobte Jurymitglied Hejo Manderscheid. Nicht nur dafür gab es jetzt den Walter-Dirks-Preis. Mehr Von Livia Gerster

23.05.2016, 12:17 Uhr | Rhein-Main
Statement auf Twitter Trump fühlt sich von Londons Bürgermeister angegriffen

Sadiq Khan hatte über Trump getwittert, dass er durch seine ignorante Sicht auf den Islam, Amerika und Großbritannien nicht sicherer machen würde. Mehr

16.05.2016, 20:08 Uhr | Politik
Ungleichheit Hollywoods Frauen gehen auf die Barrikaden

Jennifer Lawrence, Amy Adams, Robin Wright: Die Debatte um Gehaltsdifferenzen zwischen den Geschlechtern ist voll entbrannt. Sie wird auch im Silicon Valley aufmerksam registriert. Mehr Von Roland Lindner, New York

23.05.2016, 16:42 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Nach dem Massenmord

Von Jürg Altwegg

Als die „Eagles of Death Metal“ im Bataclan spielten, richteten Islamisten ein Massaker an. Jetzt hat der Sänger Hughes in Interviews Verschwörungstheorien kundgetan. Und plötzlich ist die Band in Frankreich unerwünscht. Mehr 50

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“