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Menschenversuche : Die Grausamkeit im Dienst der Wissenschaft

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Die Geschichte der Menschenversuche geht weiter zurück als bis zu den kaltblütigen Exzessen der Konzentrationslager. Sie begann damit, die Natur im Experiment zu befragen, und sie erstreckt sich nicht nur auf die Medizin, sondern auch auf die Pädagogik. Ein neues Buch zeichnet diesen Weg nach.

          Am 21. August 1947 erteilte Dr. med. Karl Brandt, der als ehemaliger Reichskommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen im Nürnberger Ärzteprozess wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt war, seinem Verteidiger Dr. Robert Servatius die Vollmacht, vor Gericht den folgenden Antrag zu stellen: „Es ist mein freier Wille, mich einem medizinischen Versuch ohne jede Überlebenschance zu unterziehen, um so die Vollstreckung des Todesurteils über die Erfüllung eines juristischen Prinzips zu einem sinnvollen Ereignis im Interesse und zum Wohle der Menschheit zu erheben.“ Das Militärtribunal ging bekanntlich auf dieses Ansinnen Brandts, sich als Versuchsperson für ein „terminales Experiment“ zur Verfügung zu stellen, nicht ein.

          Einem der Hauptverantwortlichen für die Ermordung von mehr als hunderttausend „Geisteskranken“ sollte mit einer solchen Selbststilisierung als uneigennütziger Diener des wissenschaftlichen Fortschritts nicht zu einem zweifelhaften Nachruhm verholfen werden. Bereits während der Verhandlung hatte sein Verteidiger immer wieder die Unschuld des Angeklagten betont und darauf verwiesen, dass Ärzte schon früher mit Billigung des Staates Menschenversuche angestellt und dabei das Wohl der Allgemeinheit im Auge gehabt hätten.

          Was ist ein Menschenversuch?

          Lässt sich eine solche Kontinuität in der Medizingeschichte nachweisen? Das ist eine der Fragen, die dieser verdienstvolle Quellenband zu beantworten versucht. Dazu muss zunächst einmal geklärt werden, was man überhaupt unter einem Menschenversuch zu verstehen hat. Die Herausgeber, eine Gruppe junger Kultur- und Wissenschaftshistoriker, unterscheiden in Anlehnung an den Philosophen Hans Jonas Versuche für, an und gegen Menschen. Hinter den sogenannten „therapeutischen Heilversuchen“, von denen sich Beispiele in der Sektion „Schneiden und Heilen“ finden, steht die Annahme, dass diese Experimente (man denke an die erste Herztransplantation) für den Kranken selbst von Nutzen sind.

          Versuche an Menschen sind Forschungsexperimente (zum Beispiel Delgados Versuche mit einem Hirnschrittmacher), die zu Erkenntnissen führen, die später einmal für Menschen, die an einer ähnlichen Krankheit leiden, therapeutisch von Nutzen sein könnten. Diese Unterscheidung findet sich übrigens nicht erst seit der Deklaration von Helsinki (1964), wie die Herausgeber behaupten. Sie ist bereits Bestandteil der „Richtlinien für neuartige Heilbehandlung und für die Vornahme wissenschaftlicher Versuche am Menschen“, die bereits 1931 vom Reichsministerium des Innern erlassen wurden. Eindeutig gegen das Wohl der Versuchsperson gerichtet waren dagegen die todbringenden Experimente, die nicht nur in nationalsozialistischen Konzentrationslagern, sondern zum Beispiel auch in der Mandschurei von der geheimen japanischen „Einheit 731“ durchgeführt wurden.

          Die Natur zum sprechen bringen

          In diesem Band sind Augenzeugenberichte erstmals ins Deutsche übersetzt worden, die beweisen, mit welcher unvorstellbaren Grausamkeit und Menschenverachtung japanische Ärzte Gefangene bei lebendigem Leibe sezierten oder sie mit Pestbazillen infizierten. Im Unterschied zu den Unterkühlungsversuchen im KZ Dachau sind die brutalen Sterilisationsexperimente, die im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück gegen Ende des Krieges unter dem Anschein der „Freiwilligkeit“ durchgeführt wurden, einer größeren Öffentlichkeit kaum bekannt.

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