28.08.2001 · An diesem Sonntag ging das Erlanger Poetenfest zu Ende, und die Zeitungen halten Rückschau: Ein Fest für Leser und Literaten.
Das Tolle, wenn man Der Welt glauben will, das Tolle am Erlanger Poetenfest liegt einerseits in seiner Trendkraft und andererseits in der Unverblümtheit, zu der sich einige angereiste Autoren wohl immer wieder hinreißen lassen.
Nur in Erlangen, begeistert sich die Zeitung, könne man beispielsweise einen Michael Lentz, frisch gekürter Bachmann-Preisträger, sagen hören, er halte Romanciers grundsätzlich für „humorlose, bierernste Schnarchbacken“. Und gleich noch einen, weil's so schön ist, diesmal von Bodo Kirchhoff, der in diesen Tagen seinen neuen, lang erwarteten Roman „Parlando“ vorstellt: Herr Kirchhoff also sei, wie er selbst erzählt, eigentlich nur zufällig nicht auf die schiefe Bahn geraten, und „eigentlich sei Schreiben ja auch eine schiefe Bahn“.
Trendcheck vor Buchmesse
Ob das Poetenfest jetzt ein Trendbarometer ist, wie man es anderthalb Monate vor der Frankfurter Buchmesse schon ganz gut gebrauchen könnte? Da will sich Die Welt lieber nicht so fest legen. Zwar ruft sie den enttarnten Trend in ihrer Überschrift aus, schiebt ihn aber im Text selbst jemand anderem in die Schuhe, den Veranstaltern. Die „wollen gesehen haben, dass (...) wieder ein neuer Zug zum Gesellschaftlichen ausgebrochen ist“. Und später, fast geflissentlich: „Da könnte sogar was dran sein.“
Testfall für Literaten
Für ein Testgelände hält auch die Neue Zürcher Zeitung das Erlanger Poetenfest - allerdings in umgekehrter Richtung. Wer als Dichter wissen wolle, ob er vom Leser verstanden werde, solle im Sommer nach Erlangen gehen. Zur Halbzeit zwischen Klagenfurt und Frankfurt gelegen, biete das Fest beste Gelegenheit für frisch Verissene, angesichts des interessierten Publikums wieder an sich selbst zu glauben, während mancher Bachmann-Held durchaus ins Grübeln kommen könne.
Aber keine Angst, Michael Lentz, Jenny Erpenbeck und Katrin Askan haben offenbar auch den Ernstfall Publikum überstanden. Auch wenn sie - und mit ihnen die junge Literatur allgemein - zunächst im Schatten großer Namen gestanden haben soll. Neben dem bereits erwähnten Bodo Kirchhoff gaben sich etwa auch Robert Menasse, Uwe Timm und Hans Christoph Buch die Ehre.
Verbesserungen
Ein pralles Programm konstatiert die Neue Zürcher mit einer Mischung aus Anerkennung und Bedenken: Noch weiter dürfe das Programm der vier Tage im August nicht ausgedehnt werden.
Die Süddeutsche Zeitung hat ihre gern gestellte Frage nach der der guten Besserung („Was hat Sie in letzter Zeit zum besseren Menschen gemacht?“) an Michael Lentz gerichtet, und der erzählt von einem Moment auf der Heimreise nach München. Gerade hatte der Kollege Valeri Scherstjanoi das Poetenfest ein „Picknick-Fest“ genannt und sich und Lentz nicht etwa „Kinder von Jandl“, wie die Zeitung in Erlangen befunden hatte, sondern regelrechte „Waghälse“. Da schreit eine Reisende die Schaffnerin an: „Verpiss dich, ich kann dein Gesicht nicht mehr sehen, du Ossi!“ Eine „glückliche Fügung“ nennt Lentz diese Episode, Erinnerung und Gegenwart geraten durcheinander. „So etwas rettet den Tag, die Woche.“
Weiter in Erlangen
Derweil legen die Erlanger Nachrichten nach. Auch nach dem Poetenfest, kündigen sie wacker an, gehe es weiter mit Literatur in der Stadt: Erlangen-Krimis werden in der großen Buchhandlung am Platze präsentiert, Heftiges in Mundart, Biografisches über Goethes Mutter und „Hocherotisches“ von Zeruya Shalev selbst.
Der letzte Satz soll, wie der Titel der 80er Jahre-Band Foyer des Arts gelten: „Erlangen“, singen sie in ihrem Titel gebenden Song, „ist eine Stadt der Kontraste.“