23.11.2006 · Chinas Automarkt dürfte in einer Dekade den der Vereinigten Staaten überholt haben. Während einst nichts Westliches vor Nachahmung sicher war, erobern nun chinesische Wagen den Weltmarkt: ein Rundgang über die Automesse in Peking.
Von Mark Siemons, PekingDie chinesische Begeisterung fürs Auto ist von einer Unverstelltheit und Frische (mögen die Straßen der Städte noch so verstopft sein und die Luft noch so vergiftet), daß man im kollektiven Gedächtnis des Westens lange kramen müßte, um auf Vergleichbares zu stoßen. Vor dem Pekinger Messegelände entläßt ein Bus nach dem nächsten Reisegruppen vom Land, die zur „Auto China 2006“ drängen. Es ist ein einziges Rempeln und Stoßen, das dann plötzlich, am Ziel aller Mühen, in reines Schauen übergeht, ein freilich meist digitalkameraverstärktes Schauen, wobei nicht ganz klar ist, ob die stumme Andacht allein der Karosserie gilt oder dem kurzberockten Model, das sich pflichtbewußt an diese schmiegt.
Betuliche Diskurse über Mobilität und Verantwortung, wie sie auf westlichen Messen das schlechte Gewissen verdrängen, sind hier nicht nötig. Es gibt auf der „Auto China 2006“ nur einen einzigen Diskurs, und der wird von zwei immer wiederkehrenden Stichworten bestimmt: „Traum“ und „Innovation“.
Inbegriff von Wohlstand und Freiheit
Was mit Traum gemeint ist, ist klar: Zum großen Teil sind die Massen, die da die Hallen schon am Fachbesuchertag stürmen, nicht einmal Endverbraucher, die sich einen eigenen Wagen leisten könnten. Um so vitaler demonstrieren sie die Macht, die die Autophantasie auf die gesamte Volkswirtschaft ausübt: nach den Jahrzehnten der Entbehrung und Restriktion ein Inbegriff von Wohlstand und Freiheit. Insofern sieht der chinesische Traum dem amerikanischen in seiner frühen Phase täuschend ähnlich.
Und nun ist er drauf und dran, diesem den Rang abzulaufen. Chinas Automarkt, der noch dieses Jahr der zweitgrößte der Welt sein wird, soll in einer Dekade den der Vereinigten Staaten überholt haben. Die chinesische Regierung kündigt an, sie wolle den chinesischen Anteil am Welthandel in den nächsten zehn Jahren verzehnfachen - da ist dann Innovation gefragt.
Unerschrockene Plagiate
Von den 572 in Peking ausgestellten Modellen stammt bereits ein Drittel aus China. Das Risiko dabei ist, daß die Vielzahl der fast schon komisch unerschrockenen Plagiate offen zutage tritt: Vom Fiat Panda bis zur Mercedes-C-Klasse ist nichts Westliches vor Nachahmung sicher. Das nehmen die Unternehmen auf ihrem langen Marsch zum Weltmarkt in Kauf.
Bisher rief es immer Aufsehen hervor, wenn ein einzelnes chinesisches Auto auf westlichen Märkten reüssieren wollte; in Deutschland ist noch der „Landwind“ mit seinen katastrophalen Testergebnissen in Erinnerung. Nun aber präsentiert in Peking eine ganze Armada chinesischer Modelle ihre Exportpläne: große Limousinen von SAIC in Schanghai und Brilliance Jinbei in Shenyang, Kleinwagen von Geely in Taizhou und Chery in Wuhu. Die Autowerke in Nanjing wollen demnächst sogar Produktionsstätten in Amerika errichten.
Chinesische Stärken
Die westliche Reaktion auf das chinesische Szenario ist bislang von Herablassung gekennzeichnet: Es wird auf ungenügende Technologie, Vertriebsarbeit und Markenbildungskompetenz verwiesen; alles, was an den chinesischen Autos funktioniert, verdanke sich westlichem Know-how. Bisweilen führt man die billigen Nachahmungen sogar auf tiefreichende kulturelle, womöglich konfuzianische Wurzeln zurück und drückt damit die Erwartung aus, das Markenzeichen der chinesischen Automobilindustrie werde immer ihre Kopierwut bleiben. Dafür aber spricht wenig.
Ein Manager des Kleinwagenherstellers Chery ließ sich kürzlich mit einem Vergleich zitieren: Die Kunst des Zeichnens werde erlernt, indem man Bilder nachzeichne, dann aber entwickele sich eine eigene Handschrift. Gewiß ließe sich aus dieser Theorie ein chinesisches Bildungsverständnis ableiten, das sich vom westlichen durchaus unterscheidet. Das Resultat jedoch überschreitet alle kulturellen Grenzen. Auch westliche Firmen gehen dazu über, interne Dienstleistungen bis hin zu ganzen Entwicklungsabteilungen auszulagern. Es ist abzusehen, daß es in der Weltwirtschaft immer weniger auf die organisch gewachsenen Stärken von Traditionsunternehmen ankommen wird. Sondern auf Flexibilität, Tempo und Kombinationsfähigkeit: also auf chinesische Stärken.
Spektakulärer Tausch der Zeichen
Der Status quo wird auf der Messe noch durch eine pünktlich veröffentlichte Marktstudie dokumentiert, der zufolge Preisunterbietungskämpfe bei 77 Prozent der chinesischen Neuzulassungen zu technischen Mängeln geführt hätten. Der Umschlag aber kündigt sich durch einen spektakulären Tausch der Zeichen an. Volkswagen stellt die in seinem Schanghaier Werk entwickelte Konzeptstudie eines VW mit chinesischen Kennzeichen vor: ein leuchtend rotes Kombi-Coupé mit weichen, fließenden Formen, dessen Name „Neeza“ auf eine Gestalt aus der chinesischen Mythologie anspielt. Unterdessen präsentiert das Staatsunternehmen SAIC seinen „Roewe 750“, der die Gediegenheit des alten Europas verkörpert: Im am Stand gezeigten Werbefilm fährt diese chinesische Weiterentwicklung des Rovers (dessen Markenrechte das Unternehmen gekauft hat) nacheinander römische Säulen, ein englisches Landschloß und einen deutschen Herbstwald ab.
Die kulturellen Markenbilder schwirren so frei durch den globalen Raum wie die technologischen Fertigkeiten und das dazugehörige Personal, und in Zukunft wird sich jeder zusammensuchen können, was er braucht. Den Kopisten schlägt die Stunde, jetzt kommen die Puzzlespieler zum Zug.