Im September dieses Jahres verhaftete die französische Polizei zwei Männer, die im Verdacht standen, einen Terroranschlag auf die amerikanische Botschaft in Paris verüben zu wollen. Die Verhafteten sollen auf eine Nachricht gewartet haben, die ihnen über ein Foto im Internet zugestellt werden sollte.
Das FBI prüft seit längerem, inwiefern das Al-Qaida-Netzwerk und andere Terrororganisationen das Internet zur Übermittlung von Nachrichten nutzen. Das berichtet das "Time"-Magazin in seiner neuesten Ausgabe.
Besonders gefürchtet ist die so genannte Steganografie (griechisch für geheime Botschaft). Im Internet sind das Botschaften, die mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen sind: Mini-Texte, die etwa in Bild- und Musikdateien versteckt sind. Ihre Entschlüsselung ist nur mit einer speziellen Software möglich.
Vor einem "e-jihad" warnten Geheimdienste und FBI schon vor dem 11. September 2001. Ende März hatte CIA-Direktor George Tenet in einem Bericht an den Auswärtigen Ausschuss des amerikanischen Senats geschrieben: "In einem immer größeren Maß verwenden Terrorgruppen, darunter die Hizbullah, die Hamas und Bin Ladins Al-Qaida-Netzwerk für ihre Operationen Computerdateien, E-Mail und elektronische Bild-Verschlüsselung" (zitiert nach "USA Today" vom 19. Juni 2001).
Das FBI hat konkrete Beispiele für die elektronische Versiertheit der Terroristen. Einer der Verdächtigen der Bombardierung amerikanischer Botschaften in Ostafrika 1998, Wadih El Hage, schickte verschlüsselte E-Mails unter verschiedenen Namen an Verbindungsleute bei Al-Qaida. Und Ramzif-Yousef, der mutmaßliche Planer des ersten Anschlags auf das World Trade Center 1993, verpackte in verschlüsselten Dateien Details eines Plans für Anschläge auf elf amerikanische Verkehrsflugzeuge.
Ein Terrorist könnte Pläne zur Sprengung eines Kernreaktors auf einer harmlosen Seite verstecken, die zur Adoption von Haustieren einlädt, spekuliert jetzt "Time". Terrorismus-Experten nehmen an, dass die Al-Qaida-Gruppe ihre Nachrichten auf Pornoseiten versteckt. Von denen gibt es unendlich viele, und niemand würde gerade dort die Botschaften einer muslimischen Organisation vermuten.
Als Inspirationsquelle für Terroristen könnte wieder einmal Fiktion gedient haben: Filme wie "Along Came a Spider", in denen Steganografie eine Rolle spielt.
Wie aber können Ermittler die Mini-Botschaften entdecken? "Steg-Analyse" heißt eines der Verfahren. Es ermöglichte 1999 Mathematikern der Nationalen Sicherheitsbehörde in Fort Meade, eine Terrorplan in Jordanien zu vereiteln. Fahnder hatten den Computer des Terroristen, Khalil Deek, in seiner Wohnung gefunden und in Fort Meade sämtliche Dateien analysieren lassen - mit Erfolg.
Doch was ist, wenn die Terroristen sich viel offensichtlicher verschlüsselt ausdrücken, nämlich indem sie auf Web-Seiten über ganz gewöhnliche Symbole dechiffrierte Nachrichten übermitteln? Dann wird es fast unmöglich, den Nachrichtenfluss von Terror-Netzwerken zu stoppen.
Das Internet hat viele Vorteile. Zu denen gehört, dass Information fast nicht mehr durch Zensur zu unterbinden ist. Die Offenheit und Unübersichtlichkeit des Internets können sich aber auch Terror-Netze zunutze machen.
Am Ende wird es ohnehin nicht genügen, die Informationskanäle der Terror-Netzwerke zu unterbrechen. Es wird notwendig sein, die Terroristen auf ganz gewöhnlichem Weg "einzufangen". So wie auch der Krieg gegen den Terrorismus in Afghanistan allem Anschein nach nur auf konventionellem Weg mit Bodentruppen gewonnen werden kann - wenn überhaupt.