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Meteroit Einschlägiger Einschlag

Zwischen Ausgeliefertsein, Selbstbehauptung und Gottvertrauen: Der Meteoriteneinschlag bei Tscheljabinsk stellt alte Fragen neu - und führt manche Kommentatoren ins physikalisch-moralische Nichts.

© dpa Vergrößern Nicht aus Tscheljabinsk, dafür aus der marokkanischen Wüste: Der Tissint-Meteorit vom vergangenen Jahr wird unter die Lupe genommen

In der Wissenschaft, hat uns gerade der neue Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft wissen lassen, gehe es nicht nur um das alte Neue, sondern „im Kern“ um das neue Neue.

Jürgen Kaube Folgen:  

Was meint der Mann?

Nun, die Wissenschaft soll nicht nur Probleme lösen, die schon bekannt sind, sondern Antworten auf Fragen geben, die noch gar nicht gestellt wurden. Neben dem alten Neuen und dem neuen Neuen gibt es allerdings auch noch das neue Alte.

So könnte man Antworten der Wissenschaft nennen, die sie längst gegeben hat, ohne damit durchgedrungen zu sein. Ein Beispiel? „Wie aus dem Nichts rast ein Gesteinsbrocken aus den unerschöpflichen Weiten des Alls auf die Erde“. So begann dieser Tage ein Kommentar der „Westfälischen Nachrichten“ zum Meteoriteneinschlag bei Tscheljabinsk.

Händeringendes Hin und Her

Der Kommentator knüpft daran naheliegende Gedanken zur Winzigkeit der Erde. Einerseits, heißt es dann, drohten noch viel größere Steine, andererseits sei Panik fehl am Platz, denn die allermeisten kosmischen Brocken fielen ja ins Meer.

Dieses händeringende Hin und Her von „Fürchtet euch“ und „Fürchtet euch nicht“ darf man getrost als mediale Pflichtübung und säkulares Pastorentum lesen. Aber die Schlussfolgerung war interessant. Es zeige nämlich ein solcher Meteoriteneinschlag, wie ausgeliefert die Menschheit dem Universum sei: „Das lehrt Demut und Gottvertrauen“.

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Hierzu nun das alte Neue. Hat doch der Altenberger Philosoph Hans Blumenberg, für Leitartikler der „Westfälischen Nachrichten“ eigentlich einschlägig, ein Gutteil seines Werkes der Überlegung gewidmet, dass aus dem Ausgeliefertsein gerade nicht Vertrauen folgt. Denn wer hat’s erfunden, das Universum, dem wir ausgeliefert sind?

Eher Selbstbehauptung als Gottvertrauen

In vielen ideengeschichtlichen Studien hat Blumenberg nachgezeichnet, wie sich die Theologie am Programm verhob, den guten Gott auch als allmächtigen Weltenschöpfer und als allvorhersehenden Weltenrichter zu erweisen. Darum lässt der Kommentator die Gesteinsbrocken ja ganz unwillkürlich auch „wie aus dem Nichts“ auf die Erde zurasen, einem physikalisch-moralischen Nichts, das es schöpfungstheologisch gar nicht geben dürfte.

Die unerschöpflichen Weiten des Alls lehrten die Menschheit darum eher Selbstbehauptung als Gottvertrauen. Andernfalls müsste man ja zwei Götter annehmen, einen, der das Universum samt Meteoriten schuf, und einen, der uns vor ihm rettet. Zu viel für einen Leitartikel und doch etwas altes Neues.

Quelle: F.A.Z.

 
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