18.07.2006 · Was machen die Gates mit sechzig Milliarden Dollar Stiftungsvermögen? Sie gehen in südafrikanische Townships und setzen voll auf medizinischen Fortschritt. Ihr Mitstreiter gegen Aids, Tuberkulose und Malaria heißt Bill Clinton.
Von Joachim Müller-Jung, KapstadtBill Gates beläßt es oft beim prüfenden Blick. Unaufdringlich wirkt er, fast unterkühlt und etwas teilnahmslos, aber man spürt, daß die Hirnwindungen hinter den Stirnfalten keineswegs ein Sprudelbad nehmen, wenn er schweigt. Schon gar nicht, wenn er wie in diesem Moment das häßliche Gesicht von Armut und Siechtum um sich weiß. Seine Frau ergreift das Wort. Es ist frühmorgens im Khayelitsha Township, die Blechhütte, in der sich Bill und Melinda Gates auf einer wackeligen Holzbank im Sand niedergelassen haben, wird von einer mickrigen Funzel über Melindas Kopf erhellt. Das reichste Paar der Welt an einem der unglücklichsten Orte, die man sich vorstellen kann.
„Was ist geschehen mit Ihrem Bein?“ will Melinda von Nkosebaca, dem einundsechzigjährigen Hausherrn in seinem aus Schrott zusammengeschusterten Rollstuhl wissen. Vor vier Jahren war er ein paar hundert Meter entfernt aus einem fahrenden Zug gestoßen worden. Und als wäre das Unglück dieses mit zwei amputierten Beinen verstümmelten Familienoberhauptes nicht groß genug, hat er seinen neun Kindern, Enkeln und „Freunden“, die mit ihm die sechzehn Quadratmeter unterm heißen Blechdach teilen, auch noch die „schmutzige Krankheit“ gebracht.
Die „schmutzige Krankheit“
Die Tuberkulose (TB) ist die Krankheit der Armen. Alle fünfzehn Sekunden fordert sie ein Menschenleben auf diesem Planeten. Sie ist auch der Grund für den halbstündigen Besuch der Gates in dem südafrikanischen Slum. Denn Khayelitsha ist der Ort mit dem größten Anteil an Tuberkulosekranken weltweit, ein Schmelztiegel menschlichen Leids. Abertausende unter den zwei- oder dreihunderttausend Slumbewohnern sind mit den Bazillen infiziert - von Aids, Malaria, Hepatitis und den vielen anderen in diesem erbärmlichen Biotop grassierenden Krankheiten ganz zu schweigen.
Diese Tristesse wollten Bill und Melinda Gates nicht nur kennenlernen, sondern partout auch eins zu eins erleben. Mehr noch: Sie, die in den Jahren seit Beginn ihrer märchenhaften Microsoft-Erfolgsstory in den achtziger und neunziger Jahren zum Inbegriff einer rücksichtslosen Ellbogengesellschaft, ja zum Emblem des bösen Kapitalismus geworden sind, dieses vom Glück verwöhnte Paar also scheint die Tragik dieser Stätte paradoxerweise fast anzuziehen. Am Tag nach dem ersten Besuch im Township - es ist der Geburtstag Mandelas - werden sie ihre beiden ältesten Kinder, die zehnjährige Jennifer und den siebenjährigen Rory an dieselbe Stelle mitnehmen, diesmal nur begleitet von Mitarbeitern des Desmond-Tutu-TB-Zentrums. Es sei die „Wirklichkeit“, erklärt Melinda später, die ihre Kinder dort zu sehen bekommen, und als wollte er die seriösen Absichten dahinter unterstreichen, spricht ihr Mann programmatisch und weltmännisch vom „Reichtum, den wir nur vorübergehend in Händen halten“.
Keim einer beispiellosen Wohltätigkeitswelle
Wie oft wurde der schwerreiche Amerikaner, dessen Privatvermögen auf mehr als fünfzig Milliarden Dollar geschätzt wird, nach solchen Kommentaren des falschen Altruismus bezichtigt. Als der heute fünfundfünfzigjährige „Samariter“ etwa die Hälfte dieser Summe in die Familienstiftung einzahlte und mit seiner vierzehn Jahre jüngeren Frau Melinda die „Melinda & Bill Gates Foundation“ gründete und ankündigte, die zwanzig gefährlichsten Krankheiten auslöschen zu wollen, argwöhnten viele dahinter clevere Steuertricks. Erst als vor wenigen Wochen der Guru der amerikanischen Investoren, Warren Buffett, dem Ehepaar Gates zusätzliche dreißig Milliarden Dollar anvertraute, dämmerte es vielen Kommentatoren und Kritikern, daß der Gates-Clan zum Keim einer beispiellosen Wohltätigkeitswelle für die Medizin werden könnte.
