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Zwei Dokus zu Schäubles Siebzigstem Politik als Sucht und Segen

 ·  Wolfgang Schäuble war Minister bei Kohl und ist es bei Merkel. Er überlebte ein Attentat. Bundeskanzler und Bundespräsident wurde er nicht. Das schmälert seine Bedeutung keineswegs, wie nun zwei Filme zu seinem siebzigsten Geburtstag bezeugen.

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© Julia Zimmermann Nach eigenem Bekunden geht es ihm so gut wie lange nicht mehr: Wolfgang Schäuble im Sommer 2011

Jüngst waren Wolfgang Schäuble und Angela Merkel zusammen im Kino. Sie sahen „Ziemlich beste Freunde“. Im Porträtfilm „Es ist, wie es ist“, den der Parlamentskanal Phoenix am Montag, dem 17. September, sendet, dem Vorabend von Schäubles siebzigstem Geburtstag, erzählt der Jubilar sichtlich vergnügt, was sich abspielte, bevor das Licht im Saal erlosch:

„Das Allerschönste an der Geschichte war: Da kam einer her, weil er den Rollstuhl erkannt hatte, und sagte: ,Ach, Herr Schäuble, ich wollte Ihnen mal sagen, Sie machen das ganz toll.’ Und dieser junge Mann, da bin ich mir ganz sicher, hat nicht gesehen, dass die Bundeskanzlerin daneben stand. Sonst hätte er bestimmt gesagt: ,Mensch! Sie hier - noch toller.’“

Nun wäre Schäuble nicht Schäuble, wenn er die Anekdote einfach so stehen ließe. Beide, die Kanzlerin und er, lautet seine Interpretation, hätten sich über den Vorfall „so amüsiert, weil man da sieht, dass Menschen oft, wenn sie mit etwas nicht rechnen, in ihrer Wahrnehmung sehr eingeschränkt sind“.

Zigaretten im Handschuhfach

Mit Schäuble im Rollstuhl, heißt das, rechnet in diesem Land jederzeit jeder, mit Frau Merkel in der Behindertenkomödie „Ziemlich beste Freunde“ aber niemand. An der Deutung ist nichts auszusetzen. Ungedeutet hat die Anekdote zwar die weitaus bessere Pointe, die aber erscheint ihrem Erzähler dann doch etwas zu brisant.

Seit dreiundvierzig Jahren sind Wolfgang und Ingeborg Schäuble, geborene Hensle, nun verheiratet. Gleich zu Beginn des Film erzählt Frau Schäuble von den Anfängen des Paars in der Mitte der Sechziger. „Es gibt eine Szene“, sagt sie, „über die wir immer noch lachen. Meinem Mann war schnell klar, dass er mich heiraten wollte. Schon nach dem ersten Treffen hat er mir das gesagt. Nun starteten wir unseren ersten Ausflug mit seinem VW. Da er wusste, dass ich rauche, aber nicht wusste, welche Marke, war er so geschickt, dass er die bekanntesten Zigarettensorten in seinem Handschuhfach hatte, und als ich eine Zigarette wollte, konnte er mir alles anbieten.“

Geboten hat er ihr dann, was sie eigentlich gar nicht wollte - jenes Dauerleben mit der Politik, das er von 1972 an im Bonner Parlament, in Helmut Kohls Kanzleramt und Kabinett, als CDU-Vorsitzender, im Berliner Reichstag sowie als Angela Merkels Innen- und Finanzminister führte und führt. Vier Kinder hat sie derweil im badischen Gengenbach großgezogen und nicht selten darüber Klage geführt, dass selbst seine Wochenenden oft weniger der Familie, dafür mehr dem Offenburger Wahlkreis gehörten. Zum mittlerweile zwölften Mal vertritt er ihn als direkt gewählter Abgeordneter, auch 2013 wird er - „wenn ihr wollt, bin ich noch mal bereit“ - wieder antreten.

Kanzlerin verweigert Zeignisvergabe

Mehr gewollt und benötigt als gegenwärtig kann Wolfgang Schäuble kaum sein. Auch die Kanzlerin konstatiert das. Sie gibt dem zweiten Geburtstagsfilm die Ehre, den der Südwestrundfunk produziert hat - öffentliche-rechtliche Sender treten mit unseren Gebühren gern gegeneinander an. „Merkels Bester“ heißt diese halbstündige Dokumentation von Thomas Hoeth und Rainer Kamm. Naturgemäß weist die Kanzlerin den Filmtitel zurück, es gehe, sagt sie, hier nicht um „Zeugnisvergabe“.

Aber was sie ansonsten über jenen Mann äußert, den sie 2004 als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten erst befürwortete und dann fallenließ, klingt so vernünftig wie nobel: „Sehr eigenständig“ sei er und von „entscheidender Bedeutung“, sein „historisches Wissen“ sei enorm, sein „knapper Humor“ schätzenswert - ob der „vielen Visionen“ habe er überdies den „Preis in Aachen“ mehr als verdient.

Erst gemeinsam im Kino, dann, im Mai, der Internationale Karlspreis, über den sich Schäuble nach eigenem Bekunden auch deshalb besonders gefreut hat, weil ihn sonst signifikant häufig Regierungschefs und Staatsoberhäupter erhalten: Aktuell sieht es so schlecht nicht aus.

