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Meine Heimat : Dieses Stück Germany

Supermarkt, Tankstelle, nichts, Neubau, wieder Tankstelle, Autohaus, altes Haus, totale Geisteswüste Bild: Rainer Wohlfahrt

Das Niemandsland zwischen Birkenau und Rimbach ist der scheußlichste Ort der Welt. Wie die Odenwaldhölle junge Menschen zurichtet - und wie ich aus ihr entkommen bin.

          Ich bin auf diesen Odenwald, genauer auf die Gegend zwischen Birkenau und Rimbach, im Alter von sechs Jahren einfach draufgeworfen worden, ohne zu wissen warum und ohne je verstanden zu haben, was wir, meine Familie und ich, eigentlich dort machen. Es war entsetzlich, vom Anfang bis zum Ende, und ich kann also überhaupt nicht behaupten, dass ich eine Heimat habe, und ich kann auch nicht verstehen, wie man in diesem pervers verkleisterten und kopflos verbauten Nachkriegs-, Nachwende- und Attrappendeutschland überhaupt Heimatgefühle entwickeln kann, und das ist mein Ernst.

          Antonia Baum

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Zwischen diesen Häusern stimmt überhaupt nichts, ist alles eine Wand, gegen die man im Kopf den ganzen Tag dagegenrennt. Ich bin in meinen Kleidern zu Hause, in meinen Büchern, in Serien, mit meinen Menschen und zuallererst in meinem Bett, und ich behaupte, dass die Abwesenheit jeder Art von Heimatgefühlen (allein dieses Wort, ich kann nicht anders, ich muss sofort an Trachtenlederhosen, den NSU, Bier und Dummheit denken) damit zu tun hat, dass meine Eltern Kinder von Menschen sind, die wegen des Krieges jede Beziehung, jedes Vertrauen zu einem Ort verloren haben und eben da hingegangen sind, wo sie hingehen konnten oder mussten.

          Und so sind wir aus Berufsgründen, die mein Vater hatte, in dem für den Kopf lebensgefährlichen Odenwald, genauer dem Stück zwischen Birkenau und Rimbach, gelandet, das an Hässlichkeit und Traurigkeit eigentlich nicht zu überbieten ist, wäre es nicht so, dass es in Deutschland viele Orte gibt, die mühelos genauso hässlich und egal sind, wie ebendieses Stück Germany.

          Helmut im Herzen

          Als heranwachsender Mensch war es ein Todesurteil. Es blieb einem nichts übrig, als im Alter von elf Jahren das Rauchen anzufangen, zu kiffen, bis man nichts mehr sah, und zu klauen, um sich irgendwie zu unterhalten. Unterhalten, weil es dort einfach nichts gab, das unterhielt. Ich klaute dann im Supermarkt immer Schminke von L’Oréal, weil die Werbung für diese Schminke so viel besser aussah als der Odenwald, der alleine für sich genommen wirklich wunderschön war, hätten nicht diese kleinen, gedrungenen, eternitvernagelten Häuser und die Neubauten, bei deren Anblick man sofort anfangen musste zu weinen, in ihm herumgestanden.

          Verantwortlich für die Häuser und Neubauten waren schätzungsweise Bauprojektführer, Geschäftsmänner, Architekten, Odenwaldverantwortliche und Familienoberhäupter, deren Köpfe aus unterschiedlichsten Gründen entweder vernagelt oder gleichgültig gegenüber dem Odenwald gewesen sein müssen. Es ist ein Rätsel, warum in dem an sich so schönen Odenwald fast ausnahmslos hässliche Häuser stehen, und wann immer ich dort bin, frage ich mich das aufs Neue: Wie konnte das passieren?

          Heute könnte man dem Odenwald nur helfen, indem man alle Menschen und Häuser aus ihm rausnähme und ihn allein ließe. Das wäre seine einzige Chance. Die Familienoberhäupter waren Männer, die Frauen meistens zu Hause, die Männer schrien die Frauen an, wenn sie selbst versagt hatten, die Frauen ließen sich von ihren Männern anschreien, und beide, Männer wie Frauen, wollten in der Nachbarschaft einen gepflegten Eindruck machen. Es gab dekorative Vasen und Glasfiguren, modische Sitzgarnituren, Helmut-Kohl- Biographien und Mädchen, die Schlampen waren, wenn sie im Alter von fünfzehn Jahren häufiger den Freund wechselten.

          Unterwegs nach Nirgendwo

          Beim Friseur wurde einem mit Sicherheit ein frecher Haarschnitt empfohlen. Es gab eine Straße, die an den Häusern mit den verschlossenen Gesichtern vorbei durch die Ortschaften von Birkenau (Birkenau! Das kann einfach nicht wahr sein!) bis Rimbach und noch weiter führte, und diese Straße war alles, was es gab. An den Seiten: Supermarktfilialen von Supermarktketten, ein Möbelhaus, Tankstellen, nichts, Neubau, wieder Tankstelle, Autohaus, altes Haus, Wüste, die totale Geisteswüste. Es machte und macht mich immer wieder fassungslos, wie wir dort überleben konnten.

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