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Zweite Staffel „Downton Abbey“ : Wenn du mir amerikanisch kommst, gehe ich nach unten

  • -Aktualisiert am

Kriegseinbruch in „Downtown Abbey“ Bild: Carnival Film/Sky TV

Die perfekte DVD-Box für den Herbst: Die englische Serie „Downton Abbey“ geht in die zweite Runde - mit mehr Tragik, mehr Gefühl und mehr flotten Sprüchen.

          In der zweiten Staffel von „Downton Abbey“ wird zur Gewissheit, was in der ersten nur Vermutung war: Eigentlich hat Julian Fellowes die ganze glorreiche Serie um das englische Landschloss und seine Bewohner, die adeligen Crawleys und ihre Dienerschaft, einzig und allein für Maggie Smith geschrieben. Als Herzoginmutter präsidiert sie nicht nur altersmäßig über die ganze verwirrte Sippe, sondern jede ihrer Bemerkungen hat die Wirkung eines nonchalant fallengelassenen Bömbchens, dessen Detonationen weit über die jeweilige Situation hinausreichen. Wann immer sie den Mund auftut, stellt sie alle anderen an Witz und Geistesgegenwart in den Schatten. Violet Crawley, aufgeschlossener und lebensklüger, als die Familie es dem Schlachtross „Granny“ zugesteht, und dabei beharrlich wie eine runzelige Schildkröte im Verfolgen ihres Zieles, nämlich des Wiederherstellens der guten alten Ordnung, ist die verblüffend subversive Kraft der Serie. Und die hat „Downton Abbey“ nötiger denn je.

          Was im ersten Teil die gesunkene „Titanic“ war, sind nun die Schützengräben an der Somme. In einer hübschen Parallelführung zur ersten Staffel bittet Julian Fellowes zum Auftakt abermals an die Frühstückstafel der Crawleys, wo die bösen Nachrichten von gefallenen Verwandten und Bekannten eingehen. In Tränen aufgelöst, benennt Sybil (Jessica Brown-Findlay), die jüngste der drei Töchter des Herzogs, das Dilemma: „Jeder Mann, mit dem ich je getanzt habe, scheint tot zu sein!“ Da darf man, was Standesunterschiede angeht, nicht mehr so etepetete sein - eine Lektion, die sich Sybil, die sich nun zur Krankenschwester ausbilden lässt, mit Überzeugung zu eigen machen wird. Edith (Laura Carmichael), die mittlere Schwester, lernt stattdessen Autofahren; als sie sich anschickt, den Traktor des Farmers zu bedienen, quittiert die Großmutter das in Anspielung auf Kenneth Grahames soeben erschienenen Klassiker „Wind in den Weiden“ mit der Bemerkung: „You are a lady, my dear, and not Toad of Toad Hall!“

          Ein Wink in Richtung „News of the World“

          Die Liebe in Zeiten des alle früheren Gewiss- und Gewohnheiten hinwegfegenden Ersten Weltkrieges ist das Hauptthema der acht knapp einstündigen Folgen, vor allem die zwischen Mary (Michelle Dockery), der ältesten Tochter des Hauses, und ihrem Cousin Matthew (Dan Stevens), dem designierten Erben von Downton Abbey. Nachdem sich das ideale Paar schon im ersten Teil geradezu Jane-Austen-haft umkreist hatte, ohne sich zu kriegen, setzt sich das unglückliche Timing nun ins Tragische fort. Matthew verlobt sich bei einem kurzen Heimurlaub von der Front mit einer unbedarften und nicht übermäßig vornehmen Londonerin; im Gegenzug entschließt sich Mary, den Heiratsantrag des gleichfalls nicht sehr arrivierten, aber dafür reichen Zeitungsmagnaten Richard Carlisle anzunehmen. Überhaupt: Boulevardzeitungen spielen keine geringe Rolle; ganz offensichtlich ein Wink von Fellowes an den Skandal um „News of the World“.

          Vor dem Hintergrund des Krieges mit seinen endlosen Verwundeten und Toten, der im gemeinsamen Kampf, Bangen und Leiden alle gesellschaftlichen Schranken niederreißt, nehmen die Liebschaften auch im Reich der Dienerschaft manche dramatische Wendung. Während praktisch alle jungen Männer und damit auch sämtliche Lakaien zum Militär abberufen sind, schlägt sich der alte Butler Carson (Jim Carter) mit der Frage herum, wer nun der Herrschaft ordnungsgemäß das Essen servieren darf.

          Die verlässlich steife Oberlippe

          Da der verzweifelte Versuch, den großen Haushalt so perfekt wie bisher weiterzuführen, rasch zum Scheitern verurteilt ist, ist es fast eine Erleichterung, als der zu seiner Scham daheimgebliebene Herzog von Grantham, dessen Rolle Hugh Bonneville auch körperlich mit wachsender Gravitas ausfüllt, sich bereit erklärt, die Gesellschaftsräume zum Lazarett umzufunktionieren. Für die Serie bedeutet das nicht zuletzt, dass plötzlich doch viele neue Männer ins Haus kommen - und mit ihnen die ein oder andere Entwicklung, die die Grenzen der Plausibilität so arg strapaziert, als habe nicht nur Isabel Colegates Klassiker „The Shooting Party“ Julian Fellowes beim Drehbuch inspiriert, sondern auch Rosamunde Pilcher. So steckt wohl auch eine Portion Selbstironie in jenem Satz, mit dem die Großmutter ihre Enkelin bedenkt, als diese verkündet, mit dem Chauffeur durchbrennen zu wollen: „So etwas ist ja in Romanen ganz nett, aber in der Wirklichkeit doch eher unbequem.“ Und der Herzog zeigt angesichts eines Anflugs von Gefühlsduselei bei seiner Frau (Elizabeth McGovern) die verlässlich steife Oberlippe: „Wenn du mir jetzt amerikanisch kommst, gehe ich nach unten.“

          Der historischen Ernsthaftigkeit und dem nostalgischen Tiefgang tut die gesteigerte Unterhaltsamkeit keinen Abbruch, auch wenn in Großbritannien nach dem überwältigenden Erfolg der ersten Staffel diesmal mehr kritische Stimmen laut wurden, die Einschaltquoten indes mit durchschnittlich 11,5 Millionen Zuschauern pro Folge einen neuen Rekord erreichten. Während die Briten nun auf ein Happy End für Mary und Matthew im angekündigten „Christmas Special“ hoffen, bevor die Serie im September 2012 in die dritte Runde geht, wird Sky bei uns die zweite Staffel voraussichtlich im Frühjahr ausstrahlen.

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