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Mehr als ein Projekt: Das „Musée de l'Europe“ in Brüssel

10.12.2004 ·  Bislang von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt wurde das „Musée de l'Europe“ entworfen. 2007 - zum fünfzigjährigen Jubiläum der Römischen Verträge - soll es in einem Gebäude beim früheren Luxembourg-Bahnhof in Brüssel einziehen.

Von Michael Jeismann, Brüssel
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Es wird eine zentrale kulturelle Selbstdarstellung der Europäischen Union. Die Kosten belaufen sich auf rund vierzig Millionen Euro, der jährliche Etat auf siebzehn Millionen. Aber wie Rumpelstilzchen scheint es froh gewesen zu sein, daß man seinen Namen bislang nicht kannte - die Stille, in der man das Projekt bisher betrieben hat, war zweifellos ein Akt der politischen Klugheit. Von spärlichen Hinweisen in Nebensätzen abgesehen hat weder die deutschsprachige noch die internationale Presse Notiz genommen, von dem, was seit 1997 geplant wird, obwohl es Internetseiten hierzu gibt.

Das ist um so merkwürdiger, als bedeutende Institutionen aus ganz Europa zumindest beratend an dem Vorhaben beteiligt sind. Es wurde nicht im Verborgenen, aber doch im Innern eines kleinen Kreises entworfen und weiterentwickelt, der über beste Beziehungen und über ein profundes Wissen darüber verfügt, wie man in Brüssel Billigung und Unterstützung für ein Unternehmen erhält, das in zwei oder drei Jahren den Eindruck vieler Hunderttausend Menschen mitprägen wird.

Die verspiegelte Brille der EU

Die Rede ist vom "Musée de l'Europe", das 2007 - zum fünfzigjährigen Jubiläum der Römischen Verträge - in einem Gebäude beim früheren Luxembourg-Bahnhof in Brüssel einziehen soll, unmittelbar vor dem Sitz des Europäischen Parlaments. Rund vierhunderttausend Besucher schauen sich jährlich das EU-Viertel in Brüssel an, das Parlament, die Kommission, die Ländervertretungen. Aber was sie zu sehen bekommen, ist nur eine undurchdringliche Außenansicht.

Es ist ein Hochsicherheits- und Geheimeuropa, in dem die Besucher gerade mal bis zur Garderobe kommen. Man mag sich die Enttäuschung vorstellen, die vor kurzem eine Gruppe Ukrainer aus Kiew überkam, als sie sich das Zentrum jenes demokratischen Europas anschauten, dem sie sich durch die Geschichte, aber noch mehr der Hoffnung wegen zugehörig fühlen. Keine Tür öffnete sich für den Blick zurück und keine für den Blick nach vorn: Die Europäische Union schaut auf sie wie aus einer verspiegelten Brille.

Europa formt sein Erkennungswort

Wie erklären, daß diese Camouflage das eigentliche Prinzip der Europäischen Union war und womöglich sein mußte? Europa ist seit Jahren eine nicht erklärte Revolution, die es geschafft hat, wie selbstverständlich sich zu vollziehen, einfach da zu sein. Die Osterweiterung und die Frage, ob die Türkei eines Tages zu dieser Europäischen Union gehören soll, zwingen Europa zur Offenbarung, zur Selbstbenennung. Der Verfassungsvertrag, aber auch die zeremonielle Übernahme des Oberkommandos über die Sicherheitskräfte in Bosnien sind Silben, mit denen Europa schon sein Erkennungswort formt. Das Musée de l'Europe ist eine weitere Silbe. Wie bei jedem guten Worträtsel kann jede Silbe zu einer neuen Bedeutung des begonnenen Worts führen.

Wer aber hatte den Mut und auch die Möglichkeiten, sich an zentraler Stelle am europäischen Silbenlegen zu beteiligen? Kein Museologe, kein Historiker, sondern ein Mann der Brüsseler Praxis, Benoît Remiche, der in der Europäischen Kommission und als Vorstand der Belgischen Telekom tätig war. Es gelang ihm, Persönlichkeiten mit erheblichem Einfluß für die Sache "Musée de l'Europe" zu gewinnen. Auf der politischen Seite war dies die belgische Staatsministerin Antoinette Spaak, die Tochter des großen Europäers Paul-Henri Spaak, nach dem eines der beiden Gebäude des Europäischen Parlaments benannt ist. Nicht weniger bedeutend ist der ehemalige Vizepräsident der Europäischen Kommission, Karel Van Miert. Mit weiteren Mitstreitern gründeten sie eine Vereinigung, die dem Vorhaben die juristische Form gab.