Dafür sprechen zumindest die Zahlen: Das Stiftungsvermögen der Gates allein ist nicht nur annähernd so groß wie das aller vierzehntausend deutschen Privatstiftungen. Mit der horrenden Summe von mehr als drei Milliarden Dollar übertreffen die Jahresausgaben mittlerweile auch deutlich das Budget der Weltgesundheitsorganisation. In der Tat fragen nun schon manche, ob die Gates-Stiftung nicht vielleicht zu mächtig werden könnte.
„Oh, that's just horrible“
Nach Khayelitsha jedenfalls waren die Gates zum Lernen gekommen. Jedes Jahr gehen sie auf Inspektionsreise, lassen sich wie in der „Site B Clinic“ in Kapstadt die Fortschritte der Arznei- und Impfstoffentwicklung erklären. Und dem prüfenden Blick des ehrgeizigen Medizinautodidakten Bill Gates entgeht nichts, was seine strategischen Weltgesundheitsziele gefährden könnte.
„Oh, that's just horrible“, rutscht es ihm heraus, als man in einer wissenschaftlichen Präsentation im „Institute of Infectious Diseases and Molecular Medicine“ die TB-Impfstoffentwicklung erläutert. Während die anderen im Raum noch rätselten, was so schrecklich an dem mit Zahlen gespickten Venn-Diagramm sein soll, hatte Gates längst erkannt, daß die Graphik die Schwierigkeiten der Mediziner umreißt, den Nutzen einer neuen TB-Vakzine überhaupt erkennen und damit die klinischen Versuche erfolgreich abschließen zu können. Der bekannte Vielleser Gates muß Bücher der Medizin und Immunologie verschlungen haben.
Bill Clinton arbeitet „komplementär“
In Durban dann traf der tiefschürfende Rationalist und zielstrebige Pragmatiker zusammen mit seiner warmherzigen Gattin auf einen Weltverbesserer von ganz anderem Kaliber. Allein die Entourage an Leibwächtern, Beratern und Fernsehcrews um den ehemaligen amerikanischen Präsidenten Bill Clinton machte das Gipfeltreffen der Gönner vor der Containerkulisse des „Carlisle Street Clinic“ zum Ereignis. Eine Handvoll Bauarbeiter am Rande des Parkplatzes jedoch, auf den Bill Clinton mit Polizeieskorte eingefahren wurde, schien die Begegnung des Supermächtigen mit dem Superreichen kaum zu beschäftigen. Als Clinton, nun Repräsentant seiner „Clinton Foundation“, dem Jeep entstieg und mit Herrschergeste den afrikanischen Zaungästen zuwinkte, regte sich nichts. Nur Straßenlärm, kein Jubel, null Applaus.
Statt dessen: Alltag in dem am schlimmsten von der Aidsseuche heimgesuchten Viertel der Millionenstadt. In der Mobilklinik erklären Melinda und die Aidsforscherin Gita Ramjee ihrem Gast Clinton, warum sie ihn gerade hierher, an einen der weltweit wichtigsten Versuchsorte der Mikrobizidgel-Entwicklung, geladen haben. Am nächsten Tag dann ist Bill Clinton dran: Geschlossen läßt er die Gates-Truppe in das eine Stunde entfernte Königreich Lesotho einfliegen. Eine Stiftung beehrt die andere, denn dort ist seine aktiv. Am Eingang des Mafeteng Hospital wird „Mr. President“ von einer Hundertschaft Schaulustiger empfangen. Clinton wird die sechsjährige Arriet in die Arme schließen und den ehrlichen, im Lärm der Begeisterten aber kaum vernehmbaren Dank der Ärzte und Schwestern genießen.
Tatsächlich hat es Clintons Stiftung mit geschickter Diplomatie und Beharrungsvermögen geschafft, die Preise für Aids-Generika auf nur noch 150 Dollar und damit auf ein Zehntel der üblichen jährlichen Arzneikosten für Aidspatienten abzusenken. Die Gates sind begeistert: „Er tut einmalige Dinge, erhellt die Situation“, murmelt der diesmal von Fragen erschlagene Gates höflich in die Mikrophone. Die Clinton Foundation arbeite „komplementär“. „But we are doing macro“, und jeder, der das Gates-Management mit seiner generalstabsmäßigen Organisation und Gutachterpraxis kennengelernt hat, versteht sofort, was gemeint ist: Das letzte philantropische Ziel, „die Gleichbehandlung jedes Lebens“, sieht Gates nur erreicht, wenn ein Impfstoff gegen TB, Aids und Malaria gefunden ist. Und die Mittel, das zu ermöglichen, vermutet er zuerst bei sich selbst.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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