Home
http://www.faz.net/-gqz-78maa
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Zum Tode von Vivi Bach Die kluge Schönheit

Anfang der siebziger Jahre ist sie zur Leitfigur der verspäteten Weltoffenheit der Bundesrepublik und der Gleichberechtigung deutscher Frauen geworden: Zum Tode der Sängerin und Moderatorin Vivi Bach.

Wie soll man die Ausstrahlung der Vivi Bach heute beschreiben? Geht es um ihre phänomenale Fernsehpräsenz, die zwischen 1969 und 1972 in der legendären Samstagabend-Show „Wünsch Dir was“ ihren Höhepunkt erreichte, könnte man auf Michelle Hunziker verweisen. Vergleichbar schön und wie Vivi Bach mit einem untilgbaren Akzent, den Deutsche als sympathisch empfinden, strahlte Hunziker in „Wetten, dass ..?“ eine ähnlich zwischen Erotik und Intelligenz schillernde Weiblichkeit aus.

Dieter  Bartetzko Folgen:  

Michelle Hunziker durfte nur glänzen, wenn Großmeister Gottschalk einen schlechten Moment hatte. Vivi Bach konnte sich an der Seite ihres Ehemanns Dietmar Schönherr frei entfalten. So begann, was sie später als Malerin, Kinderbuchautorin und Koregisseurin bei Theatertourneen zu ihrer eigentlichen Tätigkeit machte.

Von einer „dänischen Bardot“ zur Künstlerin

Dass Vivi Bach meist in einem Atemzug mit Dietmar Schönherr genannt wurde, war nahezu unvermeidlich. Denn nur er, der renommierte Schauspieler und respektierte Talkmaster, konnte seiner Frau den Weg von einer „dänischen Bardot“ zur Künstlerin bahnen. Dabei hatte ihre Heimat Dänemark sie keineswegs nur als, wie man damals sagte, „Sexbiene“ wahrgenommen.

Ihre Karriere begann die Gymnasiastin Bak als Sängerin in den Jazzkellern Kopenhagens, nahm nach Gesangs- und Schauspielunterricht ein Angebot als Tourneesängerin an und erhielt für erste kleine Theaterrollen wohlwollende Kritiken.

Zur Harmlosigkeit verurteilt

Deutsche Produzenten, auf der Suche nach weiteren blonden und einigermaßen singen könnenden Schönheiten, die, wie Bibi Johns, Siw Malmkvist oder Anita Lindblom, als „Skandinavien-Export“ die Umsätze deutscher Plattenfirmen erhöhten, holten Vivi Bach nach Deutschland. 1959 stand sie neben Hans-Joachim Kulenkampff in der seichten Komödie „Immer die Mädchen“ erstmals vor einer deutschen Filmkamera.

Sage und schreibe 45 Filme überwiegend desselben biederen Formats folgten; dazu zahllose Platten, oft als Duettpartnerin von ebenfalls zu Harmlosigkeit verurteilten Sängern wie Rex Gildo, Fred Bertelmann, Bill Ramsey oder Gus Backus.

Kulleraugen und Verstand schließen sich nicht aus

Mit „Wünsch Dir was“ hatte sich Vivi Bach freigeschwommen und war, vom damaligen Publikum unbemerkt, zur Leitfigur der verspäteten Weltoffenheit der Bundesrepublik und der Gleichberechtigung deutscher Frauen geworden, Kronzeugin dafür, dass hinter Lolita-Kulleraugen ein Verstand stecken kann und ein üppiges Dekolleté nicht zwangsläufig Intellekt ausschließen muss.

Ohne Bedauern zog sie sich Ende der siebziger Jahre zurück und wandte sich ihren Passionen sowie den zahlreichen sozialen Stiftungen zu, die sie und ihr Mann ins Leben gerufen hatten. Am Montag ist Vivi Bach im Alter von 73 Jahren gestorben.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt Der Arzt, dem die Promis vertrauen

So wie Uli Hoeneß den Posten des Fußballmanagers erfand, führte Müller-Wohlfahrt den des Sportmediziners in eine neue Dimension. Aber er ist viel verschwiegener. Mehr Von Michael Ashelm

17.04.2015, 16:54 Uhr | Wirtschaft
Dresden Zehntausende protestieren gegen Pegida

Zehntausende Menschen sind in Dresden einem Aufruf der sächsischen Landesregierung zur Teilnahme an einer Kundgebung für Weltoffenheit und Mitmenschlichkeit gefolgt. Die Polizei sprach von einem friedlichen Verlauf der Veranstaltung. Mehr

11.01.2015, 10:47 Uhr | Politik
Ritchie Blackmore zum 70. Ein Wasserrauchmelder

Er war für das Kreischen und Jaulen der Gitarrensaiten bei Deep Puple verantwortlich und kämpfte so wacker gegen Rachendrachen, dass sogar Hegel stille staunt. Wir gratulieren zum Geburtstag. Mehr Von Dietmar Dath

14.04.2015, 12:09 Uhr | Feuilleton
Tanzende First Lady Michelle Obama auf dem Dancefloor

In der amerikanischen Fernsehshow Ellen hat Michelle Obama das Tanzbein geschwungen und verraten, was sie unbedingt machen möchte, wenn die Amtszeit ihres Mannes als Präsident vorüber ist. Mehr

17.03.2015, 15:16 Uhr | Gesellschaft
Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt Der Wunderheiler hat fertig

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt war kein Mannschafsarzt. Der Doc von Bayern München war Vertrauensarzt vieler Generationen deutscher Spitzensportler. Auch ein wirtschaftliches Scheitern konnte seinem Ruf nichts anhaben. Nun geht er vor Guardiola in die Knie. Mehr

17.04.2015, 12:20 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 23.04.2013, 16:50 Uhr

Tottelei

Von Hannes Hintermeier

Seit Joseph Ratzinger nicht mehr Papst ist, tottelt es in seiner Heimatstadt Marktl am Inn, stand in einer großen deutschen Zeitung. Klingt alarmierend, aber was bedeutet das genau? Mehr