Ein Komitee, ein Museumsring, ein Beraterkreis

Nach dem Jahr 2000 muß es sehr schnell gegangen sein: Ein wissenschaftlichen Komitee unter Leitung des Historikers und Museologen Krzysztof Pomian wird berufen. Ihm gehören solch ausgewiesene Fachleute wie Marie-Luise von Plessen, der französische Historiker Marc Ferro, der Kunsthistoriker Thomas W. Gaethgens, Elie Barnavie, der ehemalige Direktor des Europäischen Museums in Tel Aviv, an sowie Jan Martens, der Direktor des Mercatorfonds in Belgien, um nur einige zu nennen. Um dieses Projekt hat sich zudem ein Ring von europäischen Museen gebildet vom Deutschen Historischen Museum in Berlin über das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn bis zur Città di Torino und der Maison Jean Monnet in Paris.

Zudem bildete man einen Beraterkreis von Jacques Attali über Ralf Dahrendorf, Wolf Lepenies und Hartmut Kaelble, Charles Maier, Jacques Le Goff, Gérard Mortier, Hermann Schäfer und Hagen Schulze bis zu Jean Starobinski, um nur die zu nennen, die hierzulande bekannt sind. Schließlich wurde ein Ausschuß internationaler Museumsdirektoren gebildet, dem angehört, wer Rang und Namen hat. Finanziell wird das "Museum Europas" unterstützt vom belgischen Staat, von gegenwärtig achtzehn Sponsoren, unter ihnen BASF, von belgischen Stiftungen sowie dem Europäischen Parlament und der Kommission.

Eine ebenso mutige wie richtige Entscheidung

Bei solch einem Aufgebot an politischem Einfluß, an finanziellen Mitteln und historischem wie museologischen Wissen durfte man gespannt sein, als unlängst die fixen Grundzüge und Schwerpunkte des Museums vorgestellt wurden. Der wichtigste Punkt des Vorhabens liegt zunächst darin, daß der europäische Einigungsprozeß ausdrücklich das Thema dieses Museums ist - und nicht irgendwie verschämt auftaucht. Gewiß wird auch von der älteren Geschichte die Rede sein, bis dreitausend Jahre zurück. Entscheidend aber ist der Wille der Museumsinitiative, dieses Europa der Europäischen Union in seiner Entstehung und Entwicklung als Gegenstand der bewahrenden Betrachtung ernstzunehmen und ihm durch das Museum jene Dignität zukommen zu lassen, die es nach und nach tatsächlich erlangt hat.

Das ist eine ebenso mutige wie richtige Entscheidung. Sie wird ergänzt durch die pädagogische Selbstverpflichtung, die Besucher als europäische Staatsbürger anzusprechen. Weder das eine noch das andere richtet sich gegen nationales Selbstverständnis oder nationale Traditionen, sondern macht plausibel, in welcher Weise diese in der Europäischen Union einen neuen Bezugspunkt gefunden haben, der sie eint und auch schützt. Man kann das für Ideologie halten und für eine Wiederholung dessen, was der moderne Nationalstaat in Europa an seinen Anfang gesetzt hat - und sich dann eines Besseren belehren lassen.

Ein sichtbarer Ort europäischer Selbstverständigung

Die Ausstellungsfläche von sechstausend Quadratmetern wird sich in eine zweitausend Quadratmeter große Dauerausstellung mit variablen Plätzen sowie in eine Abteilung mit Wechselausstellungen gliedern. In der permanenten Ausstellung findet der Besucher die Geschichte der Europäischen Union beginnend mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sowie einem "Kartenraum", in dem sich die Strukturierung des europäischen Raums durch die Geschichte verfolgen läßt. Von der Einheit des Christentums über die Religionskriege, von der Aufklärung bis zu den ideologischen Kriegen wird das Prinzip Europa entfaltet und über jene Schwelle geführt, an der diese Gegensätze im Zweiten Weltkrieg ihren Höhepunkt finden, ausbrennen und im Kalten Krieg sich wie Lava über Europa legen.

Welche Objekte wird man zeigen? Es versteht sich, daß das Museum neue Wege gehen muß ebenso wie die Europäische Union selbst keinem der bekannten politischen Handlungseinheiten entspricht. Das Museum wird mediale Ausstellungshalle sein, aber, so darf man zuversichtlich annehmen, auch zeitliche begrenzte Leihgaben aus den großen Museen Europas erhalten. Man darf dies mit Fug und Recht ein neues, ein europäisches Konzept nennen, über dessen Anlage im Detail sicher noch viel diskutiert wird. Daß man saber den kritischen Sinn für die europäische Gegenwart durch den Enthusiasmus des Gelingen nicht verloren hat, zeigt schon das Thema einer Ausstellung über die religiöse Erfahrung in Europa, die die Vereinigung für das Museum Europas ab dem September 2005 in Brüssel zeigen wird. Das Museum, so darf man hoffen, wird zu einem sichtbaren Ort europäischer Selbstverständigung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.12.2004, Nr. 290 / Seite 35
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