21.03.2003 · Je mehr Fernsehkanäle man einschaltet, desto deutlicher merkt man, wie wenig wir wissen können. Das Interesse an der sterilen Kriegsberichterstattung, frei von menschlichen Tragödien, schwindet rasch.
Von Michael HanfeldAm zweiten Tag des Krieges im Irak ist CNN so richtig in seinem Element. Soweit die vorrückenden amerikanischen Truppen die "eingebetteten" Reporter tragen, reicht der Vorsprung des Nachrichtensenders aus Atlanta. Der Krieg, das ist jetzt ein Videospiel in Echtzeit.
"Ich sehe einen gigantischen Vormarsch von Stahl durch die irakische Wüste", sagt der Reporter Walter Rodgers, der auf einem der dahinrasenden Panzer hockt. Der Anchorman Jim Clancy, der für CNN die Berichterstattung aus Kuweit koordiniert, hat ihn zu diesem martialischen Satz herausgefordert: Der irakische Informationsminister habe in einer Pressekonferenz gerade behauptet, diese Bilder seien genauso wenig echt wie - und nun fügt Clancy einen eigenen Vergleich hinzu - die Bilder von der Mondlandung in den Augen mancher Verschwörungsphantasten. "Ich werfe meine ganze Integrität als Berichterstatter gegen diejenige des irakischen Regimes in die Waagschale", retourniert der Reporter auf dem Panzer. "Diese Bilder sind echt."
Dabei sein, aber ohne Überblick
Die echten Bilder vom echten Krieg laufen noch ein wenig weiter, auch wenn der Konvoi plötzlich zum Stehen gekommen ist. Es scheint Widerstand zu geben. Die Kamera schwenkt von einem Fahrzeug zum anderen. Vor einem Panzer ist plötzlich ein Feuerball zu sehen - da bricht die Übertragung ab, es geht weiter mit der Erklärung des britischen Premierministers Tony Blair im Unterhaus. Es vergeht einige Zeit, bis wieder zur 3. bis 7. Kavallerie-Division geschaltet wird, mit der Walter Rodgers unterwegs ist, nun sind kapitulierende Iraker zu sehen, die sich amerikanischen Soldaten ergeben.
So sind die Journalisten, deren Aufnahmen von vielen anderen Sendern übernommen und neu kommentiert werden, dabei und doch nicht in der Lage, einen Überblick zu geben. Wie sollten sie auch? Sie haben dieselbe Perspektive wie diejenigen, mit denen sie unterwegs sind. Was sich mitteilt ist, daß die einzelnen Soldaten selbst nicht überschauen können, was sich insgesamt ereignet.
Es fehlt die menschliche Tragödie
Die Unsicherheit überträgt sich auf den Betrachter, es setzt sich jener "human touch" fort, den wir auf allen Kanälen und in vielen Magazinen geboten bekommen, der aber regelmäßig endet, wenn es nicht nur um "touch", sondern um die menschliche Tragödie geht, die der Krieg bedeutet. Genau das unterscheidet die Berichte, die wir heute sehen von jenen, mit denen die großen Kriegsberichterstatter berühmt geworden sind.
Es fehlt, was der Journalist Michael Herr in seinem Vietnam-Buch "Dispatches" das "nachwirkende Bild" des Krieges genannt hat: "Ein bluttriefendes, lachendes Totengesicht; es versteckte sich in den Zeitungen und Illustrierten und hielt sich auf den Fernsehschirmen noch Stunden, nachdem der Apparat ausgeschaltet worden war; ein Nach-Bild, das dir einfach endlich sagen wollte, was irgendwie nicht gesagt worden war."
Sie verdienen, was sie kriegen
Von solchem Erkenntnisinteresse sind die Berichterstatter derzeit, wenn sie von den "Front Lines" berichten - noch - weit entfern. Stattdessen hören wir GIs, die davon sprechen, daß es "eine ganz schön lange Fahrt war", es "sehr hart werden kann" oder die einfach "mächtig aufgeregt sind, endlich im Irak zu sein" und die Rechnung für den 11. September zu begleichen: "Sie verdienen, was sie jetzt bekommen", sagt einer, den der Reporter immerhin darauf hingewiesen hat, daß nicht alle der Überzeugung seien, daß die, die man nun angreift, auch diejenigen seien, die für den 11. September verantwortlich sind. "Unglaublich Bilder sind das," schwärmt derweil Jim Clancy: "Eine Welle von Stahl."
Während CNN also bekommt, was der Sender will und wonach es seine Zuschauschaft an der Heimatfront vielleicht verlangt, müssen die hiesigen Sender erkenne, daß sie mit ihrer Sonderberichterstattung bereits am zweiten Tag gut haushalten müssen. Den ganzen Tag oder auch nur den ganzen Abend bis in die Nacht will sich nämlich offenbar nur eine recht kleine Info-Elite allein diesem Thema widmen.
