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Zweiteiler im Ersten : Rosamunde Pilcher lässt grüßen

  • -Aktualisiert am

Nicht zu fassen: Die Psychologin Leslie (Marie Bäumer) arbeitet Vergangenheit auf Bild: ARD Degeto/Teamworx/A. Peebles

Ist das Zwangs-Pilcherisieren jetzt auch im Ersten angekommen? Die ARD beginnt das Jahr mit dem Zweiteiler „Charlotte Link - Das andere Kind“.

          Wer einen der Bestseller von Charlotte Link zur Hand nimmt, bekommt genau das, wofür die anglophile deutsche Autorin seit Jahren steht. Historisch verwickelte Krimis in englischer Landschaft, grundiert mit schicksalhaft erlittenen oder schuldhaft verursachten Familientragödien, denen sich auch der in der Vergangenheit grabende Held (oder die Heldin) nicht entziehen kann. Böse Menschen haben einst böse Taten verübt, deren Folgen bis in die Gegenwart reichen.

          Charakterliche Mängel führten in Abgründe, aus denen die Gegenwärtigen, Tort auf Tort entwirrend, sich mühsam herausaufklären müssen, um Glück und Frieden zu finden. Die Bücher, nicht unter fünfhundert Seiten, klassische Schmöker, lesen sich weg wie nichts, bleiben dafür aber kaum in Erinnerung. Zu beliebig die Charaktere, die Verwicklungen, die vernebelte Landschaft. Zugeklappt, vergessen. Das hindert das Fernsehen selbstverständlich nicht daran, Charlotte Links Romane mit schöner Regelmäßigkeit auf den Schirm zu bringen.

          Ein langweiliges Nest

          Wer in der neuesten Verfilmung, „Das andere Kind“, einer Teamworx-Produktion, die noch vom vorvormaligen Degeto-Geschäftsführer Hans-Wolfgang Jurgan mitverantwortet wurde, das Zwangs-Pilcherisieren, welches das ZDF mit Unterhaltungsstoffen unternimmt, endgültig auch im ersten Programm angekommen sieht, könnte man der böswilligen Häme zeihen. Denn von der „Rosamunde Pilcher“-Reihe, die im Zweiten in der gefühlt zehntausendsten Folge läuft, ist „Das andere Kind“ doch einiges entfernt.

          Erstens spielt die Geschichte, in der Marie Bäumer mit Leslie Cramer eine Art Superwoman (schön, oberklug, angesehene Kinderpsychologin) gibt, die sich gerade entschlossen hat, ihrem untreuen Gatten Stephen (Matthew Marsh) den Laufpass zu geben, im wenig beschaulichen nordenglischen Scarborough, in Yorkshire, und nicht im viel schöneren Cornwall oder wesentlich wildromantischeren Schottland. Mehrfach wird Scarborough nicht nur im Regen gezeigt, sondern auch noch als langweiliges Nest bezeichnet! Das dürfte das britische Fremdenverkehrsamt kaum freuen, auch wenn die See, an der das Städtchen liegt, ab und an eine pittoreske Kulisse hergibt.

          Zweitens tauchen hier richtig Böse auf, leicht zu erkennen am irren Starren oder Augenrollen (man schaue besonders auf die „Mimik“ Clemens Schicks, eines ansonsten beachtenswerten Schauspielers), und nicht nur die Pilcher-üblichen süffisant lächelnden Intrigant(inn)en. Deswegen gibt es auch Tote und nicht nur von der Liebe Enttäuschte (obwohl man im Pilcher-Universum sagen könnte, dass das ja irgendwie auf dasselbe hinausläuft).

          Tiefgreifende Vergangenheitsbewältigung

          Drittens aber schlägt das Schicksal hier noch viel pilcherhafter zu als bei Pilcher selbst. Alles Unglück, alle Liebesunfähigkeit und Glücksverhinderung der Nachgeborenen lassen sich nämlich darauf zurückführen, dass einst, im Zweiten Weltkrieg und zu Zeiten der britischen Kinderlandverschickung, die kleine Fiona Barnes (Chloe Jayne Wilkinson) sich in den Erben der Beckett-Farm, Chad (Tom Weston), verliebte und sie kein Auge und kein Ohr hatte für einen traumatisierten Waisenjungen namens Brian (Cliff Burnett), der dadurch ein furchtbares Schicksal erleiden musste. Das Bewusstsein ihrer Schuld hindert noch die alt gewordenen Fiona (Hannelore Hoger) und Chad (Richard Johnson) an ihrem Liebesglück.

          Viertens geht es, obwohl alles gut ausgeht, zum Teil doch wesentlich schlechter aus, als bei Pilcher üblich (immerhin zwei Morde). Fünftens wird die rüpelhafte, bissige und beleidigende Fiona Bennett am Ende des ersten Teils umgebracht, womit der einzige Anreiz, diesen Zweiteiler weiter zu gucken, verschwindet.

          Und sechstens würde die Gute, jene Leslie, bei Pilcher niemals sofort mit Dave (Fritz Karl) dem Verlobten in spe ihrer bedauernswert hässlichen, aber reichen Freundin Gwen (Bronagh Gallagher, die wir gar nicht so unattraktiv finden wie hier andauernd behauptet), ins Bett springen. Ach ja, und ein Polizistenpärchen, das irgendwie dauernd in Sackgassen hinein ermittelt, gibt es auch noch, daneben einen schnaufenden Anrufer, Kinder, die von einem „Monster“ auf einer verlassenen Farm nahe den Becketts überfallen werden (zufällig ist Leslie Spezialistin für Traumatisierungen bei Kindern) - und vieles mehr, was zufriedenstellend und ohne jeglichen Restüberhang aufgedröselt wird.

          Dass am Ende beinahe jedes Detail und jede historische Verwerfung miteinander zusammenhängen, und alles, aber auch alles auf die Sühneaufgabe der tapferen Leslie zuläuft - das ist dann allerdings noch oberpilcheriger, als wir es aus den Pilcher-Filmen gewohnt sind.

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