05.02.2009 · Dass Aribert Heim, der meistgesuchte NS-Kriegsverbrecher, noch lebt, glaubten viele. Eine Recherche legt nun dar, dass er 1992 in Kairo verstarb. Er lebte lange in Ägypten und trat zum Islam über. Heim galt als einer der grausamsten KZ-Ärzte. Hunderte Häftlinge ermordete er qualvoll.
Von Michael HanfeldAuf der Liste der weltweit meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher steht Aribert Heim auf Platz eins. Eine Belohnung von 315.000 Euro ist für seine Ergreifung ausgesetzt. Vierundneunzig Jahre wäre er heute alt, vor siebenundvierzig Jahren ist er untergetaucht. Gesucht wird er als „Dr. Tod“, als der Schlächter von Mauthausen, der in seiner Grausamkeit Josef Mengele in nichts nachstand.
Aus purem Sadismus soll er Häftlingen unbeschreibliche Qualen zugefügt haben. Doch blieb er nach dem Zweiten Weltkrieg lange unbehelligt, 1962 entging er seiner Festnahme knapp und tauchte unter. Seither vermuteten ihn die Nazijäger des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Südamerika, im chilenischen Puerto Montt, wo seine uneheliche Tochter lebt. Noch im vergangenen Jahr glaubte der Leiter des Wiesenthal-Zentrums in Tel Aviv, Efraim Zuroff, man werde den einstigen KZ-Arzt „in den nächsten Wochen kriegen“ (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 27. Juli 2008). Folgt man einer Recherche der „New York Times“ und des ZDF, dann hat Zuroff am falschen Ende der Welt und nicht nach einem Phantom, sondern einem Toten gesucht.
Konversion zum Islam
Den Erkenntnissen der Journalistin Souad Mekhennet - die auch als Mitarbeiterin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wirkt - und des stellvertretenden ZDF-Chefredakteurs Elmar Theveßen zufolge, lebte „Dr. Tod“ fast in der Nähe derjenigen, die nie aufgaben, ihn zu suchen - in der ägyptischen Hauptstadt Kairo. Dort soll Aribert Heim am 10. August 1992 an Krebs verstorben sein. In Ägypten soll Heim als Muslim unter dem Namen Tarek Farid Hussein gelebt haben, Anfang der achtziger Jahre war er zum Islam übergetreten, zuvor hatte er unter seinem zweiten Vornamen als Ferdinand Heim in Ägypten gewohnt.
Die Rechercheure stützen ihre Darstellung auf zahlreiche Zeugen und Aktenfunde. Im Interview bestätigt ihnen ein Sohn Heims, dass sein Vater in Kairo gelebt habe, Mitte der siebziger Jahre habe er ihn erstmals besucht und 1990 nach einer Operation gepflegt, 1992 sei Aribert Heim gestorben: „Am Tag nach dem Ende der Olympiade, am 10. August frühmorgens, ist er eingeschlafen.“
Zweifelsfreier Identitätsnachweis
Nach den Aussagen seines Sohnes war Heim über Frankreich, Spanien und Marokko nach Ägypten geflohen. An Geld mangelte es ihm lange nicht, er hatte Einkünfte aus einem Mietshaus in Berlin, die ihm seine Schwester überwies. Bei ihren Recherchen in Kairo fiel den Reportern eine Aktentasche in die Hände mit mehr als hundert Dokumenten, darunter die Kopie eines ägyptischen Passes, Kontoauszüge, persönliche Briefe und medizinische Unterlagen, die Heim bis zu seinem Tod aufbewahrt hatte. Danach lasse sich „zweifelsfrei nachweisen, dass Hussein und der gesuchte Nazi-Verbrecher ein und dieselbe Person sind“.
Die erste Bestätigung auf Heims Identität bekam Souad Mekhennet von einem Hotelportier, der Heim - einen Mann von 1,90 Meter Größe, mit einem unverkennbaren Schmiss auf der Wange - auf einem Foto wiedererkannte. „Ja, das ist Mr. Hussein, da bin ich hundertprozentig sicher, das ist der Deutsche, der zum Islam übergetreten ist“, habe er gesagt.
Beweise in der Aktentasche
„Wir treffen die Söhne des Hotelbesitzers, für die Aribert Heim, der Gast aus dem siebten Stockwerk, offenbar so etwas wie ein Familienmitglied war. ,Ammou Tarek - Onkel Tarek' hätten sie ihn genannt“, berichtet der ZDF-Redakteur Theveßen. Auf der Dachterrasse des Hauses hätten sie Tennis und Squash gespielt. Die ägyptische Familie weiß offenbar nichts von der Vergangenheit ihres Gastes und führt die Reporter zu dem Zimmer, in dem Heim wohnte und in dem - sich die Aktentasche findet. Die Unterschrift unter vielen Dokumenten, sagt Theveßen, stimme augenscheinlich überein mit Heims „Signatur unter dem Operationsbuch von Mauthausen“. Inmitten der Papiere finden die Reporter einen Hotelbeleg mit dem Namen von Heims Sohn Rüdiger, der ihnen später, in Deutschland, alles bestätigt.