Großes erstes Interesse
Nimmt man die vier großen Sender - ARD, ZDF, RTL, und Sat.1 - zusammen, dann haben rund 1,2 bis 1,5 Millionen Zuschauer bis tief in die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag mitverfolgt, wie der Angriff auf den Irak begann. Am Abend des Mittwoch war das Interesse an der Information noch ausgesprochen groß, wie die 6,51 Millionen Zuschauer für den "Brennpunkt" der ARD und die 5,69 Millionen Zuseher des "ZDF-Spezials" belegen.
In den Minuten, in denen der Krieg begann, hatte die meisten (dreihundertachtzigtausend) RTL eingeschaltet, gefolgt vom ZDF (210.000), 190.000 Zuschauer sahen bei ARD ein paar entscheidende Minuten lang "Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands", Pro Sieben (130.000) und Sat.1 (100.000) verlegten sich erst später auf die Aktualität. Am Abend darauf aber zogen schon wieder die Autobahnpolizisten von "Alarm für Cobra 11" die meisten Zuschauer zur Hauptsenderzeit in ihren Bann, das "ZDF-Spezial" kam um halb acht auf gut vier Millionen Zuschauer, um 21.10 Uhr auf 3,54 Millionen, der ARD-"Brennpunkt" lag derweil um 20.15 Uhr bei 4,39 Millionen.
Des Guten zuviel an schlechten Nachrichten
Was zum einen das Dilemma von ARD und ZDF illustriert, die zwar wie kein anderer ihr komplettes Programm umstellen und sich auf ihr großes Korrespondentennetz verlassen können, aber sich im zweiten Atemzug bereits fragen müssen, wann es mit den schlechten Nachrichten doch zuviel des Guten ist. Zum anderen erweist sich relativ schnell, daß wir nur wenig sehen, aber noch weniger wissen, wie ein ums andere Mal von der Reportern und den Moderatoren betont wurde. Arnim Stauth zum Beispiel, der für die ARD aus Kuweit berichtet, war ungemein vorsichtig, als es um die gemeldeten Abschüsse von Scud-Raketen auf Kuweit-City ging. Sein Kollege Halim Hosny zeigte sich von diesen Berichten weit mehr beeindruckt, bei Christoph Sagurna auf RTL stand eher die von der Nachricht ausgelöste Panik im Vordergrund. Je mehr Kanäle man einschaltet, desto deutlicher merkt man, wie wenig wir wissen können.
Geglücktes Experiment
Als relativ geglückt darf man dabei das Experiment des ZDF bezeichnen, aus den beiden Sendungen von Maybrit Illner und Johannes B. Kerner eine zu machen. Man durfte ja durchaus befürchten, daß dies ein Schulbeispiel für "Info" und "Tainment" anhand zweier Personen sei, die für die zwei Seiten der Fernsehmedaille stehen. Doch war es nicht so, vor allem wohl, weil Kerner bemüht war, sich seinem klassisch geschnittenen Anzug entsprechend als Moderator zu verhalten. So blieb in dieser Sendung - die man in einige Gruppen- und Einzelgespräche aufgeteilt hatte - das Amt der Polarisierung den Gästen überlassen.
Alice Schwarzer tat es, indem sie vortrug, daß erst die Haltung der Bundesregierung den französischen und den russischen Präsidenten zur Einsicht gebracht habe. Dem in Köln lebenden, im Irak geborenen Schriftsteller Hussein Al-Mozany versuchte sie obendrein auszureden, daß es für die Menschen in seinem Heimatland das Richtige sei, von einem Despoten wie Saddam Hussein mit Gewalt befreit zu werden. Das wirkte ziemlich hochmütig, zumal Al-Mozany darauf hinwies, daß den Irakern seit den Embargo-Jahren nichts als ein qualvoller Tod auf Raten beschieden ist. Dafür bewies Ulrich Kienzle mit seinem skeptischen, klugen Ausblick auf die Entwicklung dieses Krieges und die Zeit danach, daß er der viel bessere Scholl-Latour ist.
Ich bin das Lagerfeuer
Wenn heute abend Thomas Gottschalk in Luzern doch fürs ZDF zu "Wetten, dass ..?" bittet, wenn auch ohne Bill Clinton, ist das also eine folgerichtige Entscheidung. Er sei "das letzte Lagerfeuer" der Deutschen, formulierte Gottschalk etwas ungelenkt. Im alten Europa, wo sich an der neuen Weltpolitik Amerikas so heftige Kritik entzündet, müssen die Lichter schließlich nicht ausgehen. Die "Bilder danach" vom Kriege, von denen der Kriegsreporter Michael Herr gesprochen hat, werden freilich auch diesen Abend überdauern.