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Medienkunst Deutsch werden im Internet

 ·  Kirschlutscher, Topfschlagen und vom Krieg erzählende Großväter sind prägende Erfahrungen von Kindern aus Deutschland. Wer all dies nicht erleben durfte, dem hilft jetzt eine Internetseite: Aus zuvor gesammelten Biographien werden neue, den persönlichen Eckdaten angepaßte Kindheiten errechnet.

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Alle reden über Integration, und keiner tut was. Außer Joanne Moar. Die in Neuseeland geborene Künstlerin hatte ein dringendes Integrationsbedürfnis. Deshalb schuf sie eine Datenbank mit dazugehöriger Website (www.becoming-german.de), auf der man eine deutsche Kindheit sowohl empfangen als auch spenden kann.

Wie das geht? Ganz einfach. Möchte man eine deutsche Kindheit bekommen, wird durch die Eingabe verschiedener persönlicher Daten die passende deutsche Kindheit von einer Datenbank errechnet: Geboren als Mädchen in den siebziger Jahren beispielsweise hat man vermutlich Hanni und Nanni gelesen, die Märchenkassetten mit den Geschichten der fünf Freunde gehört, seinen Kindergeburtstag mit Würstchen-Schnappen gefeiert, für den die Großmutter außerdem eine Sahnetorte gebacken hat. „Life is Life“ war das Lieblingslied in den achtziger Jahren, der Jugend der heute 30jährigen.

Bombensplitter versus Jim Knopf

Doch solche Informationen müssen erst mal gesammelt werden: Dazu ging die Künstlerin auf Wanderschaft quer durch Deutschland. Unzählige Städte hat sie schon abgeklappert auf der Suche nach Erinnerungen. Und sie wurde fündig: 700 individuelle Erinnerungen enthielt ihre Datenbank nach der Reise. Ihr Fazit: Die älteren Generationen haben mehr draußen gespielt, sie mußten noch Phantasie aufbringen. Ein älterer Herr aus Hamburg erzählte ihr, daß er Bombensplitter sammelte, um anschließend Formen darin zu erkennen. Ein Geschäftsmann um die 30 erzählte ihr in Köln ausführlich von seinen Erinnerungen an Jim Knopf. Das sind die Unterschiede.

Auf Wanderschaft ging Joanne Moar mit ihrem mobilen Info-Modul. Das Info-Modul besteht aus einem leichten, ausklappbaren Möbel, zwei Klapphockern und einem Laptop. Jederzeit und an jedem Ort kann sie ihr Möbel zu einem Sekretär-ähnlichen Tisch ausklappen, um gemeinsam mit den Menschen ihre Erinnerungen in der Datenbank zu archivieren. Sie habe, erzählt sie FAZ.NET, einfach in den Innenstädten ihr Info-Mobil aufgeklappt und die Menschen angesprochen. Sobald diese erkannt hätten, daß sie nichts verkaufen wollte, sei die Bereitschaft groß gewesen, Details aus der Kindheit preiszugeben. Als kleines Bonbon für die Mühe bekamen die Menschen einen Lutscher. Genauer gesagt einen Kirschlutscher. So einen, wie es sie damals am Kiosk gab: In einer großen durchsichtigen Dose standen sie über oder unter der Dose mit den sauren Gurken und den Cola-Fläschchen.

„Work in progress“

Die Künstlerin beschreibt ihr Projekt als „work in progress“. Durch jeden, der eine Kindheit spendet, wird die Datenbank erweitert und kann somit den Nichtdeutschen präzisere Daten über deutsche Kindheiten zur Verfügung stellen. Mit ihrer Idee stößt Joanna Moar auf Interesse: Im Winter 2005 hatte die Datenbank bereits 6000 Einträge.

Joanna Moar hat, anders als viele andere Netzkünstler, den Sprung aus dem Internet geschafft. Allein schon ihre Deutschlandreise hat die Medien dazu veranlaßt, über ihr Projekt zu berichten. Sie wurde auch in Nicht-Netzkunstkreisen bekannt.

Durch die Idee mit den Kirschlutschern hat Joanne Moar übrigens ihre eigene gelungene Integration schon bewiesen. Denn die gibt es in Neuseeland nicht.

Mit ihrem Projekt gewann die 34 Jahre alte Künstlerin den Digital Sparks Award 2006. Digital sparks ist ein Wettbewerb studentischer Medienprojekte in den Feldern Medienkunst, Mediengestaltung, Medieninformatik und mediale Architektur.

Die Preisverleihung findet statt am 12. Mai 2006 im Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe anläßlich der Eröffnung der Ausstellung „Kunst Computer Werke“ statt.

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