Nach einem sogenannten Sühneverfahren, das in Deutschland 1979 gegen Heim angestrengt wurde und ihn wenigstens einiger Geldflüsse beraubte, war der Sohn über die Anklagen gegen seinen Vater im Bilde. „Dann habe ich ihm natürlich diese Frage gestellt, ob er diese Person ist. Und ich kann jetzt nur wiedergeben, was er mir gesagt hat - ich bin kein Staatsanwalt, ich bin kein Richter - er hat das von sich gewiesen.“ Bei einem Arzt, der Aribert Heim behandelte, versichern sich die Reporter der Krankheitsgeschichte, ein befreundeter Zahnarzt und die Witwe eines Geschäftsfreundes bestätigen Heims Tod.
Auf der richtigen Spur
Ob es religöse Gründe waren, dass der KZ-Arzt Anfang der achtziger Jahre zum Islam konvertierte, oder es ihm vor allem um den arabischen Namen ging, um seine Identitä zu verschleiern, sei unklar, sagt Souad Mekhennet. Doch spürte er zu dieser Zeit offenbar den Druck seiner Verfolger. „Die damalige Annäherung von Ägypten und Israel, die Einrichtung einer israelischen Botschaft in Kairo, all das hat Heim offenbar sehr nervös gemacht. Außerdem hat er in einem Viertel der ägyptischen Mittelklasse gelebt und sich ferngehalten von Gegenden, wo er auf Ausländer getroffen wäre“, sagt Souad Mekhennet.
Gesucht wurde nach Heim über all die Jahre vornehmlich in Südamerika, in Spanien wurde er vermutet, doch gab es auch Hinweise auf Kairo. „Ägypten war im Spiel, die deutschen Behörden waren nahe dran: In den siebziger Jahren behauptete eine Quelle, Heim würde als Polizeiarzt in Kairo arbeiten“, berichtet die Rechercheurin Mekhennet. „Soweit wir wissen, wurde dann auch eine Anfrage gestellt: Gibt es bei Euch einen Heim, der als Polizeiarzt arbeitet? Das haben die Ägypter verneint - man kam nicht auf ihn, weil Heim in Kairo eben nicht als Polizeiarzt gearbeitet hat. Es gab schon einige Spuren, die nach Ägypten geführt hätten, nehmen Sie etwa die ganzen Bankdokumente, die wir gefunden haben. Außerdem wissen wir, dass seine verstorbene Schwester und auch sein Sohn ihn dort besucht haben.“ Warum man darauf nicht gekommen sei, können die Rechercheure nicht sagen, diese Frage müssten die Ermittler beantworten.
Ein Sadist sondergleichen
Für die Ermittler des Wiesenthal-Zentrums, aber auch für die Zielfahnder des Landeskriminalamts Baden-Württemberg, die sich Ende 2004 der Suche nach Aribert Heim verschrieben haben, ist das eine gute und schlechte Nachricht zugleich. Denn sie deutet darauf hin, dass einer der schlimmsten Kriegsverbrecher nicht mehr lebt, aber es verstanden hat, sich seiner Festnahme bis zuletzt zu entziehen. Als „Operation Last Chance“ läuft die Fahndung beim Wiesenthal-Zentrum, diese letzte Chance aber hat es offenbar seit sechzehn Jahren nicht mehr gegeben.
Die Verbrechen, die Aribert Heim zur Last gelegt werden, sind in ihrer Bestialität kaum zu beschreiben. 1914 in Bad Radkersburg geboren, trat Heim Mitte der dreißiger Jahre in die NSDAP ein, 1938 in die SS, 1940 wurde er Lagerarzt im KZ Sachsenhausen, ein Jahr später im KZ Buchenwald und schließlich in Mauthausen. Er soll Hunderte Häftlinge, großenteils Juden, auf grausamste Weise ermordet haben, indem er ihnen Benzol, Benzin oder andere Gifte injizierte. Einmal habe er einem Mann bei lebendigem Leib den Bauch aufgeschnitten und die Organe entfernt, „worauf das Opfer unter entsetzlichen Qualen verstorben sei“, heißt es in der Anklageschrift des Sühneverfahrens. Heim häutete Menschen, zweien seiner Opfer soll er die Köpfe abgeschnitten und sie ausgekocht haben, er nannte sie Ausstellungsstücke. „Zu Übungszwecken, aus Langeweile oder Sadismus“ habe Heim gemordet, schreibt der Historiker Ernst Klee. Er bezeichnet Heim in seinem Buch „Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer“ als einen Mann, der „an Sadismus nahezu alle KZ-Ärzte übertrifft“. Für Efraim Zuroff ist Heim schlicht der „Mini-Mengele“.
Umso erstaunlicher, dass es Heim gelang, von den Amerikanern als „Mitläufer“ des NS-Regimes klassifiziert zu werden. Er arbeitete im Bürgerhospital in Friedberg, für den Eishockeyclub von Bad Nauheim schnürte er in der Saison 1947/48 die Schuhe, 1948 heiratete er, Mitte der fünfziger Jahre ließ er sich als Frauenarzt in Baden-Baden nieder. Am 13. September 1962 verschwand er, einen Tag später stand die Polizei vor seiner Tür. Die absolute Gewissheit über das Schicksal des „Dr. Tod“ bleibt auch den Rechercheuren Souad Mekhennet und Elmar Theveßen versagt. Heims letzte Verfügung hatte gelautet, seinen Körper einer Lehreinrichtung für medizinische Zwecke zur Verfügung zu stellen. Das verbietet das islamische Recht. So wurde Heim auf behördliche Anordnung auf einem Armenfriedhof in Kairo beerdigt.