http://www.faz.net/-gqz-78maa
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 23.04.2013, 16:50 Uhr

Zum Tode von Vivi Bach Die kluge Schönheit

Anfang der siebziger Jahre ist sie zur Leitfigur der verspäteten Weltoffenheit der Bundesrepublik und der Gleichberechtigung deutscher Frauen geworden: Zum Tode der Sängerin und Moderatorin Vivi Bach.

von

Wie soll man die Ausstrahlung der Vivi Bach heute beschreiben? Geht es um ihre phänomenale Fernsehpräsenz, die zwischen 1969 und 1972 in der legendären Samstagabend-Show „Wünsch Dir was“ ihren Höhepunkt erreichte, könnte man auf Michelle Hunziker verweisen. Vergleichbar schön und wie Vivi Bach mit einem untilgbaren Akzent, den Deutsche als sympathisch empfinden, strahlte Hunziker in „Wetten, dass ..?“ eine ähnlich zwischen Erotik und Intelligenz schillernde Weiblichkeit aus.

Michelle Hunziker durfte nur glänzen, wenn Großmeister Gottschalk einen schlechten Moment hatte. Vivi Bach konnte sich an der Seite ihres Ehemanns Dietmar Schönherr frei entfalten. So begann, was sie später als Malerin, Kinderbuchautorin und Koregisseurin bei Theatertourneen zu ihrer eigentlichen Tätigkeit machte.

Von einer „dänischen Bardot“ zur Künstlerin

Dass Vivi Bach meist in einem Atemzug mit Dietmar Schönherr genannt wurde, war nahezu unvermeidlich. Denn nur er, der renommierte Schauspieler und respektierte Talkmaster, konnte seiner Frau den Weg von einer „dänischen Bardot“ zur Künstlerin bahnen. Dabei hatte ihre Heimat Dänemark sie keineswegs nur als, wie man damals sagte, „Sexbiene“ wahrgenommen.

Ihre Karriere begann die Gymnasiastin Bak als Sängerin in den Jazzkellern Kopenhagens, nahm nach Gesangs- und Schauspielunterricht ein Angebot als Tourneesängerin an und erhielt für erste kleine Theaterrollen wohlwollende Kritiken.

Zur Harmlosigkeit verurteilt

Deutsche Produzenten, auf der Suche nach weiteren blonden und einigermaßen singen könnenden Schönheiten, die, wie Bibi Johns, Siw Malmkvist oder Anita Lindblom, als „Skandinavien-Export“ die Umsätze deutscher Plattenfirmen erhöhten, holten Vivi Bach nach Deutschland. 1959 stand sie neben Hans-Joachim Kulenkampff in der seichten Komödie „Immer die Mädchen“ erstmals vor einer deutschen Filmkamera.

Sage und schreibe 45 Filme überwiegend desselben biederen Formats folgten; dazu zahllose Platten, oft als Duettpartnerin von ebenfalls zu Harmlosigkeit verurteilten Sängern wie Rex Gildo, Fred Bertelmann, Bill Ramsey oder Gus Backus.

Kulleraugen und Verstand schließen sich nicht aus

Mit „Wünsch Dir was“ hatte sich Vivi Bach freigeschwommen und war, vom damaligen Publikum unbemerkt, zur Leitfigur der verspäteten Weltoffenheit der Bundesrepublik und der Gleichberechtigung deutscher Frauen geworden, Kronzeugin dafür, dass hinter Lolita-Kulleraugen ein Verstand stecken kann und ein üppiges Dekolleté nicht zwangsläufig Intellekt ausschließen muss.

Ohne Bedauern zog sie sich Ende der siebziger Jahre zurück und wandte sich ihren Passionen sowie den zahlreichen sozialen Stiftungen zu, die sie und ihr Mann ins Leben gerufen hatten. Am Montag ist Vivi Bach im Alter von 73 Jahren gestorben.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Herbe Kritik von Hambüchen Sind Sie bescheuert, gnädige Frau?

Nach den Spielen in Rio greift Fabian Hambüchen in einem Interview Thomas Bach und das IOC direkt an. Der Reck-Olympiasieger gibt zudem einen Einblick hinter die Kulissen – und übt harte Kritik. Mehr

24.08.2016, 11:40 Uhr | Sport
Norwegen Erste wehrpflichtige Frauen rücken in die Kasernen ein

Norwegen macht jetzt endgültig ernst mit der Gleichberechtigung: Die Wehrpflicht gilt in dem skandinavischen Land jetzt auch für Frauen. In den Kasernen arbeiten die Soldaten und Soldatinnen nicht nur gemeinsam, sie teilen sich auch die Zimmer in den Unterkünften. Mehr

28.08.2016, 15:46 Uhr | Politik
Ifo-Index Deutlich trübere Stimmung in der Wirtschaft

Der Ifo-Geschäftsklimaindex hat sich im August überraschend stark eingetrübt. Ist das ein verspäteter Brexit-Schock? Mehr

25.08.2016, 10:59 Uhr | Wirtschaft
Komödie Toni Erdmann Jetzt mach mir hier aber mal bitte keine Zähne

Maren Ades furiose Filmkomödie Toni Erdmann ist ein Sozialuniversaldrama. Der Film geht in jeder Hinsicht aufs Ganze. Mehr Von Dietmar Dath

25.08.2016, 11:39 Uhr | Feuilleton
Diamond League Nächste Enttäuschung für deutsche Leichtathleten

Es sollte eine Olympia-Revanche werden – doch für die deutschen Leichtathleten lief es auch in der Diamond League in Lausanne nicht besser als in Rio. Robert Harting, Christina Schwanitz und Christina Obergföll enttäuschen abermals. Mehr

26.08.2016, 08:30 Uhr | Sport
Glosse

Weltzerleger

Von Jürgen Kaube

Diesen Mann hätten wir alle gerne als Mathematiklehrer gehabt, denn bei George Spencer Brown war nie etwas sicher. Genau wie im richtigen Leben also. Mehr 1 0