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Drogenboss „El Chapo“ : Der Mann, der sich nicht erwischen lässt

Die drei Gesichter des El Chapo: mexikanisches Fahndungsplakat Bild: AFP

Manche nennen Joaquín Guzmán den „Steve Jobs des Kokains“, die meisten aber nur „El Chapo“. Über die letzte Flucht des mexikanischen Drogenbosses werden inzwischen Lieder gesungen, die seinen Mythos fortschreiben.

          Das Loch in der Zelle von Joaquín Guzmán Loera, den alle nur „El Chapo“ nennen, den Kurzen, war noch nicht wieder zugeschüttet, da war das Internet schon voller Hymnen. Es dauerte nur Stunden, bis die Nachricht von der spektakulären Flucht des Drogenbosses in Dutzende narco corridos verwandelt worden war, in jene Schunkelsongs, welche längst fester Bestandteil der mexikanischen Popkultur sind.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Spätestens ab Sonntag konnte man auf Youtube lange Playlists voller Songs sehen, die „El Chapos“ zweite Flucht zum Thema hatten. Der Sänger einer Band namens Rejegos hatte sich nicht einmal die Zeit genommen, seinen Text auswendig zu lernen und las ihn stattdessen vom Smartphone ab: „Sie können nicht glauben, wie er es geschafft hat / er floh durch einen Tunnel wie ein Maulwurf“.

          Der Grammy-Gewinner Lupillo Rivera, Bruder der verstorbenen Latino-Diva Jenni Rivera, brauchte zwei Tage, um ein Video aus aktuellen Fernsehnachrichten zu einem vergleichsweise politischen Song zu schneiden: „Die Rede muss sehr gut sein, um die Menschen zu überzeugen / so wie jene von Vincente Fox damals / mal sehen, was Don Enrique Peña Nieto zu sagen hat“. Und die Alegres del Barranco, die „Fröhlichen“ aus Barranco, einem Kaff unweit von Guzmáns Heimatort La Tuna im Hochland von Sinaloa, sangen am Sonntagabend live vor begeisterten Zuschauern: „Wo ist Chapo Guzmán? Das weiß nur Gott / Ist der in Sinaloa oder an der Grenze oder hast du schon das Land verlassen mit dem Flugzeug oder an Land?“

          Drogenkartellchef : Sicherheitsvideo zeigt Guzmán beim Ausbruch

          Wie groß das Ausmaß der Bewunderung für Guzmán ist, vor allem in seiner Heimatregion Sinaloa, wie ungebrochen die Verehrung eines Mannes, der als mächtigster Drogenhändler der Welt gilt, das lässt sich jenseits Mexikos wohl kaum begreifen; und dennoch kann man auch als Bewohner eines Rechtsstaats kaum vermeiden, seine kriminelle Kreativität zu bewundern. Das liegt nicht nur daran, dass wir der Figur des Ausbrechers, wo wir sie treffen, im Kino oder in der Literatur, fast ausschließlich mit Sympathien begegnen. Es liegt vor allem daran, dass man solche Typen wie Guzmán eigentlich überhaupt nur aus dem Kino kennt. Wenn also plötzlich auch die Nachrichten über sie berichten, über die Abenteuer von El Chapo, den vielbesungenen Drogenbaron, so ist das immer auch ein Beharren auf die Macht der Phantasie, ein kurzer Sieg der Fiktion über die Wirklichkeit. Der spanischsprachige amerikanische Sender UniMás kündigte im vergangenen Jahr an, eine fiktionale Serie über das Leben Guzmáns zu produzieren; sie wird sich nicht dem Vorwurf aussetzen müssen, die realen Ereignisse zu sehr zu dramatisieren.

          Sein Faible galt immer den Tunneln

          Es ist bekannt, dass sich die Freunde des organisierten Verbrechens oft erst vom Kino beibringen ließen, wie sie sich zu kleiden oder zu bewegen haben. Nicht nur amerikanische Gangster-Filme (allen voran „Scarface“) hinterließen ihre Spuren in der mexikanischen narco cultura. Offensichtlich schlägt sich die Konkurrenz der Kartelle auch in bizarren Style Wars nieder. Vor drei Jahren fand die mexikanische Armee bei einer Razzia 120 Plastikhelme, die Mitglieder des Tempelritter-Kartells für eine Initiationszeremonie benutzt hatten.

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