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Veröffentlicht: 29.08.2012, 11:07 Uhr

Meine Krise I Kurz vorm Kannibalismus

Die Lage vieler Griechen ist so verzweifelt, dass ein ungewisses Ende seinen Schrecken längst verloren hat. Sie sehnen sich nach einem Neuanfang und nach einer neuen Moral.

von Yianis Makridakis, Griechenland
© dapd Europa überrenne die Menschen im vergeblichen Wettstreit zwischen Euro und Dollar, schreibt Yianis Makridakis

In den vergangenen Jahren wurde die Mehrheit der griechischen Bürger ärmer, arbeitslos oder obdachlos. Ein beträchtlicher Teil unserer Gesellschaft verfügt nicht mehr über die Mittel, um im bestehenden System überleben zu können. Mit Abstand am schlimmsten trifft es die Menschen in den Städten, die keine Möglichkeit haben, etwas Landwirtschaft zu betreiben.

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Die Kürzungen im Gesundheitssystem treffen vor allem die chronisch Kranken. Sie sind die ersten Opfer einer nur an Zahlen und Statistiken, nicht aber an den Menschen ausgerichteten Politik. Man hört jetzt viel von Selbstmorden. Junge Menschen wandern aus, um Arbeit zu finden, und werden Sklaven des paranoiden Systems; sie kaufen sich Zeit von Ländern, die bald in der gleichen Lage wie Griechenland sein werden.

Es ist kein Jahr her, da stand die griechische Gesellschaft am Rande des Kannibalismus: Soziale und wirtschaftliche Interessengruppen beschuldigten sich gegenseitig - im aussichtslosen Versuch, den Schaden der Krise für sich selbst so gering wie möglich zu halten. Mittlerweile haben die meisten begriffen, dass es für niemanden ein Entkommen gibt, außer für diejenigen, die im Justizwesen oder bei der Steuerprüfung arbeiten. Heute hat der Kannibalismus ein anderes Gesicht, das in Raubüberfällen, Morden, Pogromen gegen Einwanderer und Mordanschlägen auf protestierende Bürger sichtbar wird.

In tiefer Sorge

Die Menschen in Griechenland haben Angst, sie sind aber auch wütend, auf sich selbst und auf alle anderen. Deutsche Politiker bilden da keine Ausnahme, vor allem aufgrund ihrer beispiellosen Heuchelei und ihrer wiederholt vorgetragenen imperialistischen Ansichten.

Es war in der Architektur der EU nie vorgesehen, dass Deutschland eine so dominierende Stellung einnimmt und sich anschickt, andere Länder zu kolonisieren. Griechenland ist zu Europas Versuchskaninchen geworden. Die Demütigung der griechischen Bürger, die Entbehrungen, die uns abverlangt werden mit dem absurden Ziel, in diesem Spiel höhere Wachstumsraten zu erreichen - solch eine Politik widerspricht dem europäischen Ethos. Es ist absolut schädlich. Es ist Wahnsinn.

Der Kollaps der Wirtschaft ist dabei nur das jüngste Symptom einer Krise, die immer schon eine moralische war. Dies zeigte sich in allen wichtigen Bereichen des menschlichen Lebens: in der Kunst und der Kultur, die vom Lifestyle überrannt wurden; in der Erziehung, die auf dem Altar der Spezialisierung geopfert wurde; in der Freiheit, die für Berufe mit fester Bezahlung und Arbeitszeit aufgegeben wurde.

Ich bin in tiefer Sorge um die Zukunft, weil der Kapitalismus alles zerstören wird, um sein Überleben zu verlängern. Er wird die Landwirtschaft zerstören, indem er Solaranlagen installiert. Er wird die Strände durch die unkontrollierte Entwicklung des Tourismus zerstören. Er wird das Meer durch unkontrollierte Ölförderung zerstören.

Respektieren und fördern

Falls sich die Dinge nicht ändern, kommen schwarze Zeiten auf Griechenland zu. Hat Griechenland erst einmal seinen gesamten Besitz und seine natürlichen Ressourcen an internationale Konzerne verkauft, werden die Bürger von der Gnade privaten Kapitals abhängig sein, sie werden für lächerliche Gehälter arbeiten, und sie werden keinen Zugang zum Gesundheitssystem haben. Armut, Korruption, Kriminalität und Prostitution werden zu den klassischen Symptomen dieses Zeitalters des Zerfalls zählen.

Die Griechen sind schon lange erschöpft, und die Mehrheit freut sich auf irgendeine Art von Ende, um von neuem anfangen zu können. Das könnte ein griechischer Bankrott oder der Kollaps der ganzen Eurozone sein. Ich persönlich halte einen baldigen und umfassenden Wandel für notwendig. Ein Wandel hin zu einer sanften und ausgewogenen Wachstumspolitik, die nicht auf höhere wirtschaftliche Wachstumsraten zielt, sondern auf die Erhöhung des Wohlbefindens und der Lebensqualität.

Ich schlage vor, auf eine kleinteilige und dezentrale Infrastruktur, Wirtschaft und Energieversorgung zu setzen, mit Respekt gegenüber der Natur, den Menschen und der Einzigartigkeit eines jeden Ortes. Das Europa, von dem die Menschen träumten, war eines, das die unerschöpflichen besonderen Eigenschaften eines jeden Landes entdeckt, respektiert und fördert, und keines, das sie mit seinem vergeblichen Wettstreit zwischen Euro und Dollar überrennt. Wenn Europa sich kein neues Ziel setzt, gibt es keinen Grund, es zu behalten.

Protokoll und Übersetzung von Andreas Nefzger.

21126553 © Privat Vergrößern Yianis Makridakis, 1971 geboren, lebt auf der griechischen Insel Chios und ist Landeshistoriker, Publizist und Schriftsteller. Bislang veröffentlichte er vier Romane, zuletzt erschien der Titel „Wintersonne“

Glosse

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