Home
http://www.faz.net/-gqz-71owt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Menschen, die mit Maschinen stottern Versendet, vertan

 ·  Mit der elektronischen Kommunikation wird plötzlich alles so leicht, doch das Abschiednehmen bleibt tückisch. Wie ein Paar im Strom der Informationshäppchen auseinander treibt.

Artikel Lesermeinungen (0)

Es war Zeit zu gehen, man umarmte sich, es sollte ein ordentlicher Abschied werden, man nahm die Sache entsprechend ernst, bemaß Zeit und Intensität des Aneinanderfesthaltens mit angespannter Konzentration. Dann ging man los, und schon an der Ecke war klar, dass doch besser Worte getauscht worden wären, man schrieb also eine SMS, einsilbig, „schade“ oder etwas ähnlich Lakonisches, nur nicht kitschig werden. Es war ein wichtiger Abschied, man verschwatzt solche Momente besser nicht. Kurz darauf das „Bling!“ im Handy, eine Mail, zwei Absätze, klug geschrieben, anspielungsreich, „was ich alles hätte sagen sollen“, man las es und bog entgegen den Plänen nicht rechts ab, zur U-Bahn, sondern links, in die Straße zum Büro.

Für das Kommende brauchte man einen Rechner, mindestens zwei Absätze war man schuldig, man schrieb schon in Gedanken an der Replik, als es wieder klingelte, eine SMS, „entschuldige, ich lasse dich jetzt“. „Nein, nein“, schrieb man zurück, und weil es harsch geklungen haben musste, noch ein paar Zeilen hinterher, „ich melde mich, gib mir etwas Zeit“. Noch auf dem Weg wurde die Missverständlichkeit des Gesagten klar. „Gib mir Zeit“, wer sprach denn so? Man korrigierte dies mit einer SMS: „Ich meine Zeit bezüglich einer Antwort auf deine letzte Mail.“ Aber es war keine Mail gewesen, sondern eine SMS, und so setzte man nach „ich meinte SMS“. Das nachfolgende, dreimal ertönende „Bling!“ ignorierte man, man würde die Mail im Büro lesen, und das tat man dann auch, drei konzise Texte zu den Ungereimtheiten dieses Abschieds, nun, so konzise auch wieder nicht, es gab da noch einiges geradezurücken.

Die Zweifel bleiben

Man formulierte eine entsprechende Antwort und tauschte unterdessen Kurznachrichten, Updates im Sinne von „schreibe dir gerade per Mail“. „Danke“ kam es zurück und „Keine Eile“, es klang ironisch, man würde gerade auf diese fragwürdige Ironie Bezug nehmen müssen, deshalb schrieb man die Mail um, es war mühsam, eine rhetorische und intellektuelle Herausforderung.

Ein Spaziergang tat gut zwecks Lüftung der Gedanken, man fand sich auf der Straße, mehrere Nachrichten lesend, „ich wollte nicht schnippisch klingen“, hieß es da, natürlich nicht, aber man hatte doch so seine Zweifel, und das schrieb man zurück, knapp, aber deutlich: „Ich hab da so meine Zweifel.“ Die Antwort lautete: „So geht es nicht, das muss aufhören, lass uns Abschied nehmen.“ Das stimmte, und deshalb ging man, „Bis gleich“ sendend, schnurstracks zurück.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Regen in Paris

Von Nils Minkmar

Acht Monate lang durfte Regisseur Patrick Rotman den französischen Präsidenten Hollande begleiten. Entstanden ist ein Film über Regen und Depression. In Frankreichs Kinos scheint er zu floppen. Mehr 1 6