12.10.2001 · Weitere Reaktionen auf die Vergabe des Literatur-Nobelpreises an V.S.Naipaul.
In den Reaktionen auf die Vergabe des Literatur-Nobelpreises an V.S.Naipaul herrscht Übereinstimmung darüber, dass es sich auch um eine politische Preisverleihung handelt.
Naipaul war ein "Mann vieler Kulturen", wie ihn die berliner Tageszeitung "Die Welt" heute morgen bezeichnet. In seinem berühmtesten Roman "Ein Haus für Mister Biswas" schildert der in Trinidad geborene Sohn indischer Vorfahren das Schicksal von Indern in der Karibik. Sein Roman "An der Biegung des großen Flusses" handelt von Afrika. Und ein Großteil seines Oeuvres sind Reiseberichte, die ihn um die halbe Welt; darunter immer wieder nach Indien führten. Naipaul steht also für etwas. Und dieses "Für-etwas-stehen", das zu den rein literarischen Qualitäten eines Autors hinzukommt, ist heute sehr wichtig.
Die Kritiker sind übrigens ähnlicher Meinung, wie etwa Marcel Reich-Ranicki und Michael Naumann kundtaten, die bedauerten, dass nicht ein amerikanischer Autor den Nobelpreis bekam. Das hatten wohl viele gewünscht, "besonders jetzt nach den Anschlägen", wie zu hören war. Aus der "Welt" erfahren wir auch, wie schwer es ist, derzeit überhaupt an Bücher des Schriftstellers heran zu kommen.
Die "Berliner Zeitung" holte ein Statement von Hans Christoph Buch ein. Der weist darauf hin, wie kritisch Naipaul über den Islamismus und die islamische Welt geschrieben habe. Man habe diesem Autor vorgeworfen, englischer als ein Engländer zu sein. Und in der Tat sei Naipaul ein "britischer Gentleman", der sich in der klassischen Tradition Europas von Homer bis in die Gegenwart glänzend auskenne. Naipauls Stil nannte Buch "altmodisch genau". Auch politisch sei er eher konservativ. Nie habe er die Romantisierung der Dritten Welt mitgemacht oder Revolutionserwartungen befördert.
Eher habe er Europa vorgeworfen, seine eigene Kultur zu gering zu achten und zu unkritisch gegenüber fremden Kulturen zu sein. Wie hat Naipaul selbst auf den Preis reagiert? Das entnehmen wir der "Times of India". Er versteht in als als "Tribut an England, mein Zuhause und Indien, das Zuhause meiner Vorfahren". Eine originelle Idee hatte die "BBC". Sie verwies auf einen Text im "Guardian", mit dem Naipaul Anfang des Monats - wohlgemerkt vor den Anschlägen vom 11. September - einen Aufschrei der Empörung auslöste. Naipaul kritisiert darin den Islam dafür, dass er die Menschen versklave. Die Abschaffung des "Selbst" durch die Muslime sei schlimmer gewesen als die Identitätsvernichtung durch die Kolonialzeit, sagte Naipaul. Die Äußerungen kamen hier zu Lande nie an. Was immer man von diesen Äußerungen halten mag. Seit gestern wird man sie nicht mehr überhören.