Zumal Schäuble, der SWR-Film bezeugt es, in weiten Kreisen der Bevölkerung als „Euro-Retter“ gilt und Martin Walser ihn gerade diesbezüglich auch den „Garanten meines Vertrauens“ nennt. Ob innere Wahrheit, äußere Wirkung oder, am besten, beides zusammen: Wer kann das in diesen Zeiten schon genau wissen? Hauptsache, es hilft weiter.

Eine Viertelstunde kürzer als der Phoenix-Konkurrent, muss die SWR-Dokumentation die Höhen und Tiefen der nun gut fünfzig Jahre währenden politischen Laufbahn - 1961 trat Schäuble der Jungen Union bei - zwangsläufig im Sauseschritt präsentieren. Zeit bleibt immerhin, um die überparteiliche Anerkennung zu illustrieren, die Schäuble inzwischen genießt.

Das Beste an „Merkels Bestem“

Für den SPD-Europapolitiker Martin Schulz ist der deutsche Finanzminister „eine der Schlüsselfiguren“ im aktuellen Krisengeschehen, Gregor Gysi von der Linkspartei weiß Trost für die nie erreichte Kanzlerschaft: Selbst wenn Helmut Kohl den Weg frei gemacht hätte, wäre Schäuble nicht gewählt worden, denn, so Gysi, „er ist zu intelligent, und das ist den Leuten unheimlich“.

Das Beste an „Merkels Bestem“ aber sind die kurzen Szenen über die frühen Jahre - Familienfotos und Herkunftsbilder aus der Nachkriegsepoche des süddeutschen Bürgertums. Auch ehemalige Mitschüler treten auf, bezeugen etwa die beängstigende Mathe-Begabung des Gymnasiasten, jedoch auch dessen fortwährende Anhänglichkeit - bis heute organisiert er die Klassentreffen.

Markus Feldenkirchen, Redakteur im Berliner Büro des „Spiegel“, ist der Autor des Porträts bei Phoenix. Anders als die Kollegen des SWR hält er sich mit subjektiven Zugängen nicht zurück, gern mit ins Bild rückt er auch bei den Interviews, die er mit Schäuble selbst, mit dessen jüngerem Bruder Thomas, mit dem Freund Hans-Peter Repnik oder den politischen Weggefährten Theo Waigel, Edmund Stoiber und Friedrich Merz führt.

Ohne Eitelkeitsmomente geht das nicht ab - es ist schlicht belanglos, ob der Dokumentarist den fast dreieinhalb Jahrzehnte älteren Politiker gern in der eigenen Verwandtschaft hätte oder nicht. Im Ganzen jedoch beflügelt der subjektive Ton durchaus das sachliche und mit einleuchtendem Archivmaterial illustrierte Nachzeichnen von Schäubles singulärem Werdegang.

Zur Abwechslung mal Kandidat

Politik als Beruf: Auf wohl keinen anderen Parlamentarier seiner Generation trifft das so emphatisch zu wie auf Wolfgang Schäuble. Dass er auf das Rednerpult des Bundestags, das Aktenwälzen und Strippenziehen in Ausschüssen, das Entscheiden in der Fraktion oder später in Helmut Kohls und Angela Merkels Kabinetten im Grunde von allem Anfang an süchtig war, belegt allein der Umstand, dass er seiner resistenten Frau 1972 offenbar erfolgreich plausibel machen konnte, er werde ja eh nicht gewählt, also könne er, weiland junger Regierungsrat beim Finanzamt in Freiburg, es zur Abwechslung doch mal als Kandidat versuchen.

Zum Segen für Kohl wird Schäubles Arbeit als Chef des Kanzleramts von Ende 1984 an, zum Segen des Landes die Architektur, die er, seit 1989 erstmals Innenminister, dem Einigungsvertrag vom 3. Oktober 1990 gibt. Neun Tage danach wird er Opfer des Attentats von Oppenau. Die Obsession für das Politische, aber auch die schiere Freude am politischen Alltag werden nun zum Segen für ihn selbst. Beide, Obsession wie Freude, geben dem Querschnittsgelähmten seit jetzt mehr als zwei Jahrzehnten Kraft und Halt. Erhöhung durch und Bruch mit Kohl, Spendenaffäre und Rücktritt als Parteichef, das Durchsetzen Berlins als Hauptstadt, die vergebliche Kandidatur fürs Präsidentenamt und der Ministerdienst für Frau Merkel: Was auf das Attentat folgte, sind jeweils schmerzliche, aber gemeisterte Niederlagen oder energisch angestrebte und dann auch errungene Siege. Auch sie passieren in Feldenkirchens Porträt angemessen Revue.

Dessen Obsession, nicht nur einmal vom „vielfach gedemütigten“ Schäuble zu reden, verkennt Gesinnungs- wie Verantwortungsethos dieses Politikers. Es ist gut, dass er weitermacht.

Theo Waigel über Wolfgang Schäuble in „Es ist, wie es ist“:

„Man hätte zeigen müssen, wie er den Alltag im Rollstuhl bewältigt. Und dass es nicht darauf ankommt, eine Truppenformation abzuschreiten. Sondern entscheidend ist, wie man ein Leben gestaltet. Und wenn jemand ein schwieriges Leben so gestaltet, dann hat er auch die Kraft, einen Staat zu führen.“

Es ist, wie es ist - Wolfgang Schäuble wird 70 läuft am 17. September um 21 Uhr bei Phoenix, Merkels Bester am 18. September um 23 Uhr im SWR-Fernsehen